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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
Entstehung
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FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 62 und Krisen, sondern folge einem Plan der Eliten. Bekannt machte die Erzählung vomGroßen Austausch das Werk Le grand remplacement des französischen Schriftstellers Renaud Camus aus dem Jahr 2011. In der Vergangenheit diente diese Verschwörungserzählung Rechtsterrorist_in­nen mehrfach zur Legitimierung ihrer Anschläge, etwa im Fall des Attentäters im neuseeländischen Christchurch. Der Große Austausch ist fester Bestandteil der Ideologie der Neuen Rechten. Gleichzeitig knüpft er an den Mythos einer angeblichen jüdischen Weltverschwörung an, wenn etwa der US-amerikanische Milliardär George Soros als Urheber des Plans identifiziert wird(vgl. Davey/Ebner 2019). Immerhin ein Viertel der Deutschen stimmt in unserer Um­frage der These vom Bevölkerungsaustausch zu. Über­durchschnittlich ist die Zustimmung bei Frauen, Niedrig­gebildeten sowie Befragten, die Probleme haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Auch Menschen mit einer geringen politischen Selbstwirksamkeit sowie Befragte, die sich selbst politisch weiter rechts verorten oder bei der letzten Bundestagswahl die AfD gewählt haben, glauben eher an einen geheimen Plan zum Austausch der autoch­thonen Bevölkerung durch Migrant_innen als die Angehö­rigen der Gegengruppen. Ebenfalls stärkere Verbreitung findet die Idee unter Ungeimpften sowie Menschen, die zugleich an andere Verschwörungserzählungen glauben. Verschwörungsdenken und Einstellungen zur Demokratie Um den Zusammenhang zwischen Verschwörungsden­ken und Demokratievorstellungen in dieser Studie zu messen, wurde aus den fünf abgefragten Verschwö­rungserzählungen ein Index konstruiert. Zum Zwecke der Interpretation wird im Folgenden der Einfachheit halber eine dichotome Unterscheidung zwischen Befragten vor­genommen, die mindestens einer der abgefragten Ver­schwörungserzählungen(eher) zustimmen, und solchen, die keiner der fünf Aussagen zustimmen. ZWEI DRITTEL DER VERSCHWÖRUNGSGLÄUBIGEN SIND MIT DEM FUNKTIONIEREN DER DEMOKRATIE UNZUFRIEDEN Zwei Drittel der Verschwörungsgläubigen sind mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden(im Rest der Be­völkerung sind es nur 26 Prozent). Die Zufriedenheit wird dabei stark durch den wirtschaftlichen und politischen Output beeinflusst. In diese Richtung weist, dass viele Ver­schwörungsgläubige beispielsweise mit der Coronapolitik unzufrieden waren oder einen ambitionierten Klimaschutz ablehnen. Darüber hinaus besteht ein Zusammenhang mit dem präferierten Demokratiemodell: Lediglich 26 16 Pro­zent der Befragten, die an mindestens eine der fünf abge­fragten Verschwörungserzählungen glauben, nennen bei der Frage, wer am besten über Gesetze entscheiden sollte, gewählte Abgeordnete und Regierungsvertreter. Dem­gegenüber bevorzugen 38 Prozent der Befragten, die kei­ner der abgefragten Verschwörungserzählungen zustim­men, die repräsentative Demokratie. Werden die politi­schen Eliten als Teil einer Verschwörung gesehen, ist die Ablehnung der repräsentativen Demokratie und ihrer ge­wählten Vertreter_innen eine plausible Reaktion. Die Ablehnungshaltung der Verschwörungsgläubigen gegenüber der repräsentativen Demokratie bestätigt sich auch bei der Frage nach dem zweitbesten Regierungs­modell. Hier nennt lediglich ein Drittel der Befragten, die an mindestens eine der abgefragten Verschwörungser­zählungen glauben, die repräsentative Demokratie, wäh­rend eine Mehrheit(55 Prozent) der Nicht-Verschwö­rungsgläubigen sich für die repräsentative Demokratie als zweitbeste Option ausspricht. Entgegen bisherigen Befunden in der Literatur(vgl. zum Beispiel Reiser/Küppers 2022; Pantazi et al. 2021) 27 stehen Verschwörungsgläubige technokratischen Entscheidungs­verfahren kritischer gegenüber als Menschen ohne Ver­schwörungsglauben(26 Prozent gegenüber 41 Prozent). Eine mögliche Erklärung dafür könnte darin liegen, dass in unserer Studie gleich mehrere wissenschaftsbezogene Verschwörungserzählungen abgefragt wurden, in denen sich auch eine feindliche Haltung und ein generelles Miss­trauen gegenüber Wissenschaftler_innen ausdrücken. Eindeutig erkennbar ist die klare Präferenz der Verschwö­rungsgläubigen für direktdemokratische Entscheidungs­verfahren ein Zusammenhang, der sich sowohl im multi­variaten Modell als auch aus einer dichotomen Gegen­überstellung von Verschwörungsgläubigen und Nicht-Ver­schwörungsgläubigen ablesen lässt. So präferiert eine Mehrheit von 56 Prozent der Befragten, die an mindes­tens eine Verschwörungserzählung glauben, direktdemo­kratische Entscheidungen durchBürger in regelmäßigen Volksentscheiden. Verschwörungsgläubige haben wie gezeigt eine geringe politische Selbstwirksamkeit; di­rektdemokratische Verfahren werden also möglicherweise bevorzugt, weil sie diese stärken können. Auch schränken regelmäßige Volksentscheide die Macht der politischen Eliten ein, denen die Verstrickung in eine Verschwörung vorgeworfen wird. Die Präferenz der Verschwörungsgläu­bigen für Entscheidungsverfahren, die den Einfluss der Bürger_innen stärken, bestätigt sich mit Blick auf zwei weitere Aussagen. Beinahe 80 Prozent der Befragten, die an mindestens eine Verschwörungserzählung glauben, befürworten eine Vetoinitiative nach Schweizer Vorbild (im Rest der Bevölkerung sind es knapp unter 50 Prozent). BEINAHE 80 PROZENT DER BEFRAGTEN, DIE AN MINDESTENS EINE VERSCHWÖRUNGSERZÄHLUNG GLAUBEN, BEFÜRWORTEN EINE VETO­INITIATIVE NACH SCHWEIZER VORBILD 26 wird nur mit den zwei Dritteln des Samples(n= 1.660) gerechnet, deren Antwortmöglichkeiten lauteten: gewählte Ab­geordnete und Regierungsvertreter, die Bürger in regelmäßigen Volksentscheiden, fachliche Experten im jeweiligen Themenbereich, eine einzelne Führungspersönlichkeit mit umfassender Entschei­dungsmacht. 27 Ergebnisse der Untersuchungen sind aufgrund des unterschied­lichen Forschungsdesigns jedoch nur eingeschränkt vergleichbar: In unserer Umfrage mussten sich die Befragten für eine Option entscheiden, während in den oben zitierten Studien mehrere Alternativen zur repräsentativen Demokratie parallel befürwortet werden konnten.