FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 6 Um einen Vergleich mit der Studie von 2019 zu ermöglichen, haben wir viele Fragen oder Items aus der damaligen Befragung in den Fragebogen integriert – etwa zu den Reformpräferenzen der Befragten, den Problemen der Demokratie oder der Bewertung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Standardmäßig haben wir ebenfalls die wesentlichen soziodemografischen und-ökonomischen Merkmale der Befragten wie Alter, Geschlecht, Bildung, soziale Schichtzugehörigkeit, Erwerbsstatus und Migrationshintergrund 6 abgefragt. Aus dem Haushaltsnettoeinkommen, der Personenzahl im Haushalt und der Zahl der darunter befindlichen Personen unter 14 Jahren wurde das Haushaltsäquivalenzeinkommen berechnet. 7 Aus den erhobenen Daten haben wir für die Auswertung Indizes zum politischen Institutionenvertrauen 8 und zum Verschwörungsdenken gebildet. Einzelne Items wurden einem Drittel des Samples mit der Formulierung aus 2019 und zwei Dritteln des Samples mit einer geänderten Formulierung präsentiert. 9 Diese Vorgehensweise soll einerseits die direkte Vergleichbarkeit mit den Ergebnissen von 2019 herstellen. Andererseits wird durch den Wechsel zu einer alternativen Formulierung der Weiterentwicklung der Debatten infolge der Coronakrise Rechnung getragen und ein Vergleich zwischen dem Antwortverhalten bei beiden Formulierungsvarianten ermöglicht. Die durchschnittliche Dauer der Interviews lag bei 25 Minuten. Um ein Interview zu erhalten, mussten 15 Personen angewählt werden – ein üblicher Wert. Auch die Abbrecher_innenquote bewegte sich mit 0,5 Prozent im normalen Rahmen. Befragte, die ein Interview begannen, führten es also in fast allen Fällen auch zu Ende. 6 der Definition des Statistischen Bundesamts verfügen alle Personen, die selbst oder von denen mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren sind, über einen Migrationshintergrund. 7 wird das Haushaltsnettoeinkommen durch eine gewichtete Personenzahl geteilt, in die gemäß der neuen OECD-Skala der oder die erste Erwachsene mit dem Faktor 1, weitere Haushaltsmitglieder ab 14 Jahren mit dem Faktor 0,5 und jüngere mit dem Faktor 0,3 eingehen. Da das Haushaltseinkommen nur in Stufen à 1.000 Euro abgefragt wurde, um die Antwortbereitschaft zu erhöhen, wurde jeweils der Mittelwert der Einkommensspanne herangezogen, also zum Beispiel 1.500 Euro, wenn die Stufe„1.000 bis unter 2.000 Euro“ angegeben wurde. Für die höchste Stufe ab 6.000 Euro wurden 6.500 Euro angesetzt, sodass die entsprechenden Befragten bis auf wenige Ausnahmen in die höchste der drei Haushaltsäquivalenzeinkommensklassen eingruppiert wurden. Die Befragten mit unter 1.000 Euro Nettoeinkommen landeten automatisch in der unteren Äquivalenzeinkommensklasse. 8 wurden die Items„Bundesregierung“,„Bundestag“,„Bundesverfassungsgericht“,„Medien“ sowie„EU-Kommission“ einbezogen. Diese verkörpern die drei nationalen staatlichen Gewalten (Exekutive, Legislative und Judikative), die sogenannte vierte Gewalt der Medien, deren Informationen die Bürger_innen erst in die Lage versetzen, das Handeln der staatlichen Gewalten kompetent zu beurteilen(Goenaga 2022), sowie die Beeinflussung der nationalen Politik durch die europäische Ebene. Die einzelnen Items innerhalb der Indizes wurden gleich gewichtet. 9 Beispiel bei der Frage nach dem Institutionenvertrauen ein Drittel des Samples:„Universitäten und andere Forschungseinrichtungen“, zwei Drittel des Samples:„Wissenschaft“. GESELLSCHAFTLICHE KONFLIKTE, POLARISIERUNG UND OUTPUTLEGITIMATION Mag die Demokratie selbst nicht oder noch nicht in der Krise sein, so wird sie doch durch Entwicklungen herausgefordert, deren Folgen sich unzweifelhaft als krisenhaft beschreiben lassen oder sich zu handfesten Krisenereignissen verdichten(Decker 2022: 285 ff.). Zu den längerfristigen Entwicklungen gehören die seit den 1990er Jahren beschleunigte Globalisierung, die damit verbundene, schon vorher eingeleitete„neoliberale“ Unterwerfung der Wirtschaft unter die Imperative des Marktes, die im Übergang von der Dienstleistungs- zur Wissensgesellschaft verstärkten Tendenzen der Individualisierung und „Singularisierung“(Reckwitz 2016), der durch die digitalen Medien herbeigeführte Strukturwandel der Öffentlichkeit und die Erderwärmung. Letztere erfuhr mit den weltweiten„Fridays-for-Future“-Protesten seit 2018 einen Aufmerksamkeitsschub, durch den das Thema auf der politischen Agenda dauerhaft nach oben rückte. DIE DEMOKRATIE IM NEUEN KRISENZEITALTER Die verdichteten Krisenereignisse setzten mit den islamistischen Terroranschlägen des 11. September 2001 in den USA ein, denen weitere in Europa folgten(Madrid 2004, London 2005, Paris 2015, Brüssel 2016, Nizza 2016, Berlin 2016). Die Banken- und Finanzkrise, die 2007 in den USA ihren Ausgang nahm und den größten konjunkturellen Wirtschaftseinbruch in den westlichen Ländern nach dem Zweiten Weltkrieg nach sich zog, machte die Anfälligkeit des internationalen Finanzmarktkapitalismus deutlich. In Europa mündete sie in eine Krise des Euros, die die EU mit umfangreichen Stabilisierungsmaßnahmen in den Griff zu bekommen versuchte. Der den Ländern Südeuropas diktierte strikte Sparkurs stellte die Solidarität unter den Mitgliedstaaten auf eine harte Probe. Das galt vor allem für Griechenland, das seinem Ausschluss aus der Währungsunion 2015 nur knapp entging. Ab 2015 standen die europäischen Länder durch die Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten und Teilen Afrikas vor einer weiteren, bis dahin nicht gekannten Herausforderung. In der Bundesrepublik führte sie zu heftigen Verwerfungen innerhalb der Unionsparteien, die die Große Koalition über die Bundestagswahl 2017 hinaus begleiteten, und zu einem deutlichen Aufschwung der rechtspopulistischen AfD in der Wählergunst. Auch andernorts verstärkten sich die Fliehkräfte. Im Juni 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Brit_innen in einer Volksabstimmung für den Austritt ihres Landes aus der EU. Und im selben Jahr beendete die Wahl des„Antipolitikers“ und erklärten EU-Gegners Donald Trump zum US-Präsidenten die Ära der verlässlichen transatlantischen Partnerschaft und multilateralen Zusammenarbeit.
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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