FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 26 DIREKTE DEMOKRATIE UND EXPERTOKRATIE SIND KEINE WIRKLICHEN ALTERNATIVEN, ABER OFFENSICHTLICH ATTRAKTIVE KONTRASTFOLIEN VERTRAUEN IN INSTITUTIONEN Von Interesse ist in diesem Zusammenhang, wie es um das Vertrauenskapital verschiedener politischer Institutionen und Organisationen bestellt ist und welche Veränderungen sich hier gegenüber 2019 ergeben haben. Insbesondere gilt das mit Blick auf das abnehmende Ansehen der repräsentativen Demokratie für deren politische Kerninstitutionen. Politische Kerninstitutionen Bundesregierung und Bundestag liegen im Vertrauen der Befragten mit gut 42 Prozent gleichauf. Allerdings bedeutet dies gegenüber 2019 für die Bundesregierung einen Anstieg um zwei Punkte, für den Bundestag, der ein breiteres Meinungsspektrum repräsentiert und daher eigentlich das Vertrauen größerer Bevölkerungsteile genießen sollte, hingegen einen Rückgang um vier Punkte. Beide Entwicklungen lassen sich plausibel erklären. ZUFRIEDENHEIT MIT DER BUNDESREGIERUNG GEGENÜBER 2019 GESTIEGEN Bei der Beantwortung der Frage nach dem Vertrauen in die Bundesregierung spielt die jeweils aktuelle Regierungskonstellation immer eine große Rolle(vgl. Newton et al. 2018). 2019 regierten CDU/CSU und SPD schon seit sechs Jahren und sichtbar widerwillig gemeinsam – bevor die Coronapandemie dieser Großen Koalition eine neue Bestimmung und damit kurzzeitig auch eine höhere Zustimmung bescherte. Die Ampelregierung war zum Zeitpunkt der Umfrage erst rund ein halbes Jahr im Amt, präsentierte sich noch recht erfolgreich als harmonische Fortschrittskoalition. Auch wenn ihr Aufbruchsversprechen durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine in den Hintergrund geriet, zeigte sie sich mit der Ausrufung der Zeitenwende und umfangreichen Entlastungen für die von Inflation betroffene Bevölkerung im Angesicht der Krise als handlungsfähig. Das gesunkene Vertrauen in den Bundestag könnte ein Hinweis auf einen gewissen Vertrauensschaden des Parlaments in der Coronapandemie sein, die eher die Stunde der Exekutive war. Auch die nochmalige Aufblähung der Abgeordnetenzahl bei der Bundestagswahl 2021 könnte negativ auf das Parlamentsvertrauen eingewirkt haben. Gemeinsam ist Regierung und Parlament, dass der Anteil derer, die gar kein Vertrauen in sie setzen, um einige Prozentpunkte gestiegen ist: von 15 auf 19 Prozent bei der Bundesregierung und von elf auf 16,5 Prozent beim Bundestag. Großes Vertrauen in das Bundesverfassungsgericht In das Bundesverfassungsgericht setzen 21 Prozent sehr großes und weitere 50 Prozent großes Vertrauen – insgesamt, wie auch schon 2019 bei Justiz und Gerichten, deutlich mehr als in die parteilichen Institutionen Regierung und Parlament. An die 80-Prozent-Vertrauensquote, die für die Karlsruher Richter_innen noch im Dezember 2020 ermittelt wurde(vgl. Rath 2021: 25), reicht der Wert zwar nicht mehr heran. Trotz des Rückgangs verfügt Karlsruhe aber immer noch über einen großen Vertrauensvorschuss, sodass„[s]elbst eminent politische Entscheidungen des Gerichts[…] mit völliger Selbstverständlichkeit allgemein akzeptiert“(Meinel 2019: 147 f.) werAbbildung 15 INSTITUTIONENVERTRAUEN(in%) 100 90 18,5 80 70 60 39,1 50 40 30 20 39,8 10 2,6 0 Bundesregierung 6,7 9,7 9,3 16,5 17,8 22,4 42,7 41,2 55,6 50,7 49,8 38,4 42,4 29,5 33 3,9 21,1 2 5,2 2,1 Bundestag Bundesver- Europäische Gewerkschaften Arbeitgeber_ fassungsgericht Kommission innenverbände n= 2.326–2.464 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 großes Vertrauen wenig Vertrauen sehr großes Vertrauen gar kein Vertrauen
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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