„Gleichstellung in der Mobilität“ des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg liegen inzwischen wichtige fachliche Orientierungen vor. Die Aufgabe der Kommunen besteht nun darin, diese Perspektive in konkrete Entscheidungen zu übersetzen – bei der Ausweisung von Baugebieten ebenso wie bei der Gestaltung von Ortsmitten, der Verkehrsplanung oder der Sanierung eines Spielplatzes. Hinzu kommt die industrielle Transformation Baden-Württembergs. Veränderungen in der Automobil- und Zulieferindustrie betreffen nicht nur Arbeitsplätze und Betriebe. Sie verändern auch Pendelwege, Arbeitszeiten, Wohnstandorte und die Anforderungen an kommunale Infrastruktur. Geschlechtergerechte Stadtentwicklung sollte diese Entwicklungen von Beginn an mitdenken. Gut erreichbare Arbeitsplätze, verlässliche Betreuung, bezahlbarer Wohnraum und sichere Mobilitätsangebote sind zugleich wichtige Voraussetzungen für gute Arbeit und die Sicherung von Fachkräften. Das gilt besonders für Frauen, deren Erwerbsmöglichkeiten weiterhin stärker durch Sorgeverantwortung und unzureichende Betreuungs- oder Mobilitätsangebote eingeschränkt sein werden. 2. Mobilität: Selbstständig unterwegs oder auf das Auto angewiesen? Baden-Württemberg gilt als Autoland. Diese Beschreibung verweist nicht nur auf die wirtschaftliche Bedeutung der Automobilindustrie oder auf individuelle Gewohnheiten. Sie hat auch eine räumliche Grundlage. Viele Wohngebiete, Arbeitsstätten, Einkaufsstandorte und soziale Einrichtungen wurden über Jahrzehnte so angeordnet, dass ihre Nutzung mit dem Auto besonders einfach ist. Für Menschen, die mehrere alltägliche Ziele miteinander verbinden müssen, gibt es vielerorts kaum eine praktikable Alternative. Gerade Menschen mit Sorgeverantwortung legen selten nur den direkten Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz zurück. Sie bringen Kinder zur Betreuung, begleiten Angehörige, kaufen ein, erledigen Behördengänge oder fahren zu Arztterminen. Aus einzelnen Wegen entstehen sogenannte Wegeketten . Diese werden weiterhin überdurchschnittlich häufig von Frauen zurückgelegt. Gute Mobilitätsplanung muss deshalb mehr berücksichtigen als Pendlerströme zu den üblichen Hauptverkehrszeiten. Im ländlichen Raum und in kleinen Gemeinden sind die Entfernungen häufig größer und die Angebote dünner verteilt. Der Bus fährt womöglich zur Schule und am Nachmittag zurück, aber nicht zu den Zeiten, zu denen eine Teilzeitbeschäftigte zur Arbeit oder ein älterer Mensch zu einem Arzttermin gelangen muss. Rufbusse, Bürgerbusse oder Mobilitätsstationen können deshalb wichtige Bausteine sein. Sie ersetzen nicht überall den privaten Pkw, können aber Abhängigkeiten reduzieren und Menschen mehr Selbstständigkeit ermöglichen. Auch Fuß- und Radverkehr sind keineswegs ausschließlich großstädtische Themen. Viele alltägliche Wege innerhalb eines Ortes wären kurz genug, um zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt zu werden. In der Praxis verhindern jedoch fehlende Gehwege, unsichere Querungen, lückenhafte Radverbindungen oder hohe Geschwindigkeiten des Autoverkehrs eine selbstständige Nutzung. Das betrifft insbesondere Kinder, ältere Menschen und Personen, die sich im Straßenverkehr weniger sicher fühlen. Frauen lassen das Fahrrad beispielsweise häufiger stehen, wenn Radwege lückenhaft sind, keine ausreichende Trennung vom Autoverkehr bieten oder nicht breit genug sind, um neben einem Kind zu fahren. Geschlechtergerechte Mobilitätsplanung bedeutet daher nicht, das Auto pauschal abzulehnen. Sie fragt vielmehr, wem tatsächlich eine Wahl zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln offensteht. Wo Menschen für fast jeden Weg auf ein Auto angewiesen sind, führen ein fehlender Führerschein, ein geringes Einkommen oder eine altersbedingte Einschränkung schnell zu sozialer Abhängigkeit. Kommunalpolitik kann dem entgegenwirken, indem sie sichere Alltagswege priorisiert, Haltestellen barrierefrei gestaltet, Busangebote mit sozialen und medizinischen Einrichtungen abstimmt und bei neuen Baugebieten die Erreichbarkeit ohne Auto von Anfang an mitplant. 3. Wohnen und Ortsentwicklung: Was passiert, wenn der Alltag aus dem Ortskern verschwindet? Mobilität lässt sich nicht getrennt von Siedlungs- und Wohnungsentwicklung oder der kommunalen Daseinsvorsorge betrachten. Je weiter Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Bildung, Betreuung und medizinische Versorgung voneinander entfernt liegen, desto aufwendiger wird der Alltag. Zur kommunalen Daseinsvorsorge gehört deshalb nicht nur, dass grundlegende Angebote vorhanden sind. Sie müssen für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen auch erreichbar, bezahlbar und verlässlich nutzbar sein. Das Leitbild der kurzen Wege ist deshalb ein zentraler Bestandteil geschlechtergerechter Stadtentwicklung. In vielen baden-württembergischen Gemeinden wurden seit der Nachkriegszeit Einfamilienhausgebiete und Neubaugebiete am Ortsrand entwickelt. Sie boten vielen Familien Wohnraum und private Freiflächen, sind jedoch häufig monofunktional aufgebaut. Einkaufsmöglichkeiten, Betreuungseinrichtungen, Treffpunkte oder medizinische Angebote fehlen. Solange ein Haushalt über mehrere Autos verfügt und alle Mitglieder mobil sind, fällt diese Struktur möglicherweise kaum auf. Mit zunehmendem Alter, nach dem Tod eines Partners oder bei einem sinkenden Einkommen kann sie jedoch zum Problem werden. Viele ältere Menschen wohnen allein in Häusern, die inzwischen größer sind, als sie benötigen. Da Frauen im Durchschnitt länger leben und häufiger über niedrige AlterseinBlickwinkel BaWü – Alltag als Maßstab: Geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg 3
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