»YouTubers Unite«: eine Vereinigung von YouTuber_innen » shadow bans« 6 oder ihre Kanäle wurden mehrere Wochen lang gesperrt. Unter den gesperrten Videos fanden sich Tutorials zu einer Schiffbautechnik(»strip built«, die wegen des Wortes»strip« im Titel gesperrt wurde) oder Videos in denen umgangssprachliche Worte oder Wörter wie»gay« oder»trans« als»schockierender Inhalt« gekennzeichnet wurde(Alexander 2019; Kumar 2019: 7f.). Die abrupten Regeländerungen durch YouTube, ihre unklare Kommunikation und fehlende Zuverlässigkeit lösten öffentliche Proteste von YouTuber_innen und ihrer Zuschauerschaft aus (Alexander 2019). Der Konflikt, der innerhalb der YouTubeCommunity als»Adpocalpyse« bekannt wurde, machte die Abhängigkeiten und Probleme von Content Creators sichtbar. In dieser aufgeheizten Situation gründete eine Gruppe von YouTuber_innen die YouTubers Union, um den verschlechterten Arbeits- und Publikationsbedingungen auf der Plattform entgegenzutreten. »YOUTUBERS UNITE«: EINE VEREINIGUNG VON YOUTUBER_INNEN Als Reaktion auf die Werbekrise von YouTube und ihren Auswirkungen wurde die YTU im März 2018 gegründet. Initiiert wurde die Gruppe von Jörg Sprave, einem bekannten deutschen YouTuber, dessen Einkommen und Sichtbarkeit auf der Plattform wegen der Werbeumstrukturierung von YouTube zurückgegangen waren. Sprave veröffentlichte ein Kampagnenvideo, in dem er»alle YouTuber zu den Waffen« rief(Sprave 2018b) und eine Facebook-Gruppe gründete, der innerhalb von sechs Wochen 15.000 Menschen beitraten. Zu seiner Motivation, eine solche Gruppe ins Leben zu rufen, erklärte Sprave: »Da ich nicht ganz allein davon betroffen bin, habe ich gesagt, dass ist gerade ein richtig großes Thema, denn es zeigt auch, wie schwierig das ist als kleiner YouTuber.[…] So klein bin ich ja gar nicht, aber selbst mein schon etwas größerer Kanal kommt ja nicht dagegen an. Man kann nichts machen, sie sitzen das aus. Also ist mir ganz klar bis zum heutigen Tage, wenn sich die YouTube Creator nicht zusammentun, wird man keine Veränderung bewirken können.«(Interview 6: 3) Die neu gegründete Initiative bestand aus drei verschiedenen Gruppen: professionelle YouTuber_innen, angehende YouTuber_innen sowie Zuschauer_innen und Unterstützer_innen. Die meiste Arbeit wurde von Sprave selbst, einem kleinen Kreis von freiwilligen»Admins« und einigen Content Creators mit großer Reichweite übernommen, die auf ihren Kanälen Kampagnenvideos veröffentlichten. Für die Mitglieder dieser neuen Online-Gruppe erfüllte die YTU vor allem drei Zwecke: zur Sammlung und dem Austausch von Daten, zur Organisation und Unterstützung von Kampagnen sowie zur Diskussion über laufende Veränderungen auf der Plattform.(1) Das Sammeln und der Austausch von 6»Shadowbanning« bezeichnet einen Prozess, durch den Inhalte auf einer Plattform nur noch schwer oder gar nicht mehr zu finden sind. Das begrenzt die Reichweite der Inhalte in erheblichem Maße. Daten waren für YouTuber_innen wichtig, um kollektives Wissen zu den ihnen widerfahrenen Problemen zu sammeln. Screenshots von Statistiken wurden ausgetauscht, um Probleme der Content Creators aufzuzeigen und Beweise zu sammeln. Durch Mitgliederumfragen wurde versucht, gemeinsam erlebte Probleme transparent zu machen.(2) Die Organisation und Unterstützung von Kampagnen war eine zweite wichtige Form der Interaktion. Die große Mitgliederzahl der Gruppe wurde eingesetzt, um die Aktionen und Kampagnen der Gruppe durch Likes, Shares, Kommentare oder andere Formen der Intervention über soziale Medien sichtbar zu machen.(3) Die Diskussion über die Veränderungen auf YouTube war eine dritte wichtige Aktivität der Mitglieder. Neue Entwicklungen auf der Plattform, etwa eine Veränderung der Geschäftsbedingungen, wurden aus Perspektive der YouTuber_innen debattiert. Dies stellte einen deutlichen Kontrast zur oft unklaren Informationspolitik des Unternehmens dar. Die Beziehungen zwischen einzelnen YTU-Mitgliedern waren in der Regel spontan, lose und unverbindlich, die meisten Mitglieder kannten sich persönlich nicht. Obwohl sich die YTU aus einer sehr unterschiedlichen Anzahl von Kanal-Genres zusammensetzte, war der aktive Mitgliederkern sehr homogen: er bestand aus männlichen und weißen YouTubern, die in den USA oder Europa Videos produzierten. Diese Homogenität lässt sich nicht nur durch den»Bias« der Plattform selbst erklären, sondern auch durch die Dominanz von weiß und männlich geprägten Creator-Communities innerhalb der Gruppe selbst. So waren etwa Kanäle rund um Waffen- und Schusswaffengebrauch stark vertreten, ein Feld auf YouTube in dem die oben genannten Gruppen stark vertreten sind. 7 Darauf aufbauend spielte die Rhetorik der YTU-Kampagne auch mit martialischer Sprache und Bildern, die vor allem Männer adressiert:»Creators, Users... To Arms! Join the YouTubers Union«(Sprave 2018a). Dies dürfte wahrscheinlich auch zu der homogenen Mitgliedschaft beigetragen haben. Insgesamt kann die Entwicklung der YTU in zwei Phasen unterteilt werden: eine Phase der Selbstorganisation im ersten Jahr(März 2018 bis Juli 2019) und eine zweite Phase, die vor allem durch eine Kooperation mit der Gewerkschaft IG Metall(seit Juli 2019) geprägt ist. Die erste Phase begann mit der anfänglichen Gründung der Gruppe, bei der sich 15.000 Mitglieder in einer Facebook-Gruppe zusammengeschlossen hatten. Die Gruppe suchte den Kontakt zum YouTube-Management, führte interne Mitgliederumfragen durch und organisierte einen gemeinsamen»Warnstreik«. 8 Die erste ernstzunehmende Kontaktaufnahme durch YouTube erfolgte im September 2018, nachdem Sprave im Namen der YTU ein Video veröffentlicht hatte( Debunked: 7 Dass sich in der YTU viele kontroverse Genre-Kategorien versammelten, ist kein Zufall: Kanäle die sich(wenn auch unter Einhaltung der Vorgaben) am Rande des von YouTube Erlaubten befanden, waren stärker von falschen Sperrungen und Sanktionen betroffen. Dies schloss neben Kanälen über Waffen oder Wurfgeschosse auch Kanäle über Themen wie Politik, Geschlecht oder Sexualität ein. 8 Die dem Warnstreik zugrundeliegende Idee war es, während mehrerer Wochen von der Veröffentlichung von Inhalten abzusehen, um so Druck auf YouTube auszuüben. 5
Druckschrift
Organising YouTube : neue Formen der Organisierung von Plattform-Arbeiter_innen
Entstehung
Einzelbild herunterladen
verfügbare Breiten