heitlichung zum Opfer fallen, sondern muss als langfristige Investition in nachhaltige Friedens- und Sicherheitspolitik verstanden werden. 25 Jahre WPS – eine Agenda unter Druck Die Aufstellung der neuen Bundesregierung kommt zu einem guten Zeitpunkt, denn im Oktober 2025 jährt sich die Verabschiedung der UN-Sicherheitsratsresolution 1325 zum 25. Mal. Im Jahr 2000 hatte der Sicherheitsrat der Verein ten Nationen die Resolution unter dem Vorsitz Namibias einstimmig verabschiedet. Und markierte damit einen historischen Meilenstein, denn erstmals in ihrer Geschichte rückte die internationale Staatengemeinschaft die geschlechterspezifischen Auswirkungen bewaffneter Konflikte in den Fokus und erkannte die zentrale Rolle und Expertise von Frauen in Friedensprozessen ausdrücklich an. Doch ein Vierteljahrhundert später steht die Agenda unter Druck. Weltweit ist ein deutlicher Backlash zu spüren: Genderpolitiken werden zurückgerollt und inklusive Sprache in multilateralen Foren bekämpft – etwa im Rahmen der UN-Frauenrechtskommission, wo einzelne Mitgliedstaaten regelmäßig versuchen, Begriffe wie»Gender« aus Abschlusserklärungen zu streichen. Zivilgesellschaftliche Organisationen sehen sich zunehmenden Finanzierungsschwierigkeiten ausgesetzt. Zudem baut die US-Regierung ihr Engagement zu WPS zurück – mit weitreichenden Konsequenzen. So verkündete der neue US-Verteidigungsminister Pete Hegseth jüngst die Abschaffung des WPS-Programms in seinem Ressort und diskreditierte die Agenda als »yet another woke divisive/social justice/Biden initiative that overburdens our commanders and troops«. Eine Fehlannahme – nicht zuletzt, da es Donald Trump war, der den WPS-Act während seiner ersten Amtszeit im Oktober 2017 unterzeichnete und die USA damit zum ersten Land machte, das nicht nur eine ressortübergreifende Umsetzungsstrategie verfolgte, sondern die Agenda gesetzlich verankerte. Zugleich gab es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr so viele gewaltvolle Konflikte wie heute. Der anhaltende Krieg Russlands gegen die Ukraine, der von vielen Organisationen und Expert_innen mittlerweile als Genozid eingestufte Krieg Israels in Gaza, die regionale Eskalation mit dem Iran oder der Krieg in Sudan sind nur einige Beispiele. Johann Wadephul verkündete im April in einem Interview, die feministische Außenpolitik aufgeben und sich stattdessen auf»die ganz großen Konfliktherde« wie Ukraine, Nahost und etwa den Iran fokussieren zu wollen. Doch gerade in diesen Kontexten zeigt sich die Relevanz der Agenda»Frauen, Frieden und Sicherheit« besonders deutlich. Denn die Perspektiven von Frauen und marginalisierten Gruppen sind keineswegs eine Nebensächlichkeit, sondern grundlegende Voraussetzungen für eine nachhaltige Konfliktbearbeitung. Die vier Säulen der Agenda – Partizipation, Prävention, Schutz sowie Soforthilfe und Wiederaufbau – bieten einen belastbaren Rahmen, um in komplexen Konfliktlagen auf lange Sicht wirksame Politik zu gestalten. Ein vertieftes Verständnis für die Zusammenhänge von Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltiger Konfliktbearbeitung ist häufig dort zu finden, wo Kriegserfahrungen noch sehr präsent sind. So wurde jüngst auf Einladung der kosovarischen Präsidentin Vjosa Osmani zum dritten Mal das International Forum on Women, Peace and Security abgehalten. Auf dem Forum unterstrichen die Teilnehmer_ innen in ihren Beiträgen eindrücklich den präventiven und vor allem strategischen Charakter der Agenda: Wer Konflikten wirksam begegnen wolle, müsse vorausschauend handeln, inklusive Prozesse fördern und die richtigen Fragen stellen – bevor sich Krisen zuspitzten. Ein Bewusstsein für die Bedarfslage von Betroffenen müsse bereits in scheinbar stabilen Zeiten politisch priorisiert werden. Das sollte sich in der aktuellen Situation auch die deutsche Bundesregierung zu Herzen nehmen – und ihren Verpflichtungen gerecht werden. Ein belastbarer Rahmen in Krisenzeiten Die völkerrechtliche Verbindlichkeit der Resolution 1325 des UN-Sicherheitsrats ist umstritten, auch, weil sie nicht unter Kapitel VII der UN-Charta verabschiedet wurde. Da sie vorrangig programmatisch ausgerichtet ist, entfaltet sie für Mitgliedstaaten grundsätzlich keine unmittelbare Rechtsverbindlichkeit. Zudem gibt es für den Fall einer Nichtbefolgung keine verbindlichen Sanktionsmechanismen. Doch eine systematische Verknüpfung mit dem Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau(Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, CEDAW), das ein völkerrechtlich verbindliches Berichtsprüfungsverfahren durch den CEDAW-Ausschuss vorsieht, birgt Potenzial, um justiziable Ansatzpunkte zur Stärkung der Inhalte von Resolution 1325 zu schaffen. Eines steht jedoch fest: Die Resolu tion ist politisch verpflichtend und normativ wegweisend. Ihre Operationalisierung, Umsetzung und Evaluation soll daher mit Hilfe Nationaler Aktionspläne(NAP) gestärkt werden – bis 2024 hatten insgesamt 108 UN-Mitglieds staaten(also etwa 56 Prozent) solche Pläne entwickelt und sich damit zu konkreten Maßnahmen verpflichtet. In Deutschland ist der dritte NAP im vergangenen Jahr ausgelaufen und wurde von der vorherigen Regierung nicht erneuert. Die neue Bundesregierung muss nun schnellstmöglich einen neuen NAP erstellen, der den vorherigen weiterentwickelt, den aktuellen Begebenheiten Rechnung trägt, und nicht an Ambitionen verliert. Dabei sollte die Bundesregierung vor allem drei Aspekte in den Fokus nehmen: politische Kohärenz, Ressourcen und Allianzen. Im Bereich Menschenrechte und Geschlechtergerechtigkeit darf sie die Zielsetzungen der Agenda nicht aus dem Blick verlieren, wenn sie einen Beitrag zu Frieden und Sicherheit leisten will. 2 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Grundnüchtern : weshalb die Bundesregierung gerade jetzt in die Agenda "Frauen, Frieden und Sicherheit" investieren sollte
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