Aufsatz 
Green Card für indische Programmierer : Herausforderung für die Entwicklungspolitik
Entstehung
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JÜRGEN WIEMANN Green Card für indische Programmierer: Herausforderung für die Entwicklungspolitik D ie Diskussion in Deutschland über eine Öff­nung des Arbeitsmarktes für hoch qualifizierte Fachkräfte der Informations- und Kommunika­tionstechnologien( IT ) schlägt hohe Wellen. Mög­licherweise, darauf deuten die demographischen Prognosen eines vor kurzem veröffentlichten UN ­Berichts hin, ist die Diskussion über eine deutsche »Green Card« für Ausländer aus Nicht­EU -Län­dern nur der Vorbote eines langfristigen Zwangs zur Öffnung Europas für Einwanderung, um dem absehbaren Alterungsprozess der europäischen Gesellschaften und den damit verbundenen Gefah­ren für die Sozial- und Alterssicherungssysteme entgegenzuwirken. 1 Im Folgenden soll nur am Rande auf die Argumente der deutschen Debatte eingegangen werden. Hier geht es vielmehr um eine erste Beurteilung des Problemkomplexes aus entwick­lungspolitischer Sicht. Die Entwicklungspolitik ist gefragt, weil die Qualifikationslücke in Deutsch­land vor allem durch Anwerbung von IT -Fach­kräften aus Entwicklungsländern oder Ländern des ehemaligen Ostblocks überbrückt werden soll. Aus anderen EU -Ländern ist der Zuzug von Arbeits­kräften ohnehin unbeschränkt möglich, und die übrigen OECD -Länder haben einen ähnlich hohen Anwerbungsbedarf, so dass von dort kaum Ent­lastung zu erwarten ist. Entwicklungsländer und Transformationsländer hingegen finden sich in der Rolle als Abgabeländer, zum einen wegen ihres erheblich niedrigeren Lohnniveaus, zum anderen wegen der zumal in Krisenländern zeitweise ein­geschränkten Beschäftigungsmöglichkeiten für IT ­Spezialisten. Was also hieße eine verstärkte Abwerbung von IT -Fachkräften für die Abgabeländer? Wird ihnen knappes Humankapital entzogen(Braindrain), und welche politischen Steuerungsmöglichkeiten gibt es, um dem entgegenzuwirken oder den Verlust von Humankapital zu kompensieren? Kann der Austausch von Fachkräften, die für eine begrenzte Zeit in einem OECD -Land arbeiten und danach wieder in ihr Heimatland zurückkehren, nicht vielmehr positive Wirkungen für die wirt­schaftliche Entwicklung des betreffenden Landes erzeugen? Sind die gerade auch durch Emigranten geknüpften internationalen Netzwerke innerhalb der Softwarebranche und zwischen dieser und den Anwendern nicht sogar Voraussetzung für eine dynamische Entwicklung des Sektors in einem Lande? Im Mittelpunkt der folgenden Betrach­tung steht Indien als das Entwicklungsland mit dem größten IT -Fachkräftereservoir in der Dritten Welt, aus dem sich andere OECD -Länder, insbeson­dere die USA , schon lange bedienen und das in der deutschen Debatte mit einprägsamen Formeln als prominentes Abgabeland genannt wird. Am Beispiel Indiens lässt sich auch beson­ders deutlich erkennen, dass voreilige Beurtei­lungen die Suche nach konstruktiven Formen der Problembewältigung durch internationale Zu­sammenarbeit behindern können. Internationale Migration ist ein komplexes sozio-ökonomisches Phänomen, dessen Gesamtbewertung nur in einem historischen Längsschnitt möglich ist. Während in der frühen Abwanderungsphase auch in Indien die Gefahr des Braindrain beschworen wurde, zeigen sich nunmehr auch positive Wirkungen, nachdem eine relevante Zahl von Emigranten mitsamt ihren im Ausland gesammelten Erfahrungen, persön­lichen und geschäftlichen Kontakten und Erspar­nissen nach Indien zurückgekehrt ist und dort zur Entwicklung der dynamischen und export­offensiven Softwareindustrie beiträgt. Von dieser Branche gehen nicht nur wesentliche Impulse für die Modernisierung und Entwicklung der indischen Wirtschaft insgesamt aus, sie trägt auch schon maßgeblich zum Export des Landes bei 1. United Nations Department of Economic and Social Affairs( 2000 ). IPG 4/2000 Jürgen Wiemann, Green Card für indische Programmierer: Herausforderung für die Entwicklungspolitik 411