DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 71 Coronapolitik(die inzwischen aber an Bedeutung weitgehend verloren hat) als bedeutendstes politisches Konfliktthema eingestuft. Mehrheit für höhere Steuern Bei den output- und policybezogenen Fragen zeigt sich eine verbreitete Skepsis gegenüber einer noch stärkeren Schuldenfinanzierung als notwendig betrachteter Staatsaufgaben, während höhere Steuern auf hohe Einkommen und Vermögen bis hinein in das„bürgerliche“ Lager mit deutlichen oder zumindest knappen Mehrheiten unterstützt werden. In der rückblickenden Bewertung der Coronapolitik dominiert die Unzufriedenheit – allerdings sind die gemäßigten gegenüber den extremen Positionen klar in der Überzahl. Gegenläufige Antworten beim Klimaschutz Beim Klimaschutz sind die Antworten aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit nur schwer interpretierbar. Einerseits wird die Notwendigkeit betont, bestehende soziale Ungleichheiten und regionale Ungleichgewichte nicht zu verschärfen, andererseits will man Einschnitte in anderen Bereichen durchaus in Kauf nehmen. Bei den verteilungsbezogenen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik stellen sich die Bürger_innen durchweg auf die Seite der einkommensschwächeren Teile der Gesellschaft, wobei die Forderungen nach einer Besteuerung von„Krisengewinnlern“ und stärkeren Regulierung der Preise für Grund und Boden am durchgreifendsten sind. Gespaltenes Verhältnis zum Föderalismus Neu aufgenommen in die Studie wurde aus Anlass der Coronakrise eine Frage zur bundesstaatlichen Ordnung. Die Ergebnisse bewegen sich hier im Einklang mit der Forschung, die das gespaltene Verhältnis der Deutschen zum Föderalismus hinlänglich belegt hat. Trotz überwiegend grundsätzlicher Zustimmung zum Föderalismus wünschen sich die Bürger_innen, dass es in der Politik möglichst einheitlich zugeht. Reformen, die darauf abzielen, das stark verflochtene Verbundsystem zu entflechten und den Ländern mehr eigenständige Gestaltungsmöglichkeiten einzuräumen, hätten daher auch in der Bevölkerung einen schweren Stand. Strukturwandel der Öffentlichkeit Als weiteres Thema hinzugekommen ist in der Studie schließlich der durch die sozialen Medien maßgeblich beförderte neue Strukturwandel der Öffentlichkeit. Den Verlust eines gemeinsamen Raums der Kommunikation macht eine große Mehrheit als Mitursache für den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Gleichzeitig zeigen sich im Antwortverhalten deutliche Unterschiede, je nachdem, ob die Befragten selbst eher die traditionellen oder die sozialen Medien als Informationsquelle verwenden. Eine Regulierung von Messengerdiensten, um die Verbreitung von Verschwörungsnarrativen im Internet zu unterbinden, befürwortet eine deutliche Mehrheit, darunter auch die jüngeren Befragten, die das Internet und die sozialen Medien heute am häufigsten nutzen. Empfehlungen auf In- und Outputseite Welche Empfehlungen lassen sich aus den Befunden ableiten? Hier ist zunächst das schon in der ersten Studie festgestellte Übergewicht der outputbezogenen Ursachen der Demokratieunzufriedenheit in Erinnerung zu rufen. Dieses spiegelt sich in der Unzufriedenheit mit den Institutionen auf der Inputseite wider bzw. zieht sie nach sich. Dennoch behält die Inputsteite eine eigenständige Bedeutung. Indem sie die Interessenrepräsentation institutionell und prozedural strukturiert, nimmt sie auf den Output Einfluss und prägt ihn mit. Wenn die Responsivität nachlässt bzw. von den Wähler_innen schlecht bewertet wird und bestimmte Teile der Wähler_innenschaft ihre Meinungen und Interessen in den politischen Entscheidungen nicht mehr wiederfinden, muss auch darüber nachgedacht werden, wie sich deren Repräsentation und Teilhabe auf der Inputseite verbessern lassen. Responsivität erhöhen Die nachlassende Responsivität machen die Befragten an verschiedenen Stellen fest: der Nichtumsetzung von Wahlversprechen, dem zu großen Einfluss bestimmter Lobbys, die ihre Interessen zulasten des Gemeinwohls durchsetzen, der sozialdemografischen Nichtspiegelbildlichkeit des Parlaments und der sozial ungleichen Wahlbeteiligung. Auch die starke Präferenz für direktdemokratische und expertokratische Entscheidungsverfahren muss als Kritik am vorherrschenden repräsentativen System gelesen werden. Die Befürworter_innen der direkten Demokratie machen dessen Schwächen dabei vor allem an der fehlenden Berücksichtigung des vermuteten mehrheitlichen Volkswillens fest, die Anhänger_innen des expertokratischen Modells an vermeintlich unvernünftigen Ergebnissen. Mangelnde Konsistenz offenbart das Antwortverhalten, wenn man manche der Lösungsvorschläge den zuvor abgefragten Problemen gegenüberstellt. So werden die Bürger_innenräte von den Anhänger_innen des expertokratischen Modells nur wenig goutiert, obwohl doch ein Vorteil aus Sicht ihrer politischen und wissenschaftlichen Befürworter_innen auch darin liegen soll, den„neutralen“ Sachverstand in den Entscheidungsprozessen stärker zur Geltung zu bringen. In den Bürger_innenräten werden die Teilnehmenden von Expert_innen vor und während der Beratungen mit der Materie vertraut gemacht. Auch ein Paritätsgesetz, das der Unterrepräsentation der Frauen im Bundestag unmittelbar entgegenwirken würde, findet noch keine Mehrheit. Konsistenter sind die Empfehlungen beim als ungebührlich betrachteten„Lobbyismus“, dem die Befragten durch stärkere Transparenzvorschriften begegnen wollen, und bei der Vetoinitiative. Letztere unterstützen vorzugsweise die quasipopulistisch eingestellten Bürger_innen, um die politische Elite in die Schranken zu weisen. Ob die vorgeschlagenen Lösungen tatsächlich umsetzbar sind oder überhaupt geeignet wären, die Responsivität zu verbessern, ist nicht in allen Fällen ausgemacht. Während den Paritätsregelungen verfassungsrechtliche Hürden entgegenstehen, stellt sich bei den direktdemokratischen Verfahren, die„von unten“, also den Bürger_innen selbst, ausgelöst werden können, das Problem, dass sie mit der auf dem Gegenüber von Regierung und Opposition basierenden Funktionsweise des parlamentarischen Systems kollidieren. Dies gilt insbesondere für die dem schweizerischen fakultativen Referendum abgeschaute Vetoinitiative, mit der die Bürger_innen schon beschlossene Gesetze
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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