DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 13 gemacht und die Pandemie sei eine Lüge. Zwischen acht und 14 Prozent der Befragten glauben im Befragungszeitraum zwischen Mai 2020 und Dezember 2021 an beide Verschwörungserzählungen. Zudem gibt es einen Zusammenhang zwischen Impfstatus und Verschwörungsdenken: Die Zustimmung zu pandemiebezogenen Verschwörungserzählungen fällt unter Ungeimpften deutlich höher aus als unter Geimpften(vgl. COSMO 2022). Der Frage, wie verbreitet einzelne Verschwörungserzählungen im Jahr 2022 sind und in welcher Verbindung sie zueinander stehen, gehen wir in der vorliegenden Studie nach. URSACHEN VON VERSCHWÖRUNGSGLAUBEN Auf psychologischer Ebene lassen sich drei Motive für den Glauben an Verschwörungserzählungen unterscheiden: epistemische, existenzielle und soziale(vgl. Douglas et al. 2017). Verschwörungserzählungen sind ein Mechanismus zum Umgang mit Unsicherheit, denn sie bieten Antworten und reduzieren die Komplexität, indem sie klare Verantwortlichkeiten und Schuldige benennen (epistemische Motive). Der Glaube an Verschwörungserzählungen ist zudem eine Reaktion auf ein Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht(existenzielle Motive); Verschwörungserzählungen ermöglichen zudem eine Aufwertung des Selbstvertrauens: Verschwörungsgläubige sehen sich selbst als die Wissenden und fühlen sich so der breiten Masse(den„Schlafschafen“) überlegen(soziale Motive)(vgl. Douglas et al. 2017). Eine niedrige formale Bildung, soziale Deprivation sowie ein jüngeres Alter sind oft positiv mit dem Glauben an Verschwörungserzählungen korreliert, spielen aber im Vergleich zu politischen Einstellungs- und Vertrauensvariablen nur eine untergeordnete Rolle(vgl. Schließler et al. 2020). Für den Zusammenhang zwischen Verschwörungsdenken und politischer Ideologie zeichnen Studien ein differenziertes Bild. So lässt sich einerseits eine stärker ausgeprägte Verschwörungsmentalität auf der rechten Seite des politischen Spektrums feststellen. Andererseits belegen Studien einen eher U-förmigen Zusammenhang, nach dem sowohl rechts- als auch linksextrem eingestellte Personen Verschwörungserzählungen zuneigen. Extremismus und Verschwörungserzählung verbindet das manichäische Weltbild. Beide teilen die Welt in Gut und Böse ein. Zudem weisen beide die Tendenz auf, Fremdgruppen abzulehnen, die sich von der eigenen Gruppe unterscheiden(vgl. Imhoff et al. 2022). und egoistischen Verhaltensweisen wie Hamsterkäufen oder Impfverweigerung(vgl. Jennings et al. 2021; Imhoff/ Lamberty 2020). Auch jenseits der Covid-19-Pandemie zeigt die Literatur diverse negative Auswirkungen von Verschwörungsglauben in verschiedenen politischen und gesellschaftlichen Bereichen, sei es politische Partizipation, Wissenschaftsleugnung oder Gewaltaffinität(vgl. Jolly et al. 2020). Verschwörungsgläubige weisen eine geringere Bereitschaft zur Teilnahme an konventionellen Partizipationsformen – wie etwa Wahlen – auf(vgl. Lamberty/Leiser 2021). Eine Ursache ist möglicherweise, dass sie ihnen eine geringere Bedeutung zumessen. Dies erscheint einleuchtend. Wenn man die politischen Eliten als Marionetten anderer Mächte ansieht, etwa weil man einen großen Einfluss geheimer Organisationen im Hintergrund annimmt, dann ist der Austausch der politischen Repräsentant_innen in Wahlen nur Fassade(vgl. Reiser/Küppers 2022). Verschwörungsgläubige zeichnen sich durch ein geringes politisches Vertrauen aus(vgl. Einstein/Glick 2015; Mari et al. 2022; Marques et al. 2022), legen aber keineswegs weniger Partizipationsbereitschaft an den Tag. Sie bevorzugen jedoch unkonventionelle bzw. illegitime Partizipationsformen(vgl. Mari et al. 2022). Belegt ist zudem eine höhere Gewaltbereitschaft(vgl. Lamberty/ Leiser 2021; Vegetti/Littvay 2021; Jolly/Paterson 2020). Der Zusammenhang zwischen Verschwörungsglauben und Einstellungen zur Demokratie sowie Demokratiekonzeptionen ist bisher kaum erforscht worden. Die bereits vorliegenden Untersuchungen zeichnen ein gemischtes Bild: Wer an Verschwörungserzählungen glaubt, zeigt sich meistens mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden, lehnt die Demokratie als Idee oder Prinzip aber nicht von vornherein ab(vgl. Enders 2019; Stojanov/Douglas 2022; Swami et al. 2010). Pantazi et al.(2021) weisen nach, dass Verschwörungsgläubige statt der repräsentativen Demokratie eine andere Art der Demokratie bevorzugen, insbesondere eine direkte Demokratie. Dies bestätigen Reiser und Küppers(2022) für Anhänger_innen von Corona-Verschwörungserzählungen. Beide Studien bescheinigen Verschwörungsgläubigen jedoch auch eine erhöhte Unterstützung technokratischer Demokratiemodelle. In unserer vorliegenden Studie werden diese Befunde überprüft und die Zusammenhänge zwischen Verschwörungsglauben und Demokratieeinstellungen näher untersucht. KONSEQUENZEN VON VERSCHWÖRUNGSGLAUBEN FÜR DIE DEMOKRATIE „Untersuchungen legen nahe, dass Verschwörungstheorien schädlich sind“, resümieren Jolley et al.(2020). In der Tat zeigen Studien, dass der Verschwörungsglauben im Zusammenhang mit Covid-19 mit einer geringeren Einhaltung der Schutzmaßnahmen zur Eindämmung des Virus verbunden war(vgl. zum Beispiel Bruder/Kunert 2022; Banai et al. 2022). Zugleich gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen Corona-Verschwörungsglauben
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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