DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 7 CORONAPANDEMIE UND UKRAINEKRIEG Vor diesem Hintergrund traf die demokratische Staatengemeinschaft ein weiteres, völlig unerwartetes Krisenereignis 2020 unvorbereitet und zur Unzeit: die Coronapandemie(vgl. Florack et al. 2021; Decker 2020a). Mit ihr gerieten die Demokratien – auch die deutsche – eineinhalb Jahre lang in einen Ausnahmezustand(vgl. Di Fabio 2021). Die Wirtschaft verzeichnete einen ebenso heftigen Einbruch wie nach der Finanzkrise, während die Bevölkerung für den notwendigen Gesundheitsschutz massive Einschränkungen ihrer Freiheitsrechte hinnehmen musste. In der Krise schlug die sprichwörtliche Stunde der Exekutive. Die Menschen reagierten darauf zunächst mit steigenden Vertrauens- und Zustimmungswerten, die im weiteren Verlauf der Krise allerdings bröckelten(vgl. Kersten/Rixen 2020). Die deutsche Innenpolitik wurde von März 2020 bis zur Bundestagswahl 2021 fast vollständig von der Coronapandemie in Beschlag genommen(vgl. Decker 2020b). Parteipolitisch handelte es sich um ein hochgradig relevantes(salientes), aber um kein Positionsthema mit klar unterscheidbaren ideologischen und inhaltlichen Standpunkten. Sieht man von der AfD und der FDP ab, zog sich der Konflikt zwischen den Befürworter_innen von Lockerungen und den Verfechter_innen strenger Schutzmaßnahmen quer durch die Parteien. Überlagert wurde er vom beginnenden Bundestagswahlkampf sowie von föderalen Streitigkeiten. Mit dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine trat die ohnehin abflauende Coronadebatte ab Februar 2022 in den Hintergrund. Kaum ins Amt gekommen, musste sich die Ampelregierung aus SPD, Grünen und FDP in einer weiteren, bis dahin nicht gekannten Krisensituation bewähren. Außen-, verteidigungs- und sicherheitspolitisch reagierte die Koalition auf die von Bundeskanzler Olaf Scholz so bezeichnete„Zeitenwende“ unter anderem mit einem 100-Milliarden-Aufrüstungsprogramm für die Bundeswehr. Innenpolitisch versuchte sie die drohenden Schäden durch die ausbleibenden russischen Gaslieferungen abzuwehren, indem sie einerseits für raschen Ersatz sorgte(um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten) und andererseits die rapide steigenden Energiepreise mit umfangreichen Entlastungspaketen sozial abfederte. recht gut da. Zweitens gibt es in akuten Krisensituationen die Tendenz, dass sich die Bürger_innen eher hinter den Regierenden versammeln. Dies war zum Beispiel in der ersten Welle der Coronapandemie oder zu Beginn des Ukrainekriegs der Fall. Dennoch ist die Zunahme der Verunsicherung und – damit korrespondierend – Zukunftsangst durch die krisenhaften Entwicklungen seit den 2000er Jahren unabweisbar. Ein Problem für die Demokratie stellt sie bereits deshalb dar, weil hier je nach Betroffenheit und eigener Lage innerhalb der Bevölkerung große Unterschiede bestehen. Während der eine Teil in guten oder sehr guten Verhältnissen lebt und die Freiheiten einer vielfältigen Gesellschaft zu schätzen weiß, wähnt sich der andere Teil auf der Verlierer_innenseite oder fürchtet, dort zu landen. Wie ökonomische und kulturelle Ungleichheiten in der heutigen„Spätmoderne“ zusammenwirken und sich gegenseitig verstärken, hat der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem Buch über die„Gesellschaft der Singularitäten“ beschrieben(Reckwitz 2016). Sie führen zu einer wachsenden Polarisierung auch in ideologischer Hinsicht, die sich vor allem an„identitätspolitischen“ Fragen entzündet und sich bevorzugt in den sozialen Medien entlädt. 10 WAS BEDEUTEN„POLARISIERUNG“ UND„SPALTUNG“? Über das Ausmaß der Polarisierung und ihre Tragweite unter Demokratiegesichtspunkten bestehen allerdings sehr unterschiedliche Meinungen. Während die einen von einer„Spaltung“ der Gesellschaft sprechen und einen regelrechten„Kulturkampf“ heraufziehen sehen, zeichnen andere das Bild einer fragmentierten, aber nicht notwendigerweise polarisierten Gesellschaft. 11 Polarisierung bedeutet, dass sich bei einem Konflikt unterschiedliche Interessen- und Meinungspole gegenüberstehen. Je stärker die extremen Positionen in der Meinungsverteilung vertreten sind, umso größer fällt die Polarisierung aus. Dies gilt aber nur für einen einzelnen Konflikt. Im Regelfall zeichnet sich eine Gesellschaft durch mehrere typische und verschiedenartige Konflikte aus. Für die gesamtgesellschaftliche Polarisierung ist entscheidend, wie weit sich die Gruppen, die die jeweiligen Pole einnehmen, überschneiden. Je mehr Konflikte und je weniger Überschneidungen es gibt, umso geringer ist die Polarisierung. WACHSENDE UNSICHERHEIT ALS GEMEINSAMER NENNER Unsere Studie von 2019 hat eine wachsende Legitimationsschwäche auf der Input- wie auf der Outputseite belegt. Die größere Bedeutung kommt der Outputseite zu. Ist die Bevölkerung mit den Leistungen der Politik unzufrieden, nimmt auch das Vertrauen in die Institutionen und politischen Akteur_innen ab. Der Zusammenhang ist allerdings keineswegs eindeutig. Erstens ist eine kritische Haltung gegenüber der Regierungspolitik nicht mit Demokratieskepsis gleichzusetzen. Bevor die kritische Haltung vieler Menschen in Summe in eine„Systemkrise“ umschlägt, muss sie erst eine bestimmte Schwelle erreicht oder überschritten haben. Nimmt man den Stimmenanteil der Randparteien als Maßstab, steht die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern immer noch Ähnliche Fallstricke birgt der Begriff der Spaltung. Als Äquivalent zur Konfliktlinie wird er in der politikwissenschaftlichen Cleavage-Theorie wertfrei verwendet. Alltagssprachlich suggeriert er dagegen eine Teilung der Gesellschaft in etwa zwei gleich große, sich womöglich unversöhnlich gegenüberstehende Lager, die etwas Endgültiges hat und für die Stabilität der Demokratie deshalb 10 unter anderem Ackermann(2020). Dass die Singularisierung in einen„libertären Autoritarismus“ münden kann, wenn man die Werte der Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung verabsolutiert und sie von gegenseitiger Rücksichtnahme und gesellschaftlicher Solidarität freistellt, haben die Proteste gegen die Coronamaßnahmen gezeigt. Vgl. Amlinger/Nachtwey(2022). 11 die zum Teil gegenteiligen Befunde bei Lux et al.(2022), Avramovska et al.(2022) und Roose(2021).
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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