DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 41 den Jüngeren hat das Vertrauen merklich nachgelassen. Zwar ist für die Unterstützung der Demokratie der Output des politischen Systems am Ende entscheidender als die Beschaffenheit ihrer Institutionen. Diese prägen aber den Output maßgeblich mit, wenn etwa übermächtige Vetostrukturen die Umsetzung von Wahlversprechen vereiteln. Die hier angesprochenen vielschichtigen Probleme der repräsentativen Demokratie sollten daher angegangen werden, um einem weiteren Vertrauensverlust vorzubeugen. C) GESELLSCHAFTLICHER ZUSAMMENHALT UND OUTPUTLEGITIMATION Politik hat mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu tun, die sie zwar steuernd beeinflussen, aber niemals vollständig bestimmen oder kontrollieren kann. So wie sich Werte und Lebensstile in der Gesellschaft verändern, so treiben der wissenschaftliche Fortschritt und technologische Wandel die Wirtschaft voran. In beiden Bereichen ist der Wandel mit unerwünschten Nebenwirkungen verbunden, die als Schattenseiten der Modernisierung heute stärker hervortreten als früher. Die gesellschaftliche und wirtschaftliche Ungleichheit nehmen zu, während gleichzeitig die ökologischen Belastungsgrenzen durch das ungebrochene Wachstum der Wirtschaftsleistung überschritten werden. Die Politik tut sich schwer, dem entgegenzuwirken, und wird deshalb von den Menschen fast unvermeidlich als defizitär empfunden. Dennoch macht ihr Output auch unter erschwerten Regierungsbedingungen einen Unterschied. Je weniger die Menschen mit den konkreten Ergebnissen der Regierungspolitik hadern, umso mehr Vertrauen werden sie den politischen Akteur_innen und Institutionen entgegenbringen und umso zufriedener sind sie mit der Demokratie insgesamt. Rechts stehende Wähler_innen beklagen den schwindenden Zusammenhalt am meisten Die Frage, ob der gesellschaftliche Zusammenhalt zurückgegangen sei, bejahen 2022 genauso viele Befragte wie 2019, nämlich 75 Prozent. Im Osten und in der Landbevölkerung ist die Zustimmung etwas größer als im Durchschnitt(plus sechs bzw. drei Prozentpunkte). Während es in Bezug auf Alter, Geschlecht, Erwerbsstatus und Migrationshintergrund keine nennenswerten Abweichungen gibt, konstatieren Niedriggebildete und Angehörige der Unter-/Arbeiter_innenschicht das Schwinden des Zusammenhalts häufiger als höher Gebildete und Angehörige der oberen Mittel- und Oberschicht – allerdings ist der Unterschied mit etwa zehn Prozentpunkten nicht sehr groß. 75 PROZENT BEJAHEN, DASS DER GESELLSCHAFTLICHE ZUSAMMENHALT ZURÜCKGEGANGEN IST Deutlichere Differenzen zeigen sich bei den politischen Variablen: Rechts stehende Wähler_innen bestätigen den schwindenden Zusammenhalt mehr als links stehende. So stimmen zum Beispiel von den AfD-Wähler_innen 60 Prozent der These voll und ganz zu, von den Grünen-Wähler_innen dagegen nur 20 Prozent. Ähnliche Zusammenhänge ergeben sich bei den Vertrauensvariablen. Wer wenig soziales und Zukunftsvertrauen hat, mit dem Funktionieren der Demokratie unzufrieden ist, antielitäre Einstellungen hegt und einem anderen als dem repräsentativen Demokratiemodell anhängt, bejaht den schwindenden Zusammenhalt häufiger als die übrigen Befragten – das Plus liegt hier bei 15 bis 20 Prozentpunkten. Abbildung 29 RÜCKGANG DES GESELLSCHAFTLICHEN ZUSAMMENHALTS: Manchmal hört man die Meinung, der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft sei zurückgegangen.(in%) stimme voll und ganz zu stimme eher zu stimme eher nicht zu stimme überhaupt nicht zu n= 2.452 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 5,3 19,4 33,3 42
Druckschrift
Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten