Sammelwerk 
Der 17. Juni 1953 : die Gewerkschaften und die Diktaturen des 20. Jahrhunderts ; Vorträge einer Veranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der Hans-Böckler-Stiftung am 13. Juni 2003 im Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin
Entstehung
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16 Wolfgang Thierse Präsident des Deutschen Bundestages Die Bedeutung des 17. Juni 1953 für die politische Kultur in Deutschland Der Umgang mit dem Gedenktag in den Jahrzehnten nach 1953 ist kritikwürdig: im Westen ein ritualisiertes Gedenken, bei dem mehr und mehr frühe DDR-Flüchtlinge und politische Rep­räsentanten der Bundesrepublik unter sich blieben ansonsten war es bloß noch ein in den sozialen Besitzstand übergegangener arbeitsfreier Tag, im Osten funktionierte die angstbesetzte Ta­buisierung des Aufstandes und seiner Helden und Opfer, wie von der SED gewünscht und erzwungen. Ich zweifle, ob es weiterhilft, die Ursachen dieses zwiespälti­gen Umgangs, dieses langen Desinteresses als eine Schuld der einen oder der anderen zu kritisieren. Denn man vergisst dabei etwas ganz Menschliches: Niederlagen lassen sich nicht gut fei­ern. Das ist meine Wahrnehmung des 17. Juni 1953. Es war eine Niederlage der Arbeiter im Arbeiter- und Bauernstaat. Sie war ein erster Schritt in die Resignation von vielen Ostdeutschen, und die Niederlage wurde zu einem Baustein für die Festigung der Macht der SED und Ulbrichts persönlich. Dessen Aus­wechslung war was damals natürlich niemand wusste in Moskau praktisch schon beschlossene Sache, unterblieb aber, weil man dem Volk diesen Gefallen nach dem Aufstand nicht mehr tun wollte. Moskau ging es um die Demonstration der Macht. Das hatte die SED-Politik längst deutlich gemacht was in die Vorgeschichte des 17. Juni gehört. Die Erhöhung der Ar­beitsnormen brachte ja nur die sich längst anstauende Empörung der Menschen zum Ausbruch. Sie war Anlass; Gründe gab es noch viele andere.