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Organising YouTube : neue Formen der Organisierung von Plattform-Arbeiter_innen
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FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG Organising ­YouTube dar. Dieser»threat of invisibilty«(Bucher 2018) setzt Content Creators unter Druck die Regeln der Plattform einzuhalten und eine maximale Veröffentlichungsfrequenz sicherzustellen, um auf der Plattform sichtbar zu bleiben. Die Sammlung von Daten über Arbeiter_innen und deren Eingruppierung auf algorithmischer Grundlage wird in der Forschung als»algorithmisches Management« beschrieben (Lee et al. 2015). 4 Über die Unsicherheit, die dieses Arbeits­regime hervorruft, erklärt etwa einer der von uns interview­ten Creators: »[YouTube] ändert seinen Algorithmus 300 mal pro Jahr, und zu kaum einer Änderung wurden wir kontaktiert. Wir stellen das bloß fest.[] Es gibt Millionen unterschied­liche Ursachen, potenziell könnte alles zu allem führen. Irgendetwas verändert sich und du weißt nie, ob es You­Tube ist. Das ist sehr frustrierend.«(Interview 2: 15) Das Zitat unterstreicht die Intransparenz und Unsicherheit, welcher YouTuber_innen bei der Verbreitung, Entlohnung und Sanktionierung ihrer Inhalte ausgesetzt sind ein Phä­nomen, das als»Informationsasymmetrie« auch für andere Formen von Plattformarbeit beschrieben wird(Rosenblat/ Stark 2016). Hier wird auch der Kontrast zu konventionellen Formen der selbstständigen Arbeit sichtbar, die üblicherwei­se nicht einer solchen Form der Kontrolle oder Informations­asymmetrie unterliegen. Ein drittes wichtiges Merkmal der Arbeit auf YouTube stellt der hohe Grad an»Subjektivierung« der Tätigkeit dar. Die Forschung zu Arbeit auf sozialen Medien beschreibt die Allgegenwärtigkeit eines»Aufstiegsversprechens«(Duffy/ Pooley 2019) unter Content Creators, welches durch harte Arbeit und authentisches Auftreten erarbeitet werden kann. Ähnlich wie bei anderen Formen unternehmerischer Selbst­ständigkeit müssen sich YouTuber_innen dabei in einem permanenten Prozess des»self-branding«(Duffy/Pooley 2019) verstehen, der auch über die Präsenz auf mehreren Plattformen(»cross platform branding«) gesteigert werden kann. Vor allem Creators mit geringer Reichweite verrich­ten dabei auch Formen von» aspirational labor«(Duffy 2017) Arbeitstätigkeiten die selten bezahlt werden aber eine»Aussicht auf eine Karriere, in der Arbeit und Freizeit koexistieren« bieten.(ebd.: 4). Das Narrativ der demo­kratischen und horizontalen Plattform, das YouTube seit seiner Gründung in der Öffentlichkeit geprägt hat, gilt für die Creators dabei jedoch kaum. Durch die Werbebudgets von Unternehmen werden etwa YouTuber_innen aus dem Globalen Norden bevorzugt, und die Forschung zu YouTube zeigt eine Überrepräsentanz von Männern, die selbst die Ungleichheit auf traditionellen Medienkanälen übertrifft (Arnold 2013; Döring/Mohseni 2019; Writes 2019). Mit Blick auf die Organisierung von Arbeiter_innen stellt YouTube ein schwieriges, hoch fragmentiertes Terrain dar. Konkret sind Content Creators mit mindestens drei Formen der Fragmentierung in ihren Arbeitsverhältnissen konfron­tiert. Erstens mit einer organisatorischen Fragmentierung durch ihren Status als formal selbstständige Arbeiter_in­nen. Obwohl YouTuber_innen stark von der Kontrolle der Plattform abhängig sind, sind sie formell nicht Teil des Unternehmens und besitzen in der Folge kein Recht auf kollektive Interessensvertretung. Dass die Content Creators auf der Plattform sogar in direkter Konkurrenz zueinander stehen, spitzt diese Fragmentierung zusätzlich zu. Zweitens lässt sich durch die oben beschriebene Logik des über­wachungsbasierten, algorithmischen Managements eine technologische Fragmentierung beobachten, die mit einer hohen Informationsasymmetrie einhergeht und Kommu­nikationsmöglichkeiten auf der Plattform systematisch untergräbt. Drittens sehen sich YouTuber_innen aufgrund der ihrer Entfernung über Regionen und Grenzen hinweg mit einer geographischen Fragmentierung konfrontiert. In vielen Fällen sind weder die Creators, noch YouTube oder die Werbetreibenden im selben Land tätig und unterliegen oft unterschiedlichen rechtlichen Bedingungen(Berg et al. 2019). Die kollektive Organisierung von Arbeiter_innen auf Basis dieser Fragmentierungen unterliegt auf YouTube hohen Hürden und hat die gemeinsamen Interessen der Creators lange unsichtbar gemacht. KONFLIKT AUF YOUTUBE: DIE »ADPOCALYPSE« Wie bei den meisten Organisierungsaktionen von Arbeiter_ innen war ein konkreter Konflikt im Unternehmen Auslöser für die Gründung der YTU. Die Auseinandersetzungen auf YouTube brachen 2017 nach der Publikation umstrittener Inhalte auf der Plattform aus, weil diese zur strengeren Kontrolle von allen Inhalten und deren Bezahlung auf YouTube führten. Weil Werbeanzeigen neben rassistischen, antisemitischen und irreführenden Inhalten eingeblendet worden waren und Unternehmen wie Walmart, Coca-Cola und Starbucks daraufhin ihre Werbeanzeigen aus YouTube zurückzogen, stand YouTube unter finanziellem Druck (Winkler et al. 2017)(Nicas 2017). In nur wenigen Wochen verbuchte YouTube Verluste von rund 750 Millionen US-Dol­lar, was sich in den kommenden Monaten auf vermutlich mehrere Milliarden US-Dollar aufsummiert haben dürfte (Rath 2017). Um diese Entwicklung zu stoppen und ihr verloren gegangenes Vertrauen bei Werbeunternehmen zurück zu gewinnen, führte YouTube ein strenges Regime automatisierter Content-Moderation auf der Plattform durch. Neben der Löschung von rechtswidrigen Inhalten führten diese Veränderungen auch zu einem intensivierten algorithmisches Arbeitsregime für alle Creators, was eine Vielzahl willkürlicher Sanktionen, die Sperrung von Kanälen und massive Einkommensverluste für YouTuber_innen nach sich zog. Ungeachtet tatsächlicher Regelverletzungen wur­den Videos von YouTuber_innen demonetisiert 5 , unterlagen 4 Algorithmisches Management beschreibt ein Arbeitsumfeld, in dem »menschliche Arbeitsplätze durch Algorithmen und rückverfolgte Daten zugewiesen, optimiert und evaluiert werden«(Lee et al. 2015: 1603). 5»Demonetarisierung« bezeichnet die Kennzeichnung eines Videos als»nicht werbefreundlich«. Mit demonetarisierten Videos kann kein Einkommen erzielt werden. 4