Buch 
Alltag als Maßstab : geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

Blickwinkel BaWü Alltag als Maßstab: Geschlechtergerechte 1 Stadtentwicklung in Baden-Württemberg Dr. Mary Dellenbaugh-Losse Eine ältere Frau lebt allein in einem Einfamilienhaus am Rand einer kleinen Gemeinde. Für den Einkauf reicht der Busfahrplan gerade noch aus, für einen Termin bei der Fachärztin in der Kreisstadt ist sie jedoch auf ihre Tochter und ihr Auto angewiesen. In einem Neubaugebiet bringt eine alleinerziehende Mutter morgens ihr Kind zur Kita, fährt anschließend zur Arbeit und erledigt auf dem Rück­weg den Einkauf. Ohne Auto wären diese Wege kaum mit­einander zu verbinden. Eine junge Frau ist abends mit Freundinnen in einer Bar. Der Weg zur Haltestelle wirkt dunkel und unübersichtlich, und auch im öffentlichen Nahverkehr fühlt sie sich zu dieser Uhrzeit unsicher. Des­halb nimmt sie ein Taxi, obwohl die zusätzlichen Kosten ihr Budget belasten. Solche Situationen wirken zunächst wie persönliche All­tagsprobleme. Tatsächlich sind sie eng mit kommunalen Entscheidungen verbunden: damit, wo Wohnungen und 1  Unser Verständnis von Geschlecht folgt einem intersektionalen Verständnis, in dem die vielfältigen Verschränkungen von Geschlecht, Identität, Herkunft, ethnischer und religiöser Orientierung berücksichtigt werden. S. Leitlinien zu Geschlechterge­rechtigkeit unter https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=70845&to­ken=e3801a9414eb9c20d197fd46d929e0cf556fce44, 06.07.2026 Versorgungseinrichtungen liegen, wie häufig Busse fahren und ob öffentliche Räume auch abends ohne Angst ge­nutzt werden können. In allen drei Fällen entstehen zu­sätzliche Abhängigkeiten, Zeitaufwände oder Kosten. Diese Belastungen sind nicht zufällig verteilt. Frauen übernehmen im Durchschnitt einen größeren Anteil der unbezahlten Sorgearbeit, etwa bei der Betreuung von Kin­dern oder der Pflege von Angehörigen. Dieser sogenannte Gender Care Gap beeinflusst ihre Möglichkeiten zur Er­werbsarbeit, ihr Einkommen und langfristig auch ihre Ren­te. Das geschlechtsspezifische Lohngefälle, der sogenann­te Gender Pay Gap, und das geschlechtsspezifische Ren­tengefälle, der sogenannte Gender Pension Gap, führen dazu, dass Frauen im Durchschnitt über geringere finan­zielle Spielräume verfügen. Frauen berichten zudem häufi­ger von Unsicherheit im öffentlichen Raum und im öffent­lichen Nahverkehr. Geschlechtergerechte Stadtentwicklung untersucht des­halb, wie sich räumliche und politische Entscheidungen auf unterschiedliche Lebensrealitäten auswirken. Sie fragt, wer alltägliche Wege selbstständig zurücklegen kann, wer