Räumliche Muster der Demokratie(un)zufriedenheit Die Widerstandsfähigkeit von und Zustimmung zu bestehenden demokratischen Systemen ist mit regional verfügbaren Daten und Indikatoren nur schwer messbar. Die zuverlässigsten Rückschlüsse hierzu liefern sicherlich repräsentative Befragungen, die jedoch aufwendig sind und sich aufgrund begrenzter Fallzahlen meistens nicht auf die Ebene einzelner Regionen herunterbrechen lassen. In dieser Studie werden deshalb die Wahlergebnisse der Bundestagswahl(BTW) 2025 2 als indirekter Ausdruck der Demokratiezufriedenheit herangezogen – im Bewusstsein ihrer differenziert zu interpretierenden, aber empirisch plausibel begründbaren Aussagekraft. Zwei Indikatoren erscheinen in diesem Kontext als besonders relevant: → Zweitstimmenanteile von Rechtsaußenparteien(AfD): Als verlässlicher Indikator für die Demokratieunzufriedenheit können Wahlerfolge stark populistischer und extremistischer Parteien angesehen werden. Während linksextreme Parteien in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit kaum nennenswerte Erfolge verzeichnen konnten, gelang es der AfD seit ihrer Gründung, beachtliche Wähler_innenpotenziale am rechten Rand zu bündeln und ihren politischen Einfluss bis weit in die gesellschaftliche Mitte hinein auszudehnen. Dies geschah durchaus zum Nachteil anderer Rechtsaußenparteien (u. a. Die Heimat/NPD, Die Rechte, Der III. Weg), die mit dem Aufkommen der AfD zumindest parlamentarisch in der Bedeutungslosigkeit verschwanden. Der Fokus dieser Studie liegt deshalb allein auf den Wahlergebnissen der AfD als – gemessen in Stimmenanteilen – einziger elektoral relevanter Partei mit antidemokratischen Tendenzen. Der Zusammenhang zwischen Demokratieunzufriedenheit und AfD-Wahlentscheidungen lässt sich durch Befragungsergebnisse gut belegen. Demnach weisen AfD-Wählende ein im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich überproportionales Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen auf und neigen überproportional oft zu Verschwörungsdenken und autoritären Einstellungen(Brettschneider 2023). Dabei ist zu beachten, dass die Wähler_innen der AfD sich in der Regel selbst nicht als antidemokratisch verstehen, sondern vielmehr durch die von ihnen empfundene Repräsentationslücke ein tiefes Misstrauen in die etablierten demokratischen Parteien und Institutionen verspüren, das durch das polarisierende Auftreten der AfD weiter befeuert wird(Schroeder/Weßels 2023). → Wahlbeteiligung: Ein klassischer Indikator der Demokratiezufriedenheit ist die Wahlbeteiligung. Wahlen sind ein wesentliches Instrument der politischen Partizipation und verschaffen den Parlamenten die nötige Legitimität. Sinkt die Wahlbeteiligung, bedeutet das nicht nur eine geringere Legitimierung der gewählten Vertreter_innen, sondern oftmals auch das Entstehen einer Repräsentationslücke, bei der vor allem sozial, kulturell und ökonomisch schwächer gestellte Bevölkerungsgruppen in den Parlamenten nicht mehr ausreichend repräsentiert werden(Oberle/Schwanholz 2023). Dies führt wiederum dazu, dass sich diese Gruppen in politischen Diskursen zunehmend benachteiligt fühlen und Politik insgesamt als ihrem eigenen Einfluss entzogen wahrnehmen(Elsässer/Schäfer 2021). Die Repräsentationslücke, die aufgrund einer geringen Wahlbeteiligung entsteht, bildet oftmals den Nährboden für populistische und extremistische Parteien, die das Gefühl der Benachteiligung und die politische Unzufriedenheit bestimmter Gruppen instrumentalisieren und in Wähler_innenstimmen ummünzen können. Eine geringe Wahlbeteiligung und hohe Zweitstimmenanteile extremistischer Parteien können damit zwei Seiten derselben Medaille darstellen. Allerdings erreichte die Wahlbeteiligung bei der BTW 2025 entgegen dem langfristigen Trend in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern Rekordwerte, während gleichzeitig die AfD ihr Ergebnis im Vergleich zur BTW 2021 mit 20,8 Prozent de facto verdoppeln konnte. Eine hohe Wahlbeteiligung korreliert also nicht zwangsläufig mit niedrigen Stimmenanteilen extremistischer Parteien. Vielmehr kann der Anstieg der Wahlbeteiligung auch darauf zurückzuführen sein, dass es der AfD gelungen ist, das große Potenzial an Unzufriedenen und Nichtwähler_innen für sich zu mobilisieren. Ergänzend zu der statischen Betrachtung der Wahlergebnisse von 2025 werden zudem die Veränderungstrends dieser beiden Variablen gegenüber der letzten BTW von 2021 herangezogen. Die dynamische Betrachtung kann Aufschlüsse über unterschiedliche Entwicklungen in der De2 Da die offiziellen Wahlergebnisse der Bundeswahlleiterin zur BTW 2025 zum Zeitpunkt der Erstellung der Studie auf Ebene der Landkreise und kreisfreien Städte noch nicht vorlagen, wurden die Wahlergebnisse aus den Statistiken auf Wahlbezirksebene, die seitens der statistischen Landesämter vorlagen, auf die Kreisebene aggregiert. Dadurch kann es zu geringfügigen Abweichungen von den offiziellen Zahlen kommen, da die Abgrenzungen der Wahlbezirke teilweise nicht zu 100% identisch mit den administrativen Grenzen der Kreise sind. Die Validität der statistischen Analysen wird dadurch allerdings nicht beeinflusst. 6 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Antidemokratische Wahlerfolge im ungleichen Deutschland : demokratiestützende Aspekte der Daseinsvorsorge
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