24 BEITRÄGE AUS DEM ARCHIV DER SOZIALEN DEMOKRATIE| HEFT 19 Der k. u. k.-Sozialdemokrat: Nationalitäten und Föderalismus Wenzel Jaksch war nicht nur Sozialdemokrat, er war Sozialdemokrat mit einer sehr besonderen Erfahrung – dem einzigartigen böhmisch-österreichischen Hintergrund seiner Jugend. Ein wohlmeinender Journalist der 1960er-Jahre apostrophierte den frischgebackenen Präsidenten des Vertriebenenverbandes BdV einmal als»k. u. k.-Sozialdemokrat«, 63 womit er teilweise richtig lag, teilweise aber auch Missverständnissen Vorschub geleistet haben könnte. Zwar war Jaksch unter habsburgischer Herrschaft aufgewachsen und zweifellos dadurch geprägt; aber er war als österreichisch-böhmischer Sozialdemokrat nie ein nostalgischer Anhänger dieses monarchischen Staatswesens, er sah dessen Strukturprobleme ebenso wie die fatale Inkompetenz seiner aristokratischen Staatsmänner, die er einmal durch die Reihung»Berchtold, Stürgkh, Czernin« – anders als bei Doktoren ganz ohne Nennung der Grafen-Titel – abschätzig charakterisierte. 64 Im Falle des österreichischen Ministerpräsidenten Graf Stürgkh, der in der Julikrise 1914 die riskante Politik des Außenministers Graf Berchtold unterstützt und den österreichischen Parlamentarismus durch eine Kriegsdiktatur mittels kaiserlicher Notverordnungen ersetzt hatte, 65 hat Jaksch als damaliger Linkssozialist sogar dessen im Oktober 1916 verübte Ermordung durch den Sozialdemokraten Friedrich Adler gebilligt –»als einen verständlichen Akt der Auflehnung gegen die autori Dietrich Strothmann, Der k. u. k. Sozialdemokrat. Wenzel Jaksch – neuer Präsident der Vertriebenen, in: Die Zeit v. 6.3.1964, S. 2. in einer im Frühjahr 1939 verfassten Schrift, in der er gegen im Volk kaum verwurzelte elitäre Pläne für eine Habsburger-Restauration in Österreich Stellung nahm. Vgl, Wenzel Jaksch, Was kommt nach Hitler? Eine Analyse und programmatische Skizze von Wenzel Jaksch, Frühjahr 1939, in: Friedrich Prinz(Hrsg.), Wenzel Jaksch, Edvard Beneš. Briefe und Dokumente aus dem Londoner Exil 1939–1943, Köln 1973, S. 55–79, hier S. 60. Graf Leopold Berchtold war der österreichisch-ungarische Außenminister der Jahre 1912–1915, Graf Ottokar Czernin war sein Amtsnachfolger zwischen 1916–1918, Graf Karl Stürgkh war von 1911–1916 Ministerpräsident der österreichischen Reichshälfte, zu der auch Jakschs böhmische Heimat gehörte. Mitwirkung Stürgkhs im für die Auslösung des Weltkriegs entscheidenden Wiener Regierungsgremium der Julikrise, dem gemeinsamen k. u. k. Ministerrat: T. G. Otte, July Crisis. The World’s Descent into War, Cambridge 2014, S. 104–111; zu seiner jahrelangen Notverordnungsregierung unter Ausschaltung des Parlaments: Manfried Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914–1918, Wien / Köln 2013, S. 44.
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Wenzel Jaksch (1896-1966) : biografische Schlaglichter auf einen Sozialdemokraten aus Mitteleuropa
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