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Muslim-Pogrome in Gujarat : Indiens säkulare Tradition in Gefahr?
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vielfältigen Vorurteile über sie, für deren Pflege die Hindunationalisten zuständig sind, werden von der hinduisierten Bevölkerung unreflektiert übernommen. Sie sitzen so tief, dass selbst aufgeklärte, gut gebil­dete Hindus dazu neigen, ihnen Glauben zu schen­ken. Dabei blieben vor allem die säkular orientierten mus­limischen Eliten und die ärmeren Schichten, die nichts zu verlieren hatten und nicht in den von der Teilung betroffenen Gebieten lebten, in Indien. Heute leben geschätzte 140 Millionen Muslime im Land, mehr als in Pakistan. Damit ist Indien nach Indonesien das Land mit der zweitgrössten muslimischen Bevölkerung weltweit. An der Situation der Muslime hat sich allerdings seit der Teilung wenig geändert. Abgesehen von der klei­nen, wirtschaftlich, kulturell oder politisch erfolgrei­chen Elite sind die Muslime in Indien in jeder Hinsicht Bürger zweiter Klasse. Sie gehören zu den ökono­misch marginalisierten und sozial benachteiligten Minderheiten, und seit Beginn der Ayodhya­Kampagne entziehen sie sich in einem langsamen Ghettoisierungsprozess zunehmend dem gesell­schaftlichen Mainstream. Während die säkulare Elite ihre politische Heimat in den etablierten Parteien links von der Mitte findet, haben die Millionen gläubiger Muslime in Indien keine Führungsschicht, die sie in Delhi wirksam zu vertreten wüsste. Obwohl die große Mehrheit für religiösen Fanatismus nicht viel übrig hat, steigt daher die Zahl der islamistischen Organisatio­nen. Eine neue Generation von jungen, zornigen Is­lamisten wächst im eigenen Land heran. Da hilft es nicht viel, dass auch die BJP ihre Vorzeigemuslime hat und dass sie bei den gerade stattgefundenen Prä­sidentschaftswahlen den muslimischen Nobelpreisträ­ger undVater des indischen Raketenprogramms Abdul Kalam als neuen Präsidenten Indiens vereidi­gen konnte. Die verfolgten Muslime Gujarats und die am Werteka­non des Islam orientierten Millionen brauchen eine Führung, die ihre Interessen als Muslime und als Bür­ger Indiens vertreten kann. Nur eine säkulare Regie­rung wird verhindern können, dass sich die Gewaltspi­rale zwischen militanten Hindus und radikalen Islami­sten weiter dreht. Ein Verbot von extremistischen Organisationen wie Vishwa Hindu Parishad(VHP) und Bajrang Dal, die mitunter mit den Taliban verglichen werden, würde erheblich dazu beitragen, die muslimi­sche Gemeinschaft in Indien radikalen Einflüssen zu entziehen, und die Spannungen mit Pakistan zu redu­zieren. Keine Gefahr für Indiens Demokratie Trotz des düsteren Zukunftszenarios, das sich für viele Beobachter mit den Ereignissen von Gujarat und der wachsenden Militanz von Extremisten beider Reli­gionsgruppen anzudeuten scheint, sind Pogrome in anderen Teilen Indiens nicht ohne weiteres möglich. Jeder in Indien bestehende oder in Zukunft mögliche Konflikt hat seine eigene Geschichte und seine eigene Dynamik. Die einzelnen Unionsstaaten sind in ihrer Situation so unterschiedlich, dass Parallelen selten anzutreffen sind und die Konflikte jeweils durch unter­schiedliche Faktoren verursacht werden. Gujarat war aufgrund seiner frühen Industrialisierung und Urbani­sierung für kommunalistische Konflikte immer beson­ders anfällig lange bevor die BJP die Regierung stellte. Die Kommunalisierung der städtischen Bevöl­kerung wird mit der Urbanisierung Indiens weiter vor­anschreiten, doch in vielen Regionen interessiert man sich weder für den Kaschmir-Konflikt noch ist man für anti-muslimische Ideologien empfänglich. Die militan­ten Hindu-Organisationen werden versuchen, ihre Gefolgschaft auszubauen, aber der Großteil der indi­schen Gesellschaft ist nicht so hinduisiert, wie die Mittelschicht Gujarats. Die Pogrome in Gujarat haben viele Sympathisanten der BJP zutiefst erschreckt. Selbst in Gujarat ist man schockiert über das Ausmaß der Gewalt und empfin­det nur noch Scham darüber, dass man die Hass­kampagne der Hindunationalisten unterschätzt hat. Der wirtschaftliche Schaden wiegt zudem schwerer als die potentielle Genugtuung über die Vernichtung der muslimischen Unternehmerschaft. Gujarat wird Monate brauchen, um sich finanziell von den Aus­schreitungen zu erholen. Dabei hatte es noch mit den Folgen des großen Erdbebens im Jahr zuvor ge­kämpft. Die Ereignisse haben die gesamte indische Wirtschaft getroffen und bedrohen das ohnehin gerin­ge Wachstum. Die Hindunationalisten haben kein Interesse daran, den Vertrauensverlust der Investoren in Zukunft weiter zu vertiefen. Die BJP hat auch darüber hinaus nicht die erforderli­che Wählerbasis, um Indien allein regieren zu können. Sie ist trotz aller Kampagnen bisher nicht über die 25%-Hürde hinausgekommen und verliert aus vielen Gründen an Akzeptanz. Die Zukunft der indischen Politik liegt in ihrer Regio­nalisierung und im Zwang zur Koalitionsbildung. Das wird den gemäßigten und säkularen Kräften mehr politische Einflussnahme erlauben. Die intellektuelle Elite des Landes und die Zivilgesellschaft wurden durch die Ereignisse in Gujarat wachgerüttelt. Viele sehen in der Krise eine Chance, die säkularen Kräfte zu bündeln und den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch neue Initiativen zu fördern. - 5-