mangelnde Konkretisierung dessen, was der Marxismus- Leninismus für die Partei sein soll, bzw. was dieser“unfehlbare“ Weg genau vorgibt, kritisiert. Gleichzeitig gibt er sich als Reformer, indem er postuliert, dass manchmal gerade das Abweichen vom Weg zum Erfolg führt. Doch nicht nur in Bezug auf die Ideologie übt der ehemalige Premier Kritik. In seinem Pamphlet greift er auch die Linksradikalen innerhalb der Partei an und macht diese verantwortlich für die ökonomischen und gesellschaftlichen Rückschritte, mit denen Vietnam in der Vergangenheit zu kämpfen hatte. An eine zukünftige Führung appelliert er standhaft zu bleiben und den Weg der Modernisierung weiter zu gehen. Er fordert von den Entscheidungsgremien der Partei unabhängiger zu werden und Entscheidungen nicht zum Wohle der Partei, sondern zum Wohle des Landes und seiner Bevölkerung zu treffen. Fazit und Ausblick Vom nächsten Parteitag wird sowohl national als auch international viel erwartet. Welche konkreten Resultate dieser jedoch haben wird, bleibt weitgehend ungewiss. Schon allein aus biologischen Gründen ist sicher, dass sich viele der Älteren, vom Krieg geprägten Kader in den Ruhestand verabschieden werden. Eine jüngere, besser und vor allem internationaler ausgebildete Generation wird nach und nach in Führungspositionen hineinwachsen und den Erneuerungsprozess mit mehr Energie vorantreiben. Dabei darf aber nicht unterschätzt werden, dass sich die Älteren zwar aus dem offiziellen politischen Leben zurückziehen, viele von ihnen jedoch weiterhin aktiv bleiben und indirekt Einfluss ausüben werden. Sie werden die Jüngeren genau beobachten, ob diese den ihnen anvertrauten Aufgaben auch gerecht werden. Es bleibt abzuwarten, wer den Machtkampf zwischen Traditionalisten und Reformern gewinnt und ob es auch in der KP in Vietnam dazu kommen wird, dass sich, wie in der SPD, eine Gruppe von Netzwerkern bildet, die versucht die Interessen einer jüngeren Generation stärker zu bündeln und in politisches Handeln einfließen zu lassen. Nach dem Abtreten der Kriegsgeneration, die den Befreiungskampf aktiv miterlebte, würde sich hierfür eigentlich eine gute Möglichkeit bieten. Durch den sich in den nächsten Jahren vollziehenden Generationenwechsel wird allerdings zuerst eine Generation in wichtige politische Ämter gehoben, die ihre Ausbildung größtenteils in den ehemaligen Ostblockländern absolvierte. Die besten unter ihnen studierten in Moskau, andere in Ostberlin, Warschau oder Prag. Mit den dort Ausgebildeten wird Vietnams Geschick für einen gewissen Zeitraum durch eine Generation von ‚Apparatschiks’ bestimmt, die nicht unbedingt für die Öffnung des Landes stehen. Zwar verschwindet mit diesem Wechsel auch ein Stück des dogmatischen und unflexiblen Führungsstils derer, die durch den Befreiungskampf geprägt wurden, doch gleichzeitig verschwindet auch die Authentizität, die diese Generation auszeichnet. Diese wird nun in den kommenden Jahren durch schlichte Funktionäre ersetzt, die eine ganz andere Bindung zu ihrem Land und dessen Menschen haben als ihre Vorgänger. Auch wenn daran niemand so recht glauben mag, könnte der anstehende Generationenwechsel einen Rückschritt für Vietnam bedeuten. Bis die dritte Generation, die durch ihre internationale Sozialisation möglicherweise grundlegende Maßnahmen zur Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Kultur Vietnams einleiten könnte, zu den Schaltstellen der Macht aufrücken kann, wird es noch geraume Zeit dauern. Dennoch ist davon auszugehen, dass sich neben dem wirtschaftlichen langsam auch der politische Wandel vollzieht, bevor die dritte Generation endgültig nachgerückt ist. Die Entwicklungen schreiben der politischen Klasse den Weg, der in den nächsten Jahren beschritten wird, vor und es wird kaum eine andere Möglichkeit bleiben- unabhängig davon, ob die politische Klasse die Öffnung des Landes vorantreiben will oder nicht. - 5-
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Aufbruch oder Stillstand? : Die politische Situation vor dem 10. Parteitag der Kommunistischen Partei Vietnams
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