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Alltag als Maßstab : geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg
Entstehung
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kommen verfügen, befinden sich besonders viele ältere Frauen in dieser Situation. Ein Umzug in eine kleinere, bar­rierearme Wohnung innerhalb der eigenen Gemeinde wäre für sie oft attraktiv sofern es ein entsprechendes Angebot gibt. Fehlt dieses, bleiben viele aus Verbundenheit mit ihrem sozialen Umfeld oder aufgrund günstiger Wohnkos­ten im bisherigen Haus, auch wenn Gartenpflege, Treppen oder hohe Energiekosten sie zunehmend belasten. Zugleich suchen junge Familien Wohnraum, während Kommunen weitere Neubauflächen ausweisen. Geschlechtergerechte Ortsentwicklung nimmt diese Zu­sammenhänge in den Blick. Sie schafft unterschiedliche Wohnungsgrößen und Wohnformen, ermöglicht den Um­bau und die Teilung bestehender Gebäude und unterstützt gemeinschaftliche oder generationenübergreifende Model­le. Damit kann sie älteren Menschen einen Umzug inner­halb ihres vertrauten Umfelds erleichtern und zugleich vorhandenen Wohnraum besser nutzen. In Neubaugebieten sollten nicht ausschließlich frei stehende Einfamilienhäuser vorgesehen werden, sondern auch kleinere Wohnungen, Reihenhäuser, gemeinschaftliche Wohnformen und barriere­arme Angebote. Ebenso wichtig ist die Zukunft der Ortskerne. Wenn Einzel­handel, Gastronomie, Arztpraxen und soziale Angebote an den Siedlungsrand wandern, verliert die Ortsmitte nicht nur wirtschaftliche Funktionen. Es verschwinden auch alltägli­che Anlässe zur Begegnung. Besonders betroffen sind Menschen, die keine weiten Wege zurücklegen können oder denen kein Auto zur Verfügung steht. Lebendige Ortskerne entstehen jedoch nicht allein durch Fassadensanierung oder einen neu gestalteten Marktplatz. Sie benötigen Nutzungen. Dazu können kleinere Geschäfte und Dienstleistungen ebenso gehören wie Bibliotheken, Mehrgenerationentreffs, Beratungsangebote, Co-Working­Räume oder kombinierte Einrichtungen, die mehrere Funk­tionen unter einem Dach bündeln. Gerade in kleineren Ge­meinden wird nicht jedes Angebot dauerhaft eigenständig tragfähig sein. Umso wichtiger sind flexible Räume, Koope­rationen und Mehrfachnutzungen. Die Stadt oder Gemeinde der kurzen Wege sieht in Stutt­gart anders aus als im Schwarzwald oder auf der Schwäbi­schen Alb. Das Prinzip bleibt jedoch übertragbar: Möglichst viele alltägliche Bedürfnisse sollten wohnortnah erfüllt werden können, und zentrale Angebote müssen auch für Menschen erreichbar sein, die nicht selbst Auto fahren. 4. Öffentliche Räume: Wo findet Gemein­schaft statt? Öffentliche Räume sind mehr als die Flächen zwischen Ge­bäuden. Sie ermöglichen Begegnung, Aufenthalt, Bewe­gung und gesellschaftliche Teilhabe. Ob Menschen sie tat­sächlich nutzen können, hängt jedoch von ihrer Gestaltung, Erreichbarkeit und ihrem Sicherheitsempfinden ab. In dichter bebauten Städten sind öffentliche Flächen knapp und stark umkämpft. Parken, Lieferverkehr, Außengastro­nomie, Spiel, Begrünung, Radverkehr und Aufenthalt kon­kurrieren um denselben Raum. In ländlichen Gemeinden ist die Situation häufig anders: Flächen sind vorhanden, doch es fehlt ein belebter, gut erreichbarer und nicht-kommerzi­eller Treffpunkt. Ein Dorfplatz kann großzügig gestaltet sein und dennoch leer bleiben, wenn es dort weder Schat­ten noch Sitzgelegenheiten, Spielmöglichkeiten oder einen alltäglichen Anlass zum Aufenthalt gibt. Die Frage lautet deshalb nicht nur, wie ein Platz aussieht, sondern: Wer kann ihn wann und wie nutzen? Gibt es Sitz­gelegenheiten mit und ohne Rückenlehne? Können sich Kinder eigenständig bewegen? Finden Jugendliche einen Ort, an dem sie nicht sofort als störend wahrgenommen werden? Gibt es Schatten, Trinkwasser und Toiletten? Sind Wege auch mit Rollator, Kinderwagen oder Rollstuhl nutz­bar? Fühlen sich Menschen dort am Abend sicher? Frauen geben häufiger als Männer an, sich in öffentlichen Räumen oder im öffentlichen Verkehr unsicher zu fühlen. Dies kann dazu führen, dass sie Umwege in Kauf nehmen, bestimmte Orte meiden oder abends nicht mehr unterwegs sind. Für die Planung sind deshalb Beleuchtung, Übersicht­lichkeit und belebte Nutzungen wichtig. Sicherheit entsteht jedoch nicht allein durch hellere Lampen oder stärkere Kontrolle. Ein öffentlicher Raum wird auch dadurch siche­rer, wenn unterschiedliche Menschen ihn zu verschiedenen Tageszeiten nutzen. Auch Spiel- und Bewegungsangebote sind nicht automa­tisch geschlechtergerecht. Untersuchungen aus verschiede­nen Städten zeigen, dass Mädchen mit zunehmendem Alter häufiger von öffentlichen Spiel- und Sportflächen ver­schwinden. Große, zentral gelegene Ballspielfelder werden oft von Gruppen dominiert, die besonders durchsetzungs­stark auftreten. Kleinere, unterschiedlich nutzbare Berei­che, gute Sitz- und Rückzugsmöglichkeiten sowie eine Kombination aus Bewegung, Kommunikation und kreati­vem Spiel können breitere Gruppen ansprechen. Kommunalpolitik entscheidet somit immer auch darüber, wem Raum zur Verfügung gestellt wird. Jede Umgestal­tung bietet die Gelegenheit, bestehende Nutzungen neu abzuwägen und unterschiedliche Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen. Blickwinkel BaWü Alltag als Maßstab: Geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg 4