Druckschrift 
Wenzel Jaksch (1896-1966) : biografische Schlaglichter auf einen Sozialdemokraten aus Mitteleuropa
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

24 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 19 Der k. u. k.-Sozialdemokrat: Nationalitäten und Föderalismus Wenzel Jaksch war nicht nur Sozialdemokrat, er war Sozialdemokrat mit einer sehr besonderen Erfahrung dem einzigartigen böhmisch-österreichischen Hin­tergrund seiner Jugend. Ein wohlmeinender Journalist der 1960er-Jahre apostro­phierte den frischgebackenen Präsidenten des Vertriebenenverbandes BdV ein­mal als»k. u. k.-Sozialdemokrat«, 63 womit er teilweise richtig lag, teilweise aber auch Missverständnissen Vorschub geleistet haben könnte. Zwar war Jaksch un­ter habsburgischer Herrschaft aufgewachsen und zweifellos dadurch geprägt; aber er war als österreichisch-böhmischer Sozialdemokrat nie ein nostalgischer An­hänger dieses monarchischen Staatswesens, er sah dessen Strukturprobleme eben­so wie die fatale Inkompetenz seiner aristokratischen Staatsmänner, die er einmal durch die Reihung»Berchtold, Stürgkh, Czernin« anders als bei Doktoren ganz ohne Nennung der Grafen-Titel abschätzig charakterisierte. 64 Im Falle des ös­terreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh, der in der Julikrise 1914 die riskante Politik des Außenministers Graf Berchtold unterstützt und den österrei­chischen Parlamentarismus durch eine Kriegsdiktatur mittels kaiserlicher Not­verordnungen ersetzt hatte, 65 hat Jaksch als damaliger Linkssozialist sogar dessen im Oktober 1916 verübte Ermordung durch den Sozialdemokraten Friedrich ­Adler gebilligt»als einen verständlichen Akt der Auflehnung gegen die autori­ Dietrich Strothmann, Der k. u. k. Sozialdemokrat. Wenzel Jaksch neuer Präsident der Vertriebe­nen, in: Die Zeit v. 6.3.1964, S. 2. in einer im Frühjahr 1939 verfassten Schrift, in der er gegen im Volk kaum verwurzelte elitäre Pläne für eine Habsburger-Restauration in Österreich Stellung nahm. Vgl, Wenzel Jaksch, Was kommt nach Hitler? Eine Analyse und programmatische Skizze von Wenzel Jaksch, Frühjahr 1939, in: Friedrich Prinz(Hrsg.), Wenzel Jaksch, Edvard Beneš. Briefe und Dokumente aus dem Lon­doner Exil 1939–1943, Köln 1973, S. 55–79, hier S. 60. Graf Leopold Berchtold war der österrei­chisch-ungarische Außenminister der Jahre 1912–1915, Graf Ottokar Czernin war sein Amts­nachfolger zwischen 1916–1918, Graf Karl Stürgkh war von 1911–1916 Ministerpräsident der österreichischen Reichshälfte, zu der auch Jakschs böhmische Heimat gehörte. Mitwirkung Stürgkhs im für die Auslösung des Weltkriegs entscheidenden Wiener Regie­rungsgremium der Julikrise, dem gemeinsamen k. u. k. Ministerrat: T. G. Otte, July Crisis. The Worlds Descent into War, Cambridge 2014, S. 104–111; zu seiner jahrelangen Notverordnungs­regierung unter Ausschaltung des Parlaments: Manfried Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914–1918, Wien / Köln 2013, S. 44.