9. August 2002 Muslim-Pogrome in Gujarat: Indiens säkulare Tradition in Gefahr? Vesna Rodic, FES, Delhi • Nach einem Überfall auf einen mit Hindu-Pilgern voll besetzten Zug in der Nähe von Godhra brachen Ende Februar im indischen Unionsstaat Gujarat Pogrome gegen Muslime aus. • Die Pogrome unterscheiden sich von früheren Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen dadurch, dass sie im Voraus geplant waren und in ihrer Durchführung vom Staat unterstützt wurden. • Gujarat ist besonders anfällig für Kommunalismus. Seine besonders erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung der letzten hundert Jahre ging einher mit Verstädterung, sozialer Mobilität und Verelendung. Dies wiederum führte zu sozialem Wandel und einem Verfall traditioneller Werte. Große Teile der verunsicherten Mittelschicht wandten sich in der Folge den Hindunationalisten zu. • Das unbewältigte kollektive Trauma der Teilung Britisch Indiens ist Hintergrund nicht nur der Spannungen mit Pakistan, sondern auch der kommunalistischen Gewalt zwischen Hindus und Muslimen im heutigen Indien. • Die hindunationalistische Partei BJP hat auf Bundesebene ihre vergangenen Wahlerfolge aber weniger kommunalistischen Agitationen als dem Niedergang der Kongresspartei zu verdanken. Korruptionsskandale, Reformstau und Verwässerung der Hindutum-Agenda verkleinern ihre Wählerschaft zunehmend. • Die Pogrome in Gujarat haben viele Sympathisanten der Hindunationalisten zutiefst erschreckt sowie die säkulare intellektuelle Elite des Landes und die Zivilgesellschaft wachgerüttelt. Wiederholungen der Ausschreitungen in anderen Regionen sind daher unwahrscheinlich. Während die Welt aufmerksam die Konfrontation zwischen den Atommächten Indien und Pakistan betrachtet, verlaufen die seit zehn Jahren schlimmsten Unruhen zwischen Hindus und Muslimen im indischen Gujarat weitgehend unbeachtet. Und das obwohl sie verheerende Folgen haben. Offiziell ist von insgesamt 700 Toten die Rede, inoffizielle Quellen rechnen mit über 2000. Geschätzte 100.000 Menschen waren zeitweise auf der Flucht, 15.000 befinden sich noch Monate später in improvisierten Flüchtlingslagern. Der ökonomische Schaden beläuft sich auf mehrere Milliarden US-Dollar. Obwohl es inzwischen gelungen ist, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen, ist die Situation weit von der Normalität entfernt. Die Opfer des tagelangen Mordens und Plünderns waren überwiegend Muslime. Muslimische Geschäfte und Häuser wurden geplündert, Moscheen zerstört und die muslimische Bevölkerung verfolgt, gefoltert und ermordet. Die muslimische Minderheit in Gujarat fühlt sich nun im Belagerungszustand und ist kollektiv traumatisiert. Muslime in ganz Indien sind zutiefst verunsichert. Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen gab es in Indien schon viele. Zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Indien ist die Straßengewalt diesmal allerdings nicht spontaner Ausdruck der Intoleranz zwischen Vertretern der beiden Religionen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass militante Hindus die Übergriffe bereits Monate im Voraus geplant haben und der Staat sie bei der Durchführung dann unterstützt hat. - 1-
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Muslim-Pogrome in Gujarat : Indiens säkulare Tradition in Gefahr?
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