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Muslim-Pogrome in Gujarat : Indiens säkulare Tradition in Gefahr?
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derlage in den nächsten Landtagswahlen zu verhin­dern. Gujarats Weg zum Kommunalismus In Gujarat ist es militanten Hindu-Organisationen über die letzten Jahrzehnte offenbar gelungen, die wirt­schaftliche Elite für sich zu gewinnen, staatliche Insti­tutionen zu unterwandern und die in Indien ohnehin präsente soziale Kluft zwischen Hindus und Muslimen zu vertiefen. Pessimistische Beobachter befürchten, dass die im Namen des Hinduismus propagierte Kultur der Intole­ranz gegenüber Muslimen und anderen Minderheiten auch in anderen Landesteilen Fuß fassen könnte. Sie sehen das Ende des Säkularismus, des Pluralismus und der gesellschaftlichen Toleranz kommen und damit die Demokratie in Indien ernsthaft bedroht. Die Frage, weshalb die in Gujarat besonders aktiven Hin­dunationalisten dort einen fruchtbaren Boden gefun­den haben, um ihrer Idee von einer Hindu-Leitkultur Akzeptanz zu verschaffen, beschäftigt die gesamte intellektuelle Elite des Landes, die sich im Schockzu­stand befindet und nicht weiß, wie sie auf diese neue Qualität der Gewalt reagieren soll. Die jüngere Geschichte Gujarats ist stark vom Kom­munalismus- wie in Südasien die Ausschreitungen zwischen verschiedenen ethnischen oder religiösen Gruppen bezeichnet werden- geprägt. Seit sich 1969 die ersten schweren Zusammenstöße in Ahmedabad zwischen Hindus und Muslimen ereigneten, gab es immer wieder Unruhen, unterbrochen von Phasen eines Friedens, der von Beobachtern als angespannt und unkomfortabel wahrgenommen wurde. Zwischen 1970 und 2002 wurden 443 kommunalistische Aus­schreitungen von größerem Ausmaß verzeichnet. Die letzten schweren Zusammenstöße zwischen Hindus und Muslimen ereigneten sich 1992/93, als die Babri­Moschee in Ayodhya niedergerissen wurde. Kommunalismus ist ein überwiegend städtisches Phänomen. Als ökonomisch am schnellsten wachsen­de Region Indiens bildet Gujarat mit seinen 55 Städ­ten und einem hohen Industrialisierungsgrad daher einen besonders dicht besiedelten Konfliktboden. Seine Entwicklung zu einem Handels- und Industrie­zentrum in den letzten 100 Jahren hatte neben der Modernisierung auch die Auflösung der kulturspezifi­schen sozioökonomischen Muster der alten Eliten zur Folge. Während ihre Verhaltensnormen traditionell auf Kompromissbereitschaft und Konfliktvermeidung be­ruhten, setzten ihre Nachfolger, die neuen Kapitali­sten, in ihrer Nachfrage nach billigen Arbeitskräften und höheren Profiten auf aggressive Methoden. Auf­grund des veränderten geschäftlichen und gesell­schaftlichen Klimas stiegen die sozialen Spannungen an. Die Städte explodierten durch den Zuzug von tau­senden Arbeitsmigranten, viele von ihnen Muslime. In einer weiteren Phase des Strukturwandels führte der Verfall der Textilindustrie zu neuem sozialen Elend. Die organisierte Kriminalität etablierte sich in den Städten und erhielt starken Zulauf von arbeitslosen jungen Muslimen. Hindus ohne berufliche Perspekti­ven suchten ihre Frustration zu kanalisieren und wur­den für die Botschaften extremistischer Hindu­Organisationen empfänglich. Diese Konstellation bil­dete die Grundlage für die andauernden Konflikte und das gegenseitige Misstrauen zwischen Hindus und Muslimen der sozial schwachen Schichten in den Städten Gujarats. Die etablierte wirtschaftliche Elite- allesamt Hindus der höheren Kasten- sah ihre privilegierte Position erstmals ernsthaft bedroht, als seit den 80er Jahren zunehmend Dalits, Adivasis und auch Muslime zu erfolgreichen Unternehmern aufstiegen und um die wirtschaftliche und politische Macht in Gujarat konkur­rierten. Die Reservierungspolitik zugunsten von Min­derheiten, die von der Kongresspartei zur Sicherung ihrer Stimmen instrumentalisiert wurde, war in den 80er Jahren ein Auslöser für schwere Ausschreitun­gen gegenüber Dalits und anderen marginalisierten Gruppen. Die BJP, deren Führungskader sich ebenfalls aus höheren Kasten rekrutiert, nutzte die zunehmende Verunsicherung der Mittelschicht in Gujarat, um mit aggressiven Agitationen und spektakulären Kampa­gnen ihre Basis auszubauen. Sie nutzte geschickt ein Vakuum, entstanden durch den Verfall alter Wertvor­stellungen und durch den langsamen Niedergang der Kongresspartei, um die moderne und fortschrittliche, aber zunehmend orientierungslose Mittelschicht für sich zu gewinnen. Die wohlhabende Diaspora Guja­rats wendete sich in ihrem Bedürfnis nach einer ei­genständigen kulturellen Identität ebenfalls den Hin­dunationalisten zu und sicherte den militanten Schwe­sterorganisationen der BJP üppig fließende Finanzie­rungsquellen. In Gujarat ist es extremistischen Kräften so innerhalb einer relativ kurzen Zeit gelungen, Staat und Gesellschaft für ihre politischen Ziele zu instru­mentalisieren. Erfolg und Misserfolg der BJP Doch was in Gujarat möglich war, wird sich anderswo kaum wiederholen lassen. Die BJP verdankt zwar ihre politische Macht in Delhi den Mittelschichten in ganz Indien. Die Ayodhya-Kampagne war aber nicht der wichtigste Grund für ihren Wahlerfolg, sondern ihr sauberes Image und ein umfangreiches wirtschaftspo­- 3-