FES Analyse: Zentralasien Machtwechsel erneut zu einer radikalen Änderung der Außenpolitik kommen kann. Ähnlich wie in Russland streiten zwei Flügel um die Vormacht, der der Westler gegen den der Ostler. Nach fast drei Jahren Westorientierung brechen nun Jahre der Ostorientierung an. Dabei unterscheiden sich die Ausmaße der Annährung: Kasachstan und Kirgisistan sind weiterhin gegenüber dem Westen geöffnet, Tadschikistan weniger, Usbekistan schaut noch nach Europa, tendiert gleichwohl sehr gen Osten und Turkmenistan bleibt weiter auf Neutralität und Isolierung bedacht. 15 Das berühmte Fenster nach Europa hatte Zar Peter der Grosse für Russland im 18. Jahrhundert aufgestoßen. Drei Jahrhunderte später öffnete Präsident Karimov zum großen Erstaunen vieler das Fenster nach Westen. Doch weil es ihm politisch zu zugig wurde, schloss er es bis zu einem Spalt und schaut jetzt angestrengt aus dem gegenüberliegenden Fenster nach Osten. Gleichwohl werden er und seine Amtskollegen zwischen Pamir und Aralsee je nach politischer Wetterlage auch in die andere Richtung schauen. Liegt Moskau doch von Zentralasien aus betrachtet im Westen. Islam – Aggressiver Säkularismus Die Reaktion der usbekischen Führung auf die Unruhen in Andijan erfolgte schnell. Islamische Terroristen seien verantwortlich gewesen, die der bisher fast unbekannten Gruppe Akramija angehörten. Die wiederum hätten Kontakte zur Hizb ut-Tahrir und zur Islamischen Bewegung Usbekistans. Der russische Außenminister Sergej Lavrov legte nach und wies sogar auf Kontakte bis nach Pakistan und Afghanistan hin. Die überwiegende Mehrheit der Bürger Zentralasiens gehört der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam an. Tatsächlich lässt sich nur schwer feststellen, wer von ihnen gläubig ist und sich an die religiösen Vorschriften des Korans hält. Die geografische Aufteilung Zentralasiens bezüglich der Religion in Kasachen, Kirgisien und Turkmenen, den einstigen weniger religiösen Nomaden, und den sesshaften Völkern der Tadschiken und Usbeken, die sich stets religiöser verhielten, scheint bis heute im groben gültig zu sein. Mit der Ausnahme, dass in den südlichen Gebieten Kasachstans und Kirgisistans mit usbekischen Minderheiten der Islam zunehmend populär wird. Alle Staaten der Region wählten den säkularen Weg. Der Islam wird in kontrollierter Weise zugelassen. Doch seit den Anschlägen im fernen New York, in Madrid und London sowie den langjährigen Erfahrungen mit dem gar nicht so weit entfernten Taliban-Regime in Afghanistan verwandelte sich das gemäßigte Verhältnis zwischen Staat und Islam in einen zunehmend aggressiven Säkularismus. Gleichwohl, trotz des großen Misstrauens, wurde der Islam in kontrollierter Dosierung als Symbol für die nationale Wiedergeburt genutzt. Der Islam stellt vor allem in Tadschikistan und Usbekistan eine der wenigen Möglichkeiten dar, Opposition zu betreiben. Radikale Kräfte nutzten das. Bei Selbstmordattentaten in der usbekischen Hauptstadt Taschkent starben mindestens 40 Menschen. Die dafür Verantwortlichen sollen Kontakte zu Terrororganisationen in Pakistan und Afghanistan besessen haben. Die Gefahr, dass radikale Islamisten Zentralasien destabilisieren wollen, ist durchaus gegeben. Nach einer Recherche des erfahrenen amerikanischen Journalisten Jonathan Randal analysieren Islamisten den Zerfall der Sowjetunion nicht als Ende des Kalten Krieges sondern als Beginn für eine Expansion des Islam nach Zentralasien und in den Kaukasus. Ihnen bieten die säkularen Regime, die den Islam fast vollständig kontrollieren oder bürokratisieren, wie es in Tadschikistan heißt, eine große Angriffsfläche. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisiert derweil den usbekischen Staat, durch unverhältnismäßig hohe Strafen gegenüber Muslimen, die sich politisch betätigen, sich die eigenen Feinde selbst heranzuziehen. Sehr schnell stempelte der Staat Oppositionelle als Terroristen ab. Hohe Strafen waren ihnen gewiss. Etwa 6000 Häftlinge saßen 2003 in
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