Aufsatz 
Wirklichkeitskonstruktion als Ware : "Der Wertewandel" in der westlichen Welt
Entstehung
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DORIS LUCKE Wirklichkeitskonstruktion als Ware: »Der Wertewandel« in der westlichen Welt W ie kaum eine andere Gesellschaftsdiagnose des letzten Viertels des vergangenen Jahrhun­derts hat der»Wertewandel« international Karriere gemacht und die Diskussionen innerhalb und außerhalb der Sozialwissenschaften in Deutsch­land, aber auch in zahlreichen westlichen Indus­trieländern und in den USA angeregt. Besondere Bedeutung gewinnen diese Diskussionen im Kontext der Globalisierung und der europäischen Einigung und Erweiterung, die nach der deut­schen Wiedervereinigung einen der bedeutsams­ten makrosoziologischen Transformationsprozesse und eine der größten inner- und zwischenge­sellschaftlichen Herausforderungen darstellt. Bis heute sind nicht nur die Werthaltungen im west­lichen und östlichen Teil Deutschlands geteilte in dem Sinne, dass sie die Sprache beim Wort genommen nicht von allen BürgerInnen geteilt werden, also gerade keine gemeinsamen sind. Auch das auf sozialstruktureller Ebene konstatier­bare Modernisierungsgefälle in Europa ist nicht deckungsgleich mit den heterogenen, in sich keineswegs konsistenten Wertkulturen der einzel­nen Länder auf soziokultureller Ebene. Wenn aus der Währungsgemeinschaft eine Wertegemein­schaft werden soll, innerhalb der die national unterschiedlichen Wertelandschaften Europas, die momentan noch in eine skandinavische, roma­nische und germanische Wertefamilie zerfallen, in Zukunft unter einem gemeinsamen Wertehimmel blühen, bedarf es nicht nur einer europäischen Währungs-, sondern auch einer sozialwissenschaft­lich fundierten Wertepolitik. Damit besteht so­wohl praktisch-politischer Gestaltungsbedarf als auch ein hiermit korrespondierender, vor allem international und interkulturell vergleichender Forschungsbedarf. Vor diesem Hintergrund geht der nachfol­gende Beitrag 1 aus soziologischer Sicht der Frage nach den Erfolgsbedingungen der in vielerlei Hin­sichten erstaunlichen und so steht zu erwarten nachhaltigen Begriffskarriere des»Wertewandels« nach. Gleichzeitig wird an seinem Beispiel in einer wissenschaftskritischen Perspektive auch die Diag­nosefähigkeit der Sozialwissenschaften und ihr praktisch-politischer Anwendungsbezug überprüft. Der inflationäre Gebrauch des mittlerweile fast schon geflügelten Wortes»Wertewandel« verlangt zunächst nach einigen allgemeinen Anmerkungen zur soziologischen Gesellschaftsdiagnose. Verschlagwortung ohne Erklärung: soziologische Gesellschaftsdiagnosen Gesellschaftsdiagnosen werden in der Soziologie synonym zu Gesellschaftsmodellen, Gesellschafts­theorien, Gesellschaftskonzeptionen, Gesellschafts­analysen oder Gesellschaftstypologien gebraucht (Papcke 1991 ; Kneer / Nassehi / Schroer 1997 ; Im­merfall 1998 ). Viele dieser Diagnosen sind, wie in der Medizin, wo der Diagnosebegriff ursprünglich herkommt und dort der Identifikation von Krank­heiten und sonstigen Anomalien dient, Krisen­diagnosen, die sich auf einschneidende gesell­schaftliche Veränderungen beziehen und epoch­ale Umbrüche markieren. Dem hier gemachten Definitionsvorschlag 2 zufolge sind Gesellschafts­diagnosen zeitgeistkompatible Echtzeitdiagnosen von Zeitgenossen mit sozialwissenschaftlichen Abschlüssen, die mit den Diagnosen von Zeitge­nossinnen und Zeitgenossen ohne Diplom mehr oder weniger übereinstimmen und die Schütz­1. Der Artikel basiert auf einem Vortrag der Verfasserin an der Universität Bonn anlässlich des»dies academicus« im Wintersemester 1999/2000 . 2. Die vorgeschlagene Definition geht auf eine Unter­scheidung des amerikanischen Soziologen Alvin Gould­ner von Soziologen und Alltagsmenschen zurück und verknüpft diese mit Grundeinsichten der Begründer einer Phänomenologischen und Verstehenden Sozio­logie, Alfred Schütz und Max Weber. IPG 4/2000 Doris Lucke, Wirklichkeitskonstruktion als Ware:»Der Wertewandel« in der westlichen Welt 389