DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 35 Demokratieprobleme aus Sicht von Unzufriedenen und Nichtwähler_innen Unter Befragten, die angaben, bei der Bundestagwahl 2021 nicht oder ungültig gewählt zu haben, gleicht die Problemwahrnehmung meist bis auf wenige Prozentpunkte jener der AfD-Anhänger_innen. Bei der Problematisierung der Schwerfälligkeit des politischen Systems liegen sie nahe am Durchschnitt. In Sachen Lobbyismus weisen sie überraschenderweise die niedrigste Problemwahrnehmung auf. Den Einfluss der Karlsruher Richter_innen sehen sie hingegen am kritischsten(41 Prozent). Am weitesten von den AfD-Wähler_innen entfernt liegen sie bei der Fünfprozenthürde, die sie genau zur Hälfte für problematisch halten – immerhin noch das Anderthalbfache des Durchschnitts. Die davon am unmittelbarsten betroffenen Wähler_innen der sogenannten sonstigen Parteien liegen mit 48 Prozent Problemwahrnehmung etwas dahinter. Welche Probleme tragen besonders zur Demokratieunzufriedenheit bei? Die größten Unterschiede in der Problemwahrnehmung zwischen Demokratiezufriedenen und -unzufriedenen bestehen hinsichtlich der Unkalkulierbarkeit der Koalitionsbildung und der Fünfprozenthürde(35 bzw. 30 Prozentpunkte), gefolgt von Schwerfälligkeit und deskriptiver Repräsentation(je rund 24 Punkte). Beim Lobbyeinfluss weicht die Problemwahrnehmung der Unzufriedenen hingegen kaum nach oben ab, bei der sozialen Selektivität liegt sie sogar leicht unterhalb jener der Demokratiezufriedenen. Sehr ähnlich stellen sich die Differenzen für das Vertrauen in Bundestag und Bundesregierung dar. Für die Bewertung des Einflusses des Bundesverfassungsgerichts ist die Vertrauensvariable wichtiger. Diejenigen, die den Karlsruher Richter_innen vertrauen, stören sich nur zu 13 Prozent daran, dass sie den Spielraum der Politik einengen; diejenigen, die ihnen misstrauen, haben hiermit zu 46 Prozent ein Problem. Eine Demokratie mit Problemen Die deutsche Demokratie bleibt aus Sicht der Befragten verbesserungswürdig. Teilweise wird die Problemwahrnehmung breit geteilt(Wahlversprechen, Wahlbeteiligung Ärmerer, deskriptive Repräsentation, Schwerfälligkeit, Lobbyeinfluss), teilweise vor allem von(bezüglich Bildung, Einkommen und Schichtzugehörigkeit) statusniederen Gruppen sowie mit dem Funktionieren der Demokratie Unzufriedenen geäußert(Koalitionsunklarheit, Fünfprozenthürde). Welche Reformen wären geeignet, hier Abhilfe zu schaffen? DEMOKRATIEREFORMEN Wiederum wollten wir wissen, für wie geeignet die Befragten konkrete Vorschläge halten, um die Demokratie in Deutschland zu verbessern. Am besten schnitt der sogenannte„legislative Fußabdruck“ ab, also eine Dokumentation der Beteiligung von Lobbyist_innen an Gesetzentwürfen. 80 Prozent halten dies für einen geeigneten Reformvorschlag, darunter 57 Prozent sogar für einen sehr gut geeigneten. REFORMVORSCHLAG MIT HÖCHSTER ZUSTIMMUNG: LEGISLATIVER FUSSABDRUCK Quasi gleichauf folgen Bürger_innenräte und die sogenannte Vetoinitiative. Hierunter versteht man die Möglichkeit für Bürger_innen, Gesetzesbeschlüsse des Parlaments nach Schweizer Vorbild per Volksentscheid nachträglich zu ändern oder aufzuheben. Beide Vorschläge werden von etwas über zwei Dritteln gutgeheißen, darunter von rund einem Drittel sogar sehr. Ebenfalls mehrheitlich befürwortet werden Urwahlen von Parteivorsitzenden und Abbildung 23 DEMOKRATIEREFORMEN: Um die Demokratie in Deutschland zu verbessern, wären die folgenden Vorschläge...(in%) 100 6,3 90 14 80 70 23 60 50 40 30 56,7 20 10 0 legislativer Fußabdruck n= 2.257–2.438 Quelle: Umfrage FES/Universität Bonn 2022 10,7 21,8 36,5 31 Bürger_innenräte 10,3 9,5 22,6 31 33,3 39,4 33,8 20,1 Vetoinitiative Urwahlen gut... weniger gut... 22,8 35,9 26,9 14,4 Paritätsgesetze sehr gut... überhaupt nicht geeignet
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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