ANDREAS WITTKOWSKY Give War a Chance? Optionen zur Konsolidierung des Kosovo* BEITRÄGE/ARTICLES E in Jahr nach dem Ende des NATO -Bombardements gegen Jugoslawien, mit dem ein internationales Mandat im Kosovo militärisch erzwungen wurde, macht sich Ernüchterung breit. Die Lage vor Ort entspricht in keiner Weise dem Leitbild einer friedlichen multi-ethnischen Zivilgesellschaft. Das Prinzip der ethnischen Ausgrenzung bestimmt weiterhin die politische Landschaft, denn nach ihrer Rückkehr im Sommer 1999 begannen die zuvor vertriebenen Kosovo-Albaner ihrerseits mit Vertreibungen und Gewalttaten. Diese zielten nicht nur auf die serbische Bevölkerung, sondern auch auf die Roma und andere Minderheiten. Eine Überquerung der seitdem geschaffenen ethnischen Trennlinien im Kosovo ist nur unter massivem Schutz der jeweils»Fremden« durch die»Kosovo Force«( KFOR ) möglich. Die einzig dauerhaft tragbare Option für die gesamte Region Südosteuropa, nämlich die Konsolidierung moderner politischer Nationen – und damit von Nationalstaaten, in denen der staatsnationale Konsens über die politische Beteiligung aller Bürger des Staatsgebiets, nicht jedoch über den Mythos der ethnischen Homogenität angestrebt wird –, liegt nach wie vor in weiter Ferne. Diese ist auch nicht in jeder Konstellation denkbar, sondern müsste der jüngsten Geschichte Rechnung tragen; eine technokratische Rekonstruktion der systematisch zerstörten jugoslawischen (Rest-)Nation ist aussichtslos. Dies kompliziert die Suche nach einem tragfähigen Status für das Kosovo, da die etablierte Praxis des Völkerrechts an der Garantie bestehender Staatsgrenzen orientiert ist. Die Hilflosigkeit der internationalen Gemeinschaft, die Vertreibungen sowohl während als auch nach dem Krieg zu verhindern und für die persönliche Sicherheit aller Bürger Kosovos zu garantieren, haben verstärkte Zweifel an der Sinnhaftigkeit des westlichen Engagements aufkommen lassen, das gerade damit begründet wurde, weitere Menschenrechtsverletzungen und eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. Die Eskalationen nach dem Einmarsch der KFOR -Truppen leisten dem inhärenten Nihilismus einer außenpolitischen Denkschule Vorschub, die unter dem Motto»Give War a Chance« antritt. Sie unterstellt, eine künstliche Befriedung regionaler Kriege durch externe Interventionen sei grundsätzlich unmöglich, da die Konfliktparteien kein eigenes Interesse an einer Friedenslösung entwickeln und ihr deshalb zwangsläufig entgegenarbeiten. 1 Zunehmend wird die Frage gestellt, ob die Ergebnisse der NATO -Aktion die politischen Kosten rechtfertigen, die durch den umstrittenen Umgang mit dem Völkerrecht entstanden sind. Denn auch wenn das Bombardement nicht einhellig als Bruch»des« Völkerrechts interpretiert wird, so wird es doch zweifelsohne als machtpolitischmilitärische Durchsetzung eines völkerrechtlichen Prinzips –Verbot des Völkermords – ohne die völkerrechtliche vorgesehene Legitimierung durch den UN -Sicherheitsrat angesehen. 2 Auch die Unzufriedenheit der über zwei Millionen Kosovaren steigt. Dies betrifft einerseits die etwa zehnprozentige Minderheit der KosovoSerben, die – inzwischen verhasst bei den meisten albanischen Kosovaren, aber auch in Innerser* Der Aufsatz entstand in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik im Rahmen des Stabilitätspakts für Südosteuropa. Die Informationen beruhen – soweit nicht anders gekennzeichnet – auf Autoreninterviews während zweier Aufenthalte im Kosovo im ersten Halbjahr 2000 . Allen Gesprächspartnern sei an dieser Stelle herzlich gedankt. 1. Edward N. Luttwak:»Give War a Chance«. In: Foreign Affairs 4/1999 , S. 36–44 . 2. Vgl. Egbert Jahn:»›Nie wieder Krieg! Nie wieder Völkermord!‹ Der Kosovo-Konflikt als europäisches Problem«. Forschungsschwerpunkt Konflikt- und Kooperationsstrukturen in Osteuropa an der Universität Mannheim: Untersuchungen des FKKS 23/1999 , S. 28–38 . IPG 4/2000 Andreas Wittkowsky, Give War a Chance? Optionen zur Konsolidierung des Kosovo 347
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