12 FES Analyse: Zentralasien Außenpolitik – Fenster nach Osten Der Begriff Zentralasien, das Gebiet zwischen den Flüssen Syrdarja und Amudarja, impliziert, dass die Region nicht an der Peripherie liegt, sondern von einflussreichen Nachbarstaaten umringt ist: Russland im Norden, China im Osten, Afghanistan, Iran und Türkei im Süden und Europa im fernen Westen. Die großen Länder haben seit Jahrhunderten Einfluss genommen. Und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Terroranschlag 2001 ist die Supermacht USA hinzugekommen. Gleichwohl warnte Usbekistans Präsident Karimov in Taschkent auf der Jahrestagung der Europäischen Bank für Entwicklung und Wiederaufbau im Mai 2003:„Zentralasien sollte nicht der Platz für geopolitische Konkurrenz und die Bildung militär-politischer Blöcke werden.“ Damit bezieht sich Karimov auf das so genannte„Grosse Spiel“, als im 19. Jahrhundert Russland und das britische Empire um Vormacht in der Region rangen. Verlierer waren die Chanate, Staatsgebilde, deren Bevölkerungen zum Teil von russischen Truppen abgeschlachtet wurden. Heute haben die Länder den Anspruch, eigenständig zu handeln, nicht mehr Objekte der Weltgeschichte zu sein und Bodenschätze allein zu verwalten. Alle Länder der Region sind bemüht, die Begehrlichkeiten der einflussreichsten Länder USA, Russland und China auszubalancieren. Das gelang Kirgisistan in einer bemerkenswerten Weise. Dort trennen nur etwa 25 Kilometer die Militärbasis der Amerikaner in Manas und die der Russen in Kant, unweit der Hauptstadt Bischkek. So lange die Lage es am Hindukusch erfordert, so lange werden die US-Truppen in Zentralasien stationiert bleiben. Das verkündeten offizielle Stellen der USA seit der Eröffnung der Truppenbasis im Jahr 2002 immer wieder. Die von den USA geführte Anti-Terror-Koalition unterhält auch das Camp Chanabad unweit der Stadt Karschi im Süden Usbekistans, wo knapp 1000 amerikanische Truppen stationiert sind. Alle militärischen Einrichtungen dienen als Logistikzentren für die Versorgung der Truppen in Afghanistan. So auch der deutsche Bundeswehrstützpunkt mit 300 Soldaten, im Rahmen von ISAF, in der süd-usbekischen Stadt Termiz, direkt an der afghanischen Grenze. Deutschland richtet seine Aufmerksamkeit in der Region auf Stabilität und Sicherheit. Als einziges Land der EU ist Berlin in jedem Land mit einer Botschaft vertreten. Die Hoffnung der Regierungen in der Region auf eine zurückhaltende, gleichwohl effektive deutsche Außenpolitik ist größer als auf eine europäische. Denn Europa gilt als Papiertiger. Die Vertretung der Europäischen Kommission in Kasachstan, die auch für Kirgisistan und Tadschikistan zuständig ist, hält sich politisch sehr zurück. Und das, obwohl die regionale Zusammenarbeit nach EUVorbild immer wieder nachgefragt wird. Kasachstans oberster Diplomat Kasymschormat Tokaev wundert sich derweil über die ihm bisweilen unerklärliche Zurückhaltung Berlins in Zentralasien. Nach den Ereignissen von Andijan setzte Brüssel nun einen Zentralasien-Sonderbeauftragten ein. Das soll ein Zeichen für verstärktes Engagement der EU sein. Gleichwohl muss sich die EU fragen lassen, welche Interessen sie eigentlich vertritt in der an Energiequellen nicht armen Region. Oder versteht sich Europa als Schirmherr für Demokratie und Menschenrechte? Wie aber lässt sich dann die übereinstimmende Aussage des EU-Kommissars für Außenbeziehungen, Chris Patten, und des deutschen Verteidigungsministers, Peter Struck, verstehen, dass die Sicherheit Europas am Hindukusch verteidigt wird? Sie beziehen sich auf Afghanistan, doch Zentralasien liegt von Kabul aus gesehen zwischen Europa und Afghanistan. Ganz anders Russland. Moskau richtete unter dem Schirm des Kollektiven Sicherheitsvertrages der GUS in Tadschikistan unweit der Stadt Duschanbe 2004 eine russische Militärbasis ein. Es handelt sich um Truppen der 201. motorisierten Schützendivision, die zuvor die Grenze zu Afghanistan kontrolliert hatten und von tadschikischen Grenztruppen abgelöst wurden. Ebenfalls in Tadschikistan waren Soldaten aus der von den USA geführten Anti-Terror-Koalition stationiert.
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