fentliche Finanzierung der BBC mittels Fernsehgebühren zu beenden(The Guardian 2022b). Im Jahr 2024 mischte sich die Regierung durch die Halbzeitüberprüfung der Royal Charter der BBC, einem neuen Mechanismus für politische Einflussnahme, der durch die Charta von 2016 eingeführt wurde, weiter in die angeblich unabhängige redaktionelle Entscheidungsfindung der BBC ein(Department for Culture, Media and Sport 2024). Später im Jahr 2024 kündigte die Regierung eine offizielle Überprüfung der BBC-Finanzierung an, an der ein„Expertengremium“ aus Vertreter:innen der kommerziellen Medien und lautstarken Gegner:innen der Fernsehgebühren beteiligt war (Gov.uk 2024). Die Diskussionen dieses Gremiums wurden nie veröffentlicht. Und obwohl das Gremium von der neu gewählten Labour-Regierung wieder abgeschafft wurde, verdeutlichte diese Maßnahme die undemokratische, unverantwortliche und sporadische Herangehensweise des Vereinigten Königreichs an die Politikgestaltung im Bereich des öffentlich-rechtlichen Rundfunks(Media Reform Coalition 2024a). Die Regierungen greifen nach Belieben direkt in die Unabhängigkeit und Führung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ein, während das Parlament keine Möglichkeit hat, Ernennungen und Finanzierungsentscheidungen anzufechten. Die britische Öffentlichkeit ist machtloser Zuschauer in der undurchsichtigen Welt der Verhandlungen hinter verschlossenen Türen und politischen Drohungen, die das Verhältnis zwischen der Regierung und der BBC prägen. Die Rolle und Bedeutung der Öffentlichkeit in den öffentlich-rechtlichen Medien wird von den Politiker:innen entweder bequem ignoriert oder durch Strohmänner vertreten. Wettbewerb und Digitalisierung – von Weltmarktführern zu Juniorpartnern Die demokratische Kluft zwischen der britischen Öffentlichkeit und den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird durch die abnehmende Nutzung und Relevanz von Rundfunkformaten für die Art und Weise, wie das Publikum Medieninhalte findet und darauf zugreift, noch deutlicher. Im Jahr 2018 machten Rundfunkinhalte(einschließ lich Livefernsehen und aufgezeichneter oder On-DemandWiedergaben) 71 Prozent der Sehdauer des britischen Publikums aus. Bis 2024 war dieser Anteil auf 56 Prozent gesunken, während die Nutzung von Streaming-Video-onDemand-Diensten(SVoDs, z. B. Netflix oder Amazon Prime) und Video-Sharing-Plattformen(z. B. YouTube) im gleichen Zeitraum fast um das Doppelte gestiegen war. 5 Ungefähr 70 Prozent der britischen Haushalte haben min destens ein SVoD-Abonnement, wobei Netflix, Amazon Prime und Disney+ drei Viertel dieser Abonnements in Großbritannien ausmachen(Media Reform Coalition 2025). Während die BBC und ITV nach wie vor die meistgesehenen Livefernsehsender sind, sind YouTube und Netflix mittlerweile die am zweit- und vierthäufigsten genutzten audiovisuellen Dienste des britischen Publikums(Ofcom 2025a: 23). Diese Trends sind bei jüngeren Zuschauer:innen noch ausgeprägter: Die unter 35-Jährigen verbringen mehr Zeit mit dem Anschauen von SVoD- und Video-Sharing-Inhalten als mit dem Fernsehen, und die Fernsehsender der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten werden von Netflix und YouTube als erste Wahl der jüngeren Zuschauer:in nen für audiovisuelle Inhalte weit übertroffen(Ofcom 2025b: 18–19). Für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkan stalten im Vereinigten Königreich stellt das eine äußerst prekäre Situation dar. Ihr Kernpublikum für öffentliche Dienstleistungen im Fernsehen und Radio besteht aus einer schrumpfenden, älteren Bevölkerungsgruppe, während jüngere Zuschauer:innen – von denen die zukünftige Nut zung, Finanzierung und politische Unterstützung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten abhängt – überwiegend soziale Medien, Videoportale und SVoD-Dienste nutzen, was bedeutet, dass sie weitaus weniger wahrscheinlich eine Verbindung zu den Inhalten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im Vereinigten Königreich aufbauen (Ofcom 2025b: 17). Die britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, Ofcom und die verschiedenen Regierungen haben außerordentlich langsam auf das beschleunigte Wachstum der Online-Medien-Technologien reagiert. In den 2000er Jahren führten die britischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten die„digitale Umstellung“ im Fernsehbereich an, während Channel 4 und die BBC mit 4oD im Jahr 2006 und BBC iPlayer im Jahr 2007 Pioniere im Bereich Videoon-Demand-Dienste waren. Reed Hastings, Mitbegründer von Netflix, hat der BBC sogar zugeschrieben, den Weg für SVoD als Zukunft des Fernsehens„geebnet“ zu haben. In letzter Zeit haben sich die britischen öffentlichrechtlichen Rundfunkanstalten jedoch nur mehr passiv an der Entwicklung von sozialen Netzwerken, Video-Sharing und algorithmischen Inhaltsempfehlungen beteiligt und haben Schwierigkeiten, einen eindeutigen öffentlichen Mehrwert auf gewinnorientierten digitalen Plattformen zu artikulieren. Auf Plattformen wie X/Twitter und Instagram müssen Versuche, öffentlich-rechtliche Nachrichten als unabhängig und vertrauenswürdig zu positionieren, mit einem hohen Maß an Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber„Mainstream“-Nachrichtenanbietern kämpfen, was durch öffentliche Interventionen von Plattformbesitzern wie Elon Musk oft noch verstärkt wird. Der wohl größte Misserfolg der britischen öffentlichrechtlichen Medien in den vergangenen zehn Jahren bestand im Fehlen jeglicher Versuche, öffentliche Alternativen zu den Monopolen der Big Tech zu schaffen. Durch die Entwicklung von Social-Media- oder Video-SharingPlattformen als öffentliche Dienste hätten die britischen öffentlich-rechtlichen Medien digitale Medieninstitutionen etablieren können, die ausschließlich im öffentlichen Interesse agieren, statt das Feld gewinnorientierten Unternehmen zu überlassen, die auf der Ausbeutung von Nutzerda5 Zuschauerstatistiken aus den Berichten„Ofcom Media Nations“ von 2018(S. 21) und 2025(S. 18). Öffentlich-rechtlicher Rundfunk in Europa – Vereinigtes Königreich 4
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