Das andere Lager führt ins Feld, dass der Vertrag(in seiner englischsprachigen Fassung) die Souveränität der Krone festschreibe, unter der alle Neuseeländer:innen dieselben Rechte und Pflichten genießen. Diese widerstreitenden Vorstellungen mündeten schließlich 2024 in einen offenen Konflikt, als im Parlament ein Gesetzentwurf eingebracht wurde, demzufolge die„Grundsätze des Vertrags“ entlang der letzteren Auslegung verstanden werden sollten. Trotz des Scheiterns dieser Gesetzesvorlage offenbarte der Vorgang grundlegende Differenzen, die so schnell nicht verschwinden werden. Das neoliberale Experiment Diese Auseinandersetzungen offenbaren, dass viele Neuseeländer:innen individuellen Rechten und privatem Unternehmertum Vorrang einräumen. Ebensolche Ideen dominieren seit dem wichtigen Wahlsieg der Labour Party im Jahr 1984, woraufhin Neuseeland zum Musterschüler des Neoliberalismus avancierte. Das ‚neuseeländische Modell‘ der öffentlichen Politik( Public Policy) wurde zum Lieblingsthema jener internationalen Agenturen und Institutionen, die die Globalisierung vorantrieben. Für einfache Neuseeländer:innen waren die Resultate der radikalen Reformen der Labour-Regierung jedoch bestenfalls gemischt. In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jah ren erlebte das Land einen starken Anstieg bei der Einkommensungleichheit und Arbeitslosigkeit. Heute ist der gesellschaftliche und institutionelle Niedergang schon im Straßenbild sichtbar: Wohnungslosigkeit, Drogenmissbrauch, Gesundheitsprobleme und Verelendung treffen viele, insbesondere Angehörige der Māori Community. Am entgegen gesetzten Ende des gesellschaftlichen Spektrums hat eine – in einer zahlenmäßig so kleinen Bevölkerung naturgemäß eng vernetzte und selbsterhaltende – wohlhabende Elite ihre Privilegien gefestigt. Das neoliberale Streben nach einem ‚schlanken‘ Minimalstaat ist allerdings an seine Grenzen gestoßen; das ‚neuseeländische Modell‘ konnte nie vollständig umgesetzt werden. Heute erhoffen sich Neuseeländer:innen aus allen politischen Lagern vom Staat Verbesserungen bei der öffentlichen Daseinsvorsorge und der Wirtschaftsleistung, wenngleich größte Uneinigkeit über das Wie besteht. Die konservative National Party verspricht, sie werde das Wachstum der Wirtschaft ankurbeln wie bei einer simplen Gartenpflanze, womit sie jeglichen Anspruch auf Hayek’sche Laissez-faire Prinzipien aufgegeben hat. Die Umstrukturierung der Wirtschaft hat allerdings enttäuschende Ergebnisse gebracht. Das Pro-Kopf-BIP ist in den zwei Jahren bis Juni 2025 um 2,8 Prozent gesunken. Die Wirtschaft hat noch immer mit den Folgen der strengen Covid-Lockdowns zu kämpfen, und sie leidet im Übrigen seit der Weltwirtschaftskrise in den 1970erJahren unter einem anhaltend defizitären Produktivitätsniveau. Nicht zuletzt, weil der Neuseeland Dollar auf internationalen Märkten bedeutungslos ist, ist das Land hinter die anderen OECD-Länder zurückgefallen und droht sogar, in eine langfristige Schuldenspirale zu geraten. Auch wenn die meisten Neuseeländer:innen nach wie vor ein hohes Maß an Lebenszufriedenheit und Wohlbefinden bekunden und die neuseeländische Gesellschaft noch immer von einem hohen Vertrauensniveau gekennzeichnet ist, konstatierte die von der Statistikbehörde herausgegebene Bevölkerungsumfrage im Jahr 2023 eine Erosion des Vertrauens in zentrale öffentliche Dienste und Institutionen sowie das Parlament. Eine ungewisse Zukunft Politische Polarisierung, wirtschaftliche Ungleichheit, Klimawandel und die Revolution der künstlichen Intelligenz(KI) haben aus Neuseeland einen in Teilen abgehängten, fragilen Staat gemacht: ein gespaltenes Land, das einer ungewissen Zukunft entgegenblickt. So sehr sich die Regierung – durch Investitionen in Bildung und Forschung, oder durch intelligentere oder weniger Regulierung – bemühen mag, die Produktivität zu erhöhen und die Chancengleichheit zu stärken: Neuseeland fehlt es an Größe, um mit den digitalen Plattformen konkurrieren zu können, die zunehmend das globale Wirtschaftswachstum bestimmen, insbesondere durch KI. Die Neuseeländer:innen werden Gebühren und Abo-Kosten an die Mega-Plattformen zahlen, während sie gleichzeitig Werbeeinnahmen verlieren. Denn sie haben im Austausch wenig anderes als ihre traditionellen landwirtschaftlichen Güter anzubieten. Diesen Exporten droht jedoch die Verdrängung durch neue landwirtschaftliche und proteinherstellende Technologien, mit denen Nahrungsmittel in größerer Nähe zu den kaufkräftigsten Verbraucher:innen dieser Welt produziert werden können. Die Identitäts- und Anspruchspolitik rund um die Tiriti- Debatte hat dazu geführt, dass der Blick des Landes vornehmlich nach innen und in die Vergangenheit gerichtet ist. Öffentliche Debatten über Wirtschaft und Gesellschaft drehen sich naturgemäß um den Staat, doch gibt es keine Einigkeit über dessen Grundlage. Den politischen Parteien fehlt es an überzeugenden Visionen für künftigen Wohlstand, während die Bevölkerung immer weniger Vertrauen in sie setzt. Die Debatten in Wahlkämpfen drehen sich in der Regel um Steuern, Transferleistungen und die öffentliche Daseinsvorsorge – zweifellos wichtige Themen –, doch wird Neuseelands Produktivitätslücke höchstwahrscheinlich – unabhängig davon, wer gerade regiert – noch weiter anwachsen. Das verlorene Paradies 3
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