FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 72 einer Volksabstimmung unterwerfen und sie zu Fall bringen können. Anders als die„positive“ Volksgesetzgebung ist die Vetoinitiative bisher auf der Länderebene nicht vorgesehen – Vorstöße der CDU in Thüringen und Sachsen, sie als zusätzliches Verfahren neben der Volksgesetzgebung zu etablieren, verliefen bisher im Sande. Das ist wenig verwunderlich, nachdem die Skepsis gegenüber der Volksgesetzgebung, die ja ebenfalls zu Oppositionszwecken eingesetzt werden kann, zuletzt gerade aufseiten ihrer einstigen Befürworter_innen(bei Grünen und SPD) immer mehr zugenommen hat. Intensiver, aber ebenfalls strittig diskutiert wird inzwischen die Idee der gelosten Bürger_innenräte. Befürworter_innen sehen hierin eine Möglichkeit, über einen deliberativen Aushandlungsprozess Interessenlagen und Positionen von Bürger_innen als zusätzlichen Input in den politischen Entscheidungsprozess einzuspeisen und gleichzeitig einen Raum für gesamtgesellschaftliche Debatten zu schaffen. Das soll auch einem übermäßigen Lobbyeinfluss Einhalt gebieten. Dabei darf allerdings nicht in Vergessenheit geraten, dass gruppenförmig organisierte Interessen in einer Demokratie nicht nur legitim sind, sondern auch eine wichtige Funktion erfüllen. Es erscheint überlegenswert, sie in Verfahren wie die Bürger_innenräte zugleich gezielt einzubeziehen, um sie dort mit anderen Interessen und Perspektiven zu konfrontieren und auf diese Weise„gemeinwohlfähig“ zu machen. Damit würden die Bürger_innenräte zugleich eine bessere Brücke zu den repräsentativen Institutionen bilden, die am Ende die verbindlichen Entscheidungen zu treffen haben. Demokratiepolitische Bedenken beziehen sich auch auf die Frage, wessen Stimmen im Bürger_innenrat zum Tragen kommen. Für die erfolgreiche Umsetzung im Sinne einer Stärkung der demokratischen Teilhabe ist daher sicherzustellen, dass die Zusammensetzung und Diskussionsprozesse möglichst inklusiv sind, die Teilnehmenden aus allen Gesellschaftsschichten kommen und insbesondere Gruppen einbezogen werden, die in offenen Partizipationsangeboten oft unterrepräsentiert sind. Deskriptive Repräsentation verbessern Beim Thema der deskriptiven Repräsentation sind in erster Linie die Parteien gefragt. Sie müssen eine angemessene Vertretung der soziodemografischen Gruppen in ihren eigenen Organisationen und bei der Kandidat_innenaufstellung durch formelle oder informelle Quotierungen sicherstellen. Als relevante Merkmale lassen sich unter anderem identifizieren: Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft, Konfession, Bildungsstatus und Berufsgruppe, sexuelle Orientierung, Behinderung/Nichtbehinderung. Die Verpflichtungswirkung des Proporzes ist je nach Merkmal unterschiedlich. Am stärksten fällt sie beim Geschlecht, beim Alter und bei der ethnischen Herkunft aus. Am schwierigsten ist sie angesichts der weit fortgeschrittenen Akademisierung der Parteimitglieder und-funktionär_innen dort, wo sie zugleich am dringlichsten wäre, nämlich bei der Repräsentation der bildungsfernen und einkommensschwachen Schichten. Hier gilt es, primär bei der Wähler_innenansprache anzusetzen(und zwar nicht nur in Wahlkampfzeiten), die diese Gruppen wieder stärker in den Blick nehmen muss. Ansonsten droht sich der unselige Teufelskreis von wahrgenommener Nichtrepräsentation und Nichtbeteiligung(in Form von Wahlabstinenz) weiter zu verschärfen. Falschnachrichten entgegentreten Die von den Befragten selbst konstatierte Komplexität der politischen Probleme, die vielschichtiger gewordenen Anforderungen des Regierens und die generellen normativen Zielkonflikte der demokratischen Regierungsform verlangen nach einer verstärkten Bildungs- und Aufklärungsarbeit. Dabei sind zum einen die klassischen Bildungsinstitutionen gefragt, zum anderen die Medien. Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit, der mit dem Internet und den sozialen Netzwerken einhergeht, droht konstitutive Prinzipien der demokratischen Meinungs- und Willensbildung wie Kompromiss- und Mäßigungsbereitschaft zu unterminieren. Die größte Gefahr geht dabei von der absichtlichen Verbreitung von Falschnachrichten aus, der zum einen durch staatliche Regulierungsmaßnahmen, zum anderen durch gesellschaftliche Aufklärung begegnet werden muss. Dies erfordert nicht nur, an einem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen Bildungsauftrag festzuhalten. Auch die sozialen Netzwerke selbst müssen zur Plattform einer aufklärerischen und faktenbasierten Meinungsbildung gemacht und von Parteien, zivilgesellschaftlichen Akteur_innen und Wissenschaftler_innen nachhaltig bespielt werden. Die traditionellen Medien behalten dabei eine wichtige Filter- und Integrationsfunktion. Gebot der Stunde: mehr Verteilungsgerechtigkeit Blendet man von der Input- zur Outputseite über, hat die Studie die schon 2019 ausgesprochene Warnung bekräftigt, das Auseinanderdriften der Gesellschaft in sozioökonomischer und-kultureller Hinsicht nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Es sind vor allem die sozial benachteiligten, bildungs- und einkommensschwächeren Gruppen, die aufgrund ihrer Unzufriedenheit anfällig sind für populistische und extremistische Verführer_innen. Diese tummeln sich vor allem am rechten Rand und fordern die liberale und pluralistische Demokratie durch ihre autoritären Gegenvorstellungen grundsätzlich heraus. Für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen bleibt deshalb das Gebot der Stunde. Die Befragungsergebnisse zeigen, dass entsprechende Maßnahmen nicht nur von denjenigen unterstützt werden, die davon selbst am meisten profitieren würden, sondern bis weit in das besser situierte und verdienende obere Drittel der Gesellschaft hinein. Sie umfassen unter anderem eine stärkere Besteuerung hoher Einkommen und Vermögen, die sozial verträgliche Ausgestaltung der Klimaschutzmaßnahmen, eine Regulierung der übermäßig gestiegenen Grund- und Bodenpreise und den Abbau der nach wie vor krassen Ungleichheit der Bildungschancen. Orte der Begegnung schaffen Der Zusammenhalt ist auch ein kulturelles Thema. Wie lassen sich die in der heutigen„Gesellschaft der Singularitäten“ zu beobachtenden Abschottungstendenzen der verschiedenen sozialen Milieus eindämmen? Und wie gelingt die Integration der als Arbeits- oder Fluchtmigrant_ innen ins Land kommenden Neubürger_innen? Soziale Demokratie setzt den gesellschaftlichen Austausch voraus. Die Angehörigen unterschiedlicher Milieus und Lebenswelten müssen sich füreinander interessieren, ihre eigenen Erfahrungen mit anderen teilen können. Der am besten dafür geeignete Ort ist die Kommune. Denn hier spielt sich der Lebensalltag der meisten Bürger_innen ab, hier finden Daseinsvorsorge und Bildung, häufig auch kulturelle oder sportliche Aktivitäten statt.
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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