FRIEDRICH-EBERT-STIFTUNG – DEMOKRATIEVERTRAUEN IN KRISENZEITEN 38 Diejenigen, die den Lobbyismus als Problem wahrnehmen, wollen ihn häufiger durch einen legislativen Fußabdruck transparent gemacht wissen(83 Prozent). Es sind allerdings keine Unterschiede festzustellen, bezieht man die wahrgenommene Zurechenbarkeit politischer Verantwortung und das Vertrauen in die Bundesregierung mit ein, und auch nur ein marginaler Unterschied, wenn man das Vertrauen in den Bundestag berücksichtigt. Die Unionswähler_innenschaft ist am wenigsten(71 Prozent), die von Linken und Grünen am meisten(je 90 Prozent) überzeugt von dem Instrument, dicht gefolgt von den Anhänger_innen„sonstiger“ Parteien(89 Prozent). Reformen für mehr Beteiligung, Transparenz und Akzeptanz Die Ampelregierung hat mit der Initiierung dreier Bürger_ innenräte, eines legislativen Fußabdrucks und der bereits beschlossenen effektiven Verkleinerung des Bundestags wichtige Schritte unternommen, um die Beteiligung an der repräsentativen Demokratie sowie deren Transparenz und Akzeptanz zu steigern. Das Instrument der Bürger_innenräte ist theoretisch reizvoll, um direkte Mitsprache von Bürger_innen mit sachlich informierter Entscheidungsfindung zu verbinden, also die Vorteile der beiden populären Alternativmodelle zur repräsentativen Demokratie zusammenzubringen, ohne darüber das Repräsentationsprinzip aufzugeben. Ihr demokratiepolitischer Mehrwert steht und fällt allerdings mit der praktischen Umsetzung, bei der auf vieles zu achten ist: erstens eine inklusive Zusammensetzung, was sich bisher trotz zum Teil erheblichen Aufwands insbesondere bezüglich des Bildungsgrads der Teilnehmenden als schwierig erwiesen hat; zweitens eine möglichst konkrete Fragestellung, bei der die Bürger_innen entweder Bezüge aus ihrer eigenen Lebenswelt einbringen oder als von Eigeninteressen freie Instanz parteipolitische Blockaden auflösen können; drittens eine ausgewogene Expert_innenauswahl; viertens eine gewisse Verbindlichkeit im Umgang mit den Ergebnissen, denn würden sich die Repräsentant_ innen über die von den Bürger_innen in vielen Stunden ihrer Freizeit erarbeiteten Ergebnisse hinwegsetzen, würde dies das politische Vertrauen noch mehr untergraben (vgl. Decker 2021; van Dijk/Lefevere 2022). Als demokratiepolitisches Feigenblatt oder reine Maßnahme politischer Bildung ist ein Bürger_innenrat überdies zu kostspielig, weshalb er auch nur ein punktuelles Instrument und kein Allheilmittel in Sachen Demokratiezufriedenheit sein kann(vgl. Geißel/Jung 2019). Auch die Einführung eines legislativen Fußabdrucks würde die Demokratiezufriedenheit wohl nur begrenzt steigern können, denn dieser findet seine größte Zustimmung unter den bereits Zufriedenen. Ein Mehr an Transparenz kann im besten Fall bewirken, dass skandalisierbare Praktiken im Umgang mit Lobbyist_innen weniger vorkommen. Über das bereits von der Ampelkoalition Geleistete hinaus würde der repräsentativen Demokratie auch ein höherer Grad an deskriptiver Repräsentativität guttun. Dies mit Blick auf den Frauenanteil durch ein Paritätsgesetz verpflichtend zu regeln, sieht die Mehrheit aber eher kritisch. Ohnedies sind neben Frauen auch weitere Gruppen in den Parlamenten unterrepräsentiert(Personen mit Migrationshintergrund, niedrigem Einkommen/Bildungsgrad, unter 30-, aber auch über 70-Jährige). Insofern liegt es in der Verantwortung der Parteien, für mehr Diversität auf ihren Wahllisten, aber auch bei ihren Direktkandidat_innen zu sorgen. Außerdem sollten sie prüfen, ihre Vorsitzenden und Spitzenkandidat_innen per Urwahl zu küren. Nicht empfohlen werden kann hingegen die Einführung einer Vetoinitiative. Im parlamentarischen System der Bundesrepublik, das auf dem Gegenüber einer gestaltungsfähigen Regierung und einer auf Kritik und Formulierung von Alternativen beschränkten Opposition beruht, würde sie einen Fremdkörper darstellen, ließe sie sich doch ständig von der Opposition gegen die Regierung in Stellung bringen. VETOINITIATIVE WÄRE EIN FREMDKÖRPER IM PARLAMENTARISCHEN SYSTEM Mit Blick auf die monierte Unklarheit der Koalitionsbildung, Herausforderungen in der Profilbildung für nach den Wahlen zusammenfindende Mitte-Koalitionen und die in deren Rahmen oftmalige Nichtumsetzbarkeit zentraler Wahlversprechen sowie Probleme in der Kompromissfindung könnte zudem erwogen werden, künftige Koalitionen durch eine Veränderung der personalisierten Verhältniswahl in Richtung einer Koalitionswahl wieder mit einem konsistenteren Mandat auszustatten, beispielsweise indem vor der Wahl Wahlbündnisse geschlossen werden und das stärkste einen Bonus erhält(vgl. Best 2020; Matauschek 2021; Jesse 2021). Schließlich steht nunmehr die Glaub- und Vertrauenswürdigkeit von gleich drei Parteien im Rahmen eines lagerübergreifenden Bündnisses auf dem Spiel, von denen auch eher zwei als nur eine für eine mögliche Nachfolgeregierung gebraucht werden dürften(vgl. Best 2022b). FÖDERALISMUS In der Coronakrise gewann das föderale System an Sichtbarkeit und avancierte gleichzeitig zu einem bevorzugten Gegenstand der Kritik. Um seine Wertschätzung zu ermitteln, wurden den Befragten drei Paare gegensätzlicher Aussagen präsentiert mit der Frage, welcher Aussage sie jeweils eher zustimmten. Bei den zwei Aussagenpaaren, die konkret auf das Funktionieren des Föderalismus während der Pandemie abstellten, wurde jeweils mit großer Mehrheit die negative Deutung ausgewählt. Zwei Drittel entschieden sich für die Aussage, es sei von Nachteil gewesen, dass die Landesregierungen kaum imstande gewesen seien, sich auf einheitliche Regelungen zu einigen, statt für die Aussage, es sei von Vorteil gewesen, dass die Landesregierungen je nach der regionalen Situation unterschiedliche Regelungen ergriffen hätten. Noch etwas stärker bevorzugten sie die Aussage, der Föderalismus führe zu einem Flickenteppich an Regelungen, wo einheitliche Lösungen besser wären, gegenüber der Aussage, der Föderalismus führe zu einem produktiven Wettbewerb zwischen den Ländern um die besten Problemlösungen(71 gegenüber 29 Prozent).
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Demokratievertrauen in Krisenzeiten : wie blicken die Menschen in Deutschland auf Politik, Institutionen und Gesellschaft?
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