FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 10 wahrgenommene Leistungsfähigkeit des Föderalismus in der Coronakrise und dessen allgemeiner Rückhalt erhoben. Auch die Problemwahrnehmung hinsichtlich der Schwerfälligkeit des politischen Systems insgesamt wird abgefragt. „FOLLOW THE SCIENCE“ – EXPERTOKRATIE AD PORTAS? Die seit 2018 auf der politischen Agenda nach vorn gerückte Klimakrise und die seit dem Frühjahr 2020 alle anderen Themen lange Zeit in den Hintergrund drängende Coronapandemie brachten die Frage nach dem Verhältnis von demokratischer Repräsentation und wissenschaftlicher Expertise neu aufs Tapet(vgl. Merkel 2021: 7 f.). In der Coronapolitik lautete der Vorwurf an die politischen Repräsentant_innen zunächst, die Zügel des Handelns an die epidemiologischen Expert_innen abgegeben zu haben. Mittlerweile wird der demokratischen Politik eher im Gegenteil ähnlich wie in der Klimapolitik vorgehalten, das von„der Wissenschaft“ als notwendig Erachtete nicht oder nur unvollständig umzusetzen(vgl. Thießen 2021: 105). Ist die Sehnsucht nach expertokratischer Herrschaft damit gestiegen? Einer Studie zufolge würden die deutschen Bürger_innen die Entscheidungsfindung ebenso gern an unabhängige Expert_innen wie an gewählte Repräsentant_innen oder ein Referendum übertragen – auf dem Feld der Klimapolitik sogar lieber(vgl. Bertsou 2022), obwohl die zugrunde liegende Befragung bereits 2017 durchgeführt wurde, also vor„Fridays for Future“ und vor der Coronapandemie. Eine andere Untersuchung misst für Deutschland 24 Prozent Anhänger_innen des parteiendemokratischen, 10,5 Prozent eines populistischen und 6,5 Prozent eines technokratischen Regierungsmodells, vermag aber die übrigen 59 Prozent nicht eindeutig zuzuordnen(vgl. Bertsou/Caramani 2021: 15). Wie 2019 werden in unserer Studie den Befragten diese drei Regierungsmodelle zuzüglich des autokratischen als Alternativen vorgelegt, wobei mit einem stärkeren Zuspruch zum expertokratischen gerechnet wird. Unabhängig davon verstärkt die Verwissenschaftlichung eine in der deutschen Politik ohnedies vorherrschende Sichtweise, dass sich„hinter politischen Streitfragen eigentlich nur Sachfragen verstecken, für die es dank einschlägiger Expertise richtige Lösungen gibt“(Bogner 2021: 16). Die Pluralität der Interessen und Einstellungen als eigentlicher Kern politischer Probleme und der Wert demokratischer Aushandlungsprozesse werden so oft ausgeblendet. Eine nachlassende Einsicht in die„Grenzen der eigenen begrenzten Rationalität“(Di Fabio 2021: 85) und stärker aktivistische Entscheidungspraxis werden auch dem Bundesverfassungsgericht angelastet, das sich weniger in richterlicher Selbstbeschränkung übe als früher und den politischen Gestaltungsanspruch von Regierungen und Parlamenten womöglich zu sehr beschneide – mit dem Risiko, dadurch„das Ansehen der liberalen Demokratie zu beschädigen oder eben auch Zweifel an der politischen Unabhängigkeit der Gerichte zu säen“(Di Fabio 2021: 89). jetzige Studie eine Abfrage des Vertrauens speziell in dieses statt allgemein in Justiz und Gerichte nahe. Auch die Europäische Kommission spielte während der Coronapandemie und in Sachen Klimaschutzbemühungen zuletzt eine wichtige Rolle. In der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit gewann sie schon aufgrund ihrer deutschen Präsidentin an Sichtbarkeit, sodass – trotz der Begrenzung ihrer Macht durch die Mitgliedstaaten und die Europaabgeordneten – auch die Abfrage des Vertrauens in diese das europäische Kollektivinteresse verkörpernde Institution lohnenswert erscheint. MEHR MITSPRACHE IN DER REPRÄSENTATIVEN DEMOKRATIE – ABER WIE? Aufmerksamkeit erregte 2022 eine Allensbach-Umfrage, deren Teilnehmer_innen zu 31 Prozent, im Osten gar zu 45 Prozent, die Aussage bejahten, die Bundesrepublik sei eine„Scheindemokratie“, in der„die Bürger nichts zu sagen hätten“, und sich zu 28 Prozent für eine grundlegende Änderung des politischen Systems aussprachen. 15 Auch nach Überzeugung von Politikwissenschaftler_innen wie Philip Manow funktioniert„[d]ie Demokratie, wie wir sie bislang kannten,[…] nicht mehr richtig“(Manow 2020: 23). Die Große Koalition hatte sich in ihrem Koalitionsvertrag 2018 zum Ziel gesetzt, das„Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit von Politik[…] wieder[zu] stärken“(CDU/CSU/SPD 2018: 5), die angekündigte Expert_innenkommission zum Thema Demokratiereform(CDU/CSU/SPD 2018: 163) aber nie eingesetzt. Die Ampelkoalition möchte es besser machen, unter anderem indem sie bis Ende 2024 bis zu drei Bürger_innenräte durchführt. Solche Räte ermöglichen es der Regierung, bei bestimmten Fragen in die Bevölkerung„hineinzuhören“, und verknüpfen die herkömmliche Meinungsbildung im Rahmen des repräsentativen Systems mit deliberativen Demokratieformen. Da ihre Empfehlungen rechtlich nicht bindend sind, konnte in zivilgesellschaftlichem Rahmen bereits seit der letzten Legislaturperiode mit den Bürger_innenräten experimentiert werden, beginnend mit dem„Bürgerrat Demokratie“ des Vereins Mehr Demokratie und der Schöpflin Stiftung im September 2019, gefolgt von Bürger_innenräten zu den Themen Klimaschutz und Bildung. Auch die Regierung hat das Format bereits getestet: 2022 hat das Auswärtige Amt ein„Nationales Bürgerforum“ im Rahmen der„Konferenz zur Zukunft Europas“ veranstaltet und das Bundesministerium für Bildung und Forschung eines zu Bürgerbeteiligung in der Forschung sowie künstlicher Intelligenz. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble übernahm 2021 die Schirmherrschaft für den Bürger_innenrat „Deutschlands Rolle in der Welt“. Während 2019 mit den Bürger_innenräten noch ein erst in wenigen anderen Demokratien erprobtes Modell Eingang in die Abfrage fand, konnten zumindest politisch interessierte Umfrageteilnehmer_innen bei deren Bewertung nun auch Erfahrungswerte aus dem Inland einfließen lassen. Die große Sichtbarkeit des Bundesverfassungsgerichts in den letzten Jahren aufgrund seiner Urteile etwa zum Klimaschutzgesetz und zur Bundesnotbremse legt für die 15 Zeit Online vom 11. April 2022.
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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