FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 40 FÖDERALISMUS WIRD EHER ALS FLICKENTEPPICH DENN ALS POSITIVER WETTBEWERB GESEHEN Genau umgekehrt und in einem gewissen Widerspruch dazu fiel das Votum indessen bei dem dritten, eher allgemeine Aspekte ansprechenden Aussagenpaar aus: 69 Prozent befanden, der Föderalismus sei und bleibe wichtig für Deutschland, statt für eine Abschaffung des Föderalismus in Deutschland zu plädieren. Dieser Gegensatz lässt sich so interpretieren, dass die Befragten zwar einerseits den föderalen Grundcharakter der deutschen Verfassungsordnung internalisiert und akzeptiert haben, andererseits aber – jedenfalls, wenn es wie in einer pandemischen Krisensituation darauf ankommt – tendenziell gern mehr Zentralismus hätten(Decker 2022: 178 ff.). Föderalismus und Soziodemografie Beim Föderalismus liegt es auf der Hand, zunächst regionale Unterschiede in den Blick zu nehmen. Es fällt auf, dass er in der politischen Kultur Ostdeutschlands, wo die Länder erst 1990 wiedergegründet wurden, deutlich schwächer verankert ist als in der alten Bundesrepublik: Bei den coronaspezifischen Aussagen liegt die föderalismusfreundlichere Haltung hier vier bis fünf Prozentpunkte unter dem Durchschnitt, bei der generellen Aussage zur Wichtigkeit des Föderalismus sogar 20 Prozentpunkte. 42 Prozent der Ostdeutschen halten den Föderalismus für überflüssig. FÖDERALISMUS WIRD IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN KRITISCHER BEWERTET Gegenpol ist einmal mehr Norddeutschland, wo das nur 21 Prozent so sehen. Auf dem Land wird die Flexibilität des Föderalismus(40 Prozent) ebenso höher geschätzt wie seine Erhaltungswürdigkeit(73 Prozent), die aber auch zwei Drittel der befragten Großstadtmenschen zugestehen. Statushöhere Gruppen sind föderalistischer eingestellt, die Differenzen sind aber vergleichsweise gering mit Ausnahme der Bewertung des Coronapandemiemanagements, wo Niedriggebildete und Hochgebildete sowohl bezüglich Flexibilität als auch Best-Practice-Charakter des Föderalismus rund zwölf Prozentpunkte trennen. Erwähnenswert sind zudem die deutlich geringere Verankerung des Föderalismus bei Jüngeren und Personen mit Migrationshintergrund(58 bzw. 57 Prozent) sowie die etwas stärkere Wahrnehmung eines Flickenteppichs anstelle eines produktiven Wettbewerbs seitens der Frauen. Föderalismus und politische Einstellungen Politisch sehr Interessierte sind föderalismusfreundlicher als wenig Interessierte. Insbesondere bezüglich der Bewertung der Coronamaßnahmen-Flexibilität und der generellen Wichtigkeit des Föderalismus trennen beide Gruppen je rund 13 Prozentpunkte. Befragte, die sich nicht vorwiegend aus Qualitätsmedien informieren, von denen vielen infolge ihrer eigenen föderalen Struktur (ARD und dritte Programme) oder regionalen Schwerpunktsetzung(zum Beispiel„Süddeutsche Zeitung“,„Tagesspiegel“) eine gewisse Grundsympathie für den Föderalismus unterstellt werden darf, sehen weniger Flexibilität(28 Prozent) anstelle von Einigungsschwäche und finden den Föderalismus seltener erhaltungswürdig (58 Prozent). Wem die Politik zu kompliziert und zu schwer zurechenbar erscheint, kommt zu kritischeren Einschätzungen des Föderalismus. Diejenigen, die in der Schwerfälligkeit des politischen Systems ein Problem sehen, hegen um zwölf (Abschaffung) bis 16 Punkte(Flickenteppich) mehr föderalismusskeptische Haltungen als jene, die es nicht schwerfällig finden. Ähnliches gilt für die Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie. Bezieht man die ideologische Selbstverortung der Befragten in den Vergleich mit ein, ist das Bild gemischt, insbesondere mit Blick auf die sich sehr rechts Einordnenden: Die Flexibilität des Föderalismus schätzen sie am wenigsten(31 Prozent), den produktiven Wettbewerb hingegen mit Abstand am meisten(41 Prozent); dennoch liegt ihnen am wenigsten am Erhalt föderaler Strukturen(57 Prozent). Der Föderalismus bleibt ein Problemkind Dass„nur“ 31 Prozent den Föderalismus abschaffen und damit eine der Grundsatzentscheidungen der Verfassungsmütter und-väter rückgängig machen wollen, kann schwerlich als Zeichen zur Entwarnung interpretiert werden. Das föderale System trägt maßgeblich zur Schwerfälligkeit und Intransparenz des politischen Systems bei. Auch am Scheitern zentraler Wahlversprechen oder zumindest an deren Verwässerung war es in Gestalt des Bundesrats nicht selten beteiligt, zuletzt etwa beim Bürgergeld der Ampel. Wenn die Länderregierungen nunmehr tendenziell eher aus drei statt zwei Parteien bestehen, wird die Durchsetzungsfähigkeit der Bundesregierung in der Länderkammer noch weiter abnehmen, denn dann würde die Enthaltung einer einzelnen Partei bereits ausreichen, um ein Gesetz zu blockieren(bei zustimmungspflichtigen Gesetzen wirken Enthaltungen de facto wie eine Neinstimme). Derzeit kann sich die Ampelregierung einzig auf die Stimmen von Hamburg, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland einigermaßen sicher verlassen – gerade einmal 16 von 69. Vorschläge für eine effektive Reform des Bundesrats liegen vor(vgl. Decker 2011; Best 2018). Auch wenn eine Föderalismusreform alles andere als leicht umzusetzen ist, zeigten die Fragen nach der Leistungsfähigkeit des föderalen Systems in der Coronakrise deutlich, dass die Mehrheit der Deutschen, wenn es darauf ankommt, eher eine zentrale Steuerung wünscht. Erneuerung der repräsentativen Demokratie „Man wird die(repräsentative) Demokratie gegen ihre Herausforderer schlecht verteidigen können, wenn man ihre gegenwärtigen Schwächen nicht thematisiert“(Manow 2020: 23). Auch wenn direkte Demokratie und Expertokratie keine realistischen Alternativmodelle darstellen, dienen sie den Kritiker_innen des Repräsentativsystems, die sich nicht mehr nur an den politischen Rändern finden, als Projektionsfläche. Dies gilt insbesondere für den ostdeutschen Landesteil und für die statusniederen Gruppen. Auch bei
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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