Buch 
Alltag als Maßstab : geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

auf Unterstützung angewiesen ist, wer sich Wohnraum und Mobilität leisten kann und wer bestimmte Orte aus Unsicherheit meidet. Dabei sind Frauen keine einheitliche Gruppe. Eine gut ver­dienende Frau mit eigenem Auto hat andere Möglichkei­ten als eine alleinerziehende Mutter ohne Pkw, eine Frau mit Behinderung oder eine ältere Frau in einem schlecht angebundenen Ortsteil. Wie Menschen ihre Stadt oder Ge­meinde erleben, hängt neben dem Geschlecht auch von Einkommen, Alter, Herkunft, Religion, Identität oder einer Behinderung ab. Geschlechtergerechte Planung nutzt den Alltag als Maß­stab dafür, ob Mobilität, Wohnen, Versorgung und öffent­liche Räume allen Menschen ein möglichst selbstständi­ges, sicheres und bezahlbares Leben ermöglichen oder ob bestehende Ungleichheiten durch räumliche Entschei­dungen noch verstärkt werden. 1. Geschlechtergerechte Stadtentwicklung ist gute kommunale Planung Planung erscheint häufig neutral. Ein Wohngebiet, eine Straße oder ein Platz sind schließlich nicht ausdrücklich für eine bestimmte Gruppe vorgesehen. Doch auch scheinbar neutrale Entscheidungen haben unterschiedliche Wirkun­gen. Ein neuer Supermarkt am Ortsrand ist für Menschen mit Auto bequem erreichbar, kann für Personen ohne Pkw jedoch einen weiteren alltäglichen Weg verlängern. Ein breiter Straßenquerschnitt beschleunigt den Autoverkehr, erschwert aber möglicherweise Kindern oder langsam ge­henden Menschen das Überqueren. Eine Beteiligungsver­anstaltung am Abend erreicht häufig eher diejenigen, die keine Sorgeverpflichtungen haben und sich im öffentlichen Sprechen sicher fühlen. Geschlechtergerechte Stadtentwicklung prüft deshalb, wie kommunale Planungen und Investitionen auf unterschied­liche Bevölkerungsgruppen wirken. Vier Leitplanken bieten dafür eine einfache Orientierung: Barrierefreiheit, Bezahl­barkeit, Sicherheit und Angebotsvielfalt . Sie können bei der Entwicklung neuer Baugebiete ebenso angewendet werden wie bei der Umgestaltung einer Straße, der Sanie­rung eines Spielplatzes, der Fortschreibung eines Verkehrs­konzepts oder der Vergabe kommunaler Grundstücke. Barrierefreiheit bedeutet dabei mehr als Rampen, Aufzüge oder abgesenkte Bordsteine. Entscheidend ist, ob Wohnun­gen, Haltestellen, Schulen, Arztpraxen, Geschäfte und öffentliche Räume im Alltag selbstständig erreicht und genutzt werden können auch mit Kinderwagen, Rollator oder Rollstuhl, mit kleinen Kindern oder bei eingeschränk­ter Mobilität. Dazu gehören sichere Querungen, ausrei­chend breite Gehwege, verständliche Orientierungsmög­lichkeiten, erreichbare Toiletten und verlässliche Verkehrs­angebote. Bezahlbarkeit betrifft nicht nur die Höhe von Mieten. Auch Fahrpreise, Eintrittskosten oder Gebühren entschei­den darüber, wer kommunale Angebote tatsächlich nutzen kann. Für die Planung stellt sich daher die Frage, ob neue Wohnungen, Mobilitätsangebote und Freizeitmöglichkeiten auch für Menschen mit geringem Einkommen, Alleinerzie­hende oder ältere Menschen mit niedriger Rente zugäng­lich bleiben. Sicherheit umfasst sowohl tatsächliche Gefährdungen als auch das subjektive Sicherheitsempfinden. Ein Weg oder Platz kann formal zugänglich sein und dennoch gemieden werden, weil Beleuchtung fehlt, die Orientierung unüber­sichtlich ist, sichere Querungen fehlen oder einzelne Grup­pen den Raum dominieren. Kommunale Planung sollte deshalb nicht nur Unfall- und Kriminalitätsdaten betrach­ten, sondern auch danach fragen, wer bestimmte Orte zu welchen Tageszeiten nutzt und wer dort fehlt. Angebotsvielfalt bedeutet schließlich, nicht nur für ein vorherrschendes Lebensmodell(z. B. Familie mit Kindern) zu planen. Eine Kommune braucht unterschiedliche Woh­nungsgrößen und Wohnformen, verschiedene Möglichkei­ten der Fortbewegung sowie Frei-, Sport- und Begegnungs­räume für unterschiedliche Altersgruppen und Nutzungs­weisen. Je vielfältiger die Angebote sind, desto eher können Menschen ihren Alltag selbstständig gestalten, auch wenn sich ihre Lebenssituation verändert. Die vier Leitplanken helfen Kommunen damit, frühzeitig zu erkennen, für wen eine Planung gut funktioniert, wer zu­sätzliche Hürden überwinden muss und welche Anpassun­gen notwendig sind. Geschlechtergerechte Planung wird so zu einem praktischen Qualitätscheck für kommunale Ent­scheidungen. Dieser Ansatz ist keineswegs nur für Großstädte relevant. Gerade Baden-Württemberg ist durch sehr unterschiedliche Siedlungsstrukturen geprägt: von dicht bebauten Groß­stadtquartieren über Mittel- und Kleinstädte bis zu Dörfern und Streusiedlungen. Die Herausforderungen unterschei­den sich, die grundlegende Frage bleibt jedoch gleich: Kön­nen Menschen ihren Alltag selbstständig, sicher und be­zahlbar bewältigen? Mit dem BuchGendergerechte Stadtentwicklung: Wie wir eine Stadt für alle bauen, der bundesweiten Leitlinie für gendergerechte Stadtentwicklungspolitik und der Studie Blickwinkel BaWü Alltag als Maßstab: Geschlechtergerechte Stadtentwicklung in Baden-Württemberg 2