litisches Reformprogramm. Der schleichende Verfall der Kongresspartei, ihre zunehmende Unfähigkeit, die vielfältigen wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes beherzt anzugehen und die innerparteiliche Stagnation und Korruption machten den Weg frei für die Hindunationalisten, da es keine andere, realistische Alternativen gab. In einem Augenblick, in dem die Kongresspartei an einem historischen Tiefpunkt angelangt schien, verschaffte die Agitation um Ayodhya der BJP den notwendigen identitätsstiftenden Rahmen für die Idee einer Nation der Hindus. Die Kampagne war im wesentlichen eine Antwort auf den Versuch der Regierung V. P. Singhs, landesweit die Quoten für Dalits zu erhöhen. Teile der Eliten und der Mittelschichten fürchteten um ihre privilegierte Position und wendeten sich darauf hin ab von der Kongresspartei. Die Koalitionspartner gewann die BJP nur, weil viele der kleineren Regionalparteien nicht mehr bereit waren, sich durch eine Allianz mit dem Kongress bei ihrer Stammklientel zu kompromittieren. Seitdem die BJP durch einige größere Korruptionsskandale ihre Unschuld verlor und einen großen Vertrauensverlust erleiden musste, seit zudem die Reformfreude ins Stocken geraten ist, ist ihre Wählerbasis konstant geschrumpft. In einer Reihe von Landtagswahlen erlitt sie seit 1998 Niederlagen, allein dieses Jahr verlor sie die Regierungsbeteiligung in vier Ländern. Ausserdem musste sie auf Druck einiger Koalitionspartner auf wesentliche Punkte ihrer Hindutum-Agenda verzichten und verwässerte damit ihr Profil im eigenen politischen Lager. Profitiert hat davon vor allem die Kongresspartei, die noch 1998 in nur fünf Ländern an der Macht war und im Augenblick wieder in 15 Ländern bzw. Unionsterritorien regiert. Bei den jüngsten Wahlen in Uttar Pradesh im Februar konnte auch die wieder aufgelegte Agitation zum Tempelbau in Ayodhya nicht verhindern, dass die BJP nur 22% der Sitze erhielt. Deshalb bemüht sie sich in den letzten Jahren verstärkt darum, ihre politische Basis auszuweiten und sucht außerhalb der städtischen Mittelschichten nach neuen Anhängern. Entgegen der gängigen Hindutva-Ideologie sind dabei sogar Dalits und Adivasis plötzlich salonfähig und werden mit Geld, politischen Posten und sozialer Anerkennung gelockt. Nur so lässt sich auch deren Beteiligung an den Ausschreitungen in Gujarat erklären. Die unbewältigten Folgen der Teilung Teile der indischen Mittelschicht sind auch außerhalb Gujarats bereit, der Hindutum-Ideologie zu folgen und die Muslime als potentielle Bedrohung ihrer Gesellschaftsordnung zu sehen. Die Gründe hierfür sind so komplex wie die Geschichte des Subkontinents selbst. Die Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien sind geprägt von der kollektiven Erinnerung beider Religionsgruppen an eine gewaltsame Vergangenheit. Die Muslime, die seit dem 12. Jahrhundert als Eroberer nach Indien kamen, wuchsen über die Jahrhunderte zur größten Minderheit in der Region an. Muslimische Dynastien wie die Moghulen herrschten zeitweise über riesige Reiche, in denen die Hindus die Untertanen stellten. Je nachdem, ob die neuen Herrscher die religiösen, kulturellen und sozialen Identitäten der Hindu-Gemeinschafen tolerierten, oder ob blutige Bekehrungskriege und Zerstörungswut die Folge waren, entwickelte sich in jeder Region und jeder geschichtlichen Periode ein mehr oder weniger friedliches Muster des Zusammenlebens von Hindus und Muslimen. Die britische Kolonialherrschaft auf dem indischen Subkontinent endete 1947 auch deshalb mit der Bildung zweier Staaten, weil die Briten die seit je her vorhandenen Spannungen geschickt für ihre Expansionspolitik auf dem Subkontinent zu nutzen wussten und die vorhandene soziale Kluft durch eine Politik des ‚divide and rule’ vertieften. Das führte zur Entwicklung der Zwei-Nationen-Theorie und der Entstehung zweier Staaten auf religiöser Basis. Der indische Nationalkongress(heutige Kongresspartei) hatte bis zuletzt alles versucht, um dies zu verhindern, doch der pakistanische Staatsgründer Jinnah und die MuslimLiga waren der festen Überzeugung, dass es den Muslimen in einem eigenen Staat besser ergehen würde, und auch Nehru glaubte, darin liege die Lösung der kommunalistischen Probleme. Vom Trauma der blutigen Teilung haben sich Teile der pakistanischen wie der indischen Gesellschaft bis heute nicht erholt, und es ist vor allem dieses unbewältigte kollektive Trauma, das den Hintergrund des Kaschmirkonflikts, der indisch-pakistanischen Spannungen und der kommunalistischen Gewalt zwischen Hindus und Muslimen im heutigen Indien bildet. Die Hindutum-Verfechter haben sich nie damit abgefunden, dass ihre Indien-Vision sich nicht durchsetzen konnte. In Gujarat, dem Geburtsland Gandhis, wurden sie besonders aktiv. Seine Philosophie der Gewaltlosigkeit und des gesellschaftlichen Pluralismus wurde von ihnen so sehr abgelehnt, dass Gandhi schließlich von einem Hindunationalisten ermordet wurde. Dass die militanten Hindus in Gujarat heute so gut organisiert sind, hängt auch mit ihrem nach wie vor sehr präsenten Hass auf Gandhis geistiges und politisches Erbe zusammen. Die Muslime, die sich für einen Verbleib in Indien entschieden, wurden von den Hindu-Extremisten seit je her als potentielle Landesverräter und als propakistanisch gesehen. Die negativen Mythen und - 4-
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