Heft 
(2008) 2
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Die kroatische Wirtschaft im Jahr 2008: Chancen und Risiken von Evan Kraft Stabiles Wachstum und Rückgang der Arbeitslosigkeit werden von inflationärem Druck und hohem Zahlungsbilanzdefizit begleitet Die kroatische Wirtschaft wuchs sehr schnell im Jahr 2007. Ein Ergebnis davon war, dass die Arbeitslosigkeit, gemessen durch die Arbeitskräfte­umfrage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt unter 10% gefallen ist. In dieser Hinsicht wird das Jahr 2007 als ein Jahr der starken ökonomischen Expansion in Erinnerung bleiben. Allerdings werden diese guten Nachrichten durch einige schlechte gedämpft: das kroatische Zahlungs­bilanzdefizit blieb über 8% des Bruttoinlandprodukts (BIP) und die Außenschuld Kroatiens, obgleich sie nicht mehr dramatisch wächst, erreichte ein Niveau von mehr als 87% des BIP. Darüber hinaus kehrte Ende 2007 und Anfang 2008 das Gespenst der Inflation nach Kroatien zurück. Gemessen durch den Verbraucherpreisindex stieg die Inflationsrate von etwas über 2% Mitte 2007 auf fast 6% im Dezember 2007 und erhöhte sich im Mai 2008 weiter auf 6,4%. Die Prognose für 2008 ist nicht besonders günstig: langsameres Wachstum und höhere Inflation. Die Wachstumsrate sinkt seit dem ersten Quartal 2007. Nach 5,6% im vorigen Jahr wird das Wachstum in diesem Jahr voraussichtlich bei 4-4,5% liegen. Zum Glück blieb das Wachstum in der EU bisher relativ robust und bei den wichtigsten kroatischen Handels­partnern außerhalb der EU, vor allem in Serbien und Bosnien-Herzegowina, verringerte sich das Wachstum bisher nicht allzu stark. Das Gespenst der Inflation Auf der Inflationsfront ist Kroatien mit ähnlichen Problemen konfrontiert wie die anderen euro­päischen Länder und eigentlich auch die meisten Länder in der Welt. Der Anstieg der Nahrungsmittel­und Energiepreise hob die Inflation über das übliche Niveau. Obwohl der Gouverneur der Kroatischen Nationalbank, Dr. Željko Rohatinski, bereits im Dezember 2007 vor dem starken Anstieg der Inflation warnte und eine striktere Geldpolitik ver­sprach, waren andere Reaktionen seitens der Regierung verspätet und ad hoc. Regierungsver­treter stellten dieBerechtigung von Preiserhöhungen in Frage und forderten von Herstellern und Händlern, mögliche Preissenkungen zu diskutieren. Diese Art von Druckausübung wird natürlich wenig langfristige Auswirkungen haben, könnte aber politischen Zwecken dienen in einem Land wie Kroatien, das eine lange und unglückliche Geschichte mit dem Phänomen der Inflation hat. Hinzu kommt, dass die Regierung, anstatt Maßnahmen zur Rationalisierung des Energiever­brauchs vorzuschlagen, unlängst ein System von gestaffelten Stromtarifen einführte, wodurch Ver­braucher von kleineren Strommengen niedrigere Preise bezahlen sollen. Wie die Weltbank bemerkte, senkt eine solche Maßnahme nicht den Stromverbrauch und ist eindeutig weniger ange­messen als ein Einheitsstromtarif, der die vollen Produktions- und Distributionskosten reflektiert. Die sozialen Auswirkungen der höheren Preise für Strom(und ebenfalls für Nahrung und Erdöl) sollten durch Transferleistungen für die betroffenen Teile der Bevölkerung kompensiert werden, und nicht durch Interventionen in den Preismechanismus. Die allgemeine Inflationsrate wird in den Sommer­monaten wahrscheinlich stabil über 6% bleiben. Es wird erwartet, dass die Weltmarktpreise für Erdöl und die meisten Nahrungsmittel in den nächsten Monaten ihren Höhepunkt erreichen und danach die inflationären Impulse abnehmen werden. Allerdings ist für den ganzen Jahresverlauf 2008 eine Inflationsrate unter 5% eher unwahrscheinlich. Zahlungsbilanz und Außenschuld In diesem Jahr werden sich auch das riesige kroatische Handelsbilanzdefizit und das große Zahlungsbilanzdefizit kaum verbessern. Jedoch nimmt sich das kroatische Zahlungsbilanzdefizit im Vergleich zu einigen anderen Ländern in der Region, wie Bulgarien, Estland und Lettland, nicht extrem hoch aus. Das Ergebnis der touristischen Saison, die ungefähr von Juni bis September dauert, wird der Schlüsselfaktor sein, der die Höhe des Defizits bestimmt. Der Zustand der internationalen Liquidität Kroatiens ist aber mehr als adäquat und die kroatische Währung, Kuna, war ziemlich stabil seit Ende 1993. Trotz hoher kroatischer Außenschuld ist die Staatsverschuldung relativ moderat. Um die auswärtige kroatische Position zu stärken, wäre es hilfreich, wenn die Regierung Anstrengungen unternehmen würde, um weitere Verschuldung zu vermeiden. Die Staatsverschuldung verringerte sich in den letzten Jahren und sollte in diesem Jahr planmäßig unter 2% des BIP fallen. Angesichts des sehr hohen Niveaus der gesamten Außen­verschuldung wäre es angemessen, wenn die Regierung den Staatshaushalt in naher Zukunft völlig ausgleichen könnte. Es ist darüberhinaus zu bedenken, dass ein bedeutender Teil der kroatischen Außenschuld eigentlich aus Anleihen von kroatischen Banken bei ihrenMuttergesellschaften besteht, d.h. bei aus­ländischen Banken, die ihre Eigentümer sind. Ausländische Banken besitzen jetzt über 90% des kroatischen Bankkapitals und kommen aus Deutschland, Italien, Österreich, Frankreich und Ungarn. Diese Art von Anleihen von lokalen Bankfilialen bei ihren Zentralen ist weniger risikobehaftet und stabiler als die Kreditaufnahme auf dem offenen Markt. Es ist nicht zu leugnen, dass Kroatien mit bedeutenden Schwächen konfrontiert ist wegen des hohen Zahlungsbilanzungleichgewichts und der großen Außenschuld. Gleichzeitig stellen günstige Ergebnisse hinsichtlich der Inflation und ein solides Wirtschaftswachstum in diesem Jahrzehnt wichtige Stärken dar. Wenn wir in die Zukunft blicken, so besteht die größte Herausforderung darin, wie die durch den EU-Beitritt erzeugten Chancen genutzt werden können, um die gesetz­lichen Rahmenbedingungen und die Implementie­rung von Gesetzen und Regelungen so zu verbessern, dass die wirtschaftliche Leistung gesteigert und die Grundlage für ein stabiles und wohlhabendes, europäisches Kroatien aufgebaut wird. Dr. Evan Kraft ist Wirtschaftswissenschaftler und Berater des Gouverneurs der Kroatischen Nationalbank Die Reaktionen der kroatischen Regierung auf die höhere Inflation waren verspätet und ad hoc Die größte Herausforderung für Kroatien ist, wie die durch den EU-Beitritt erzeugten Chancen genutzt werden Impressum BLICKPUNKT KROATIEN erscheint vierteljährlich in elektronischer Form. Gesamtverantwortlich: MIRKO HEMPEL, Leiter des Regionalbüros der FES für Kroatien und Slowenien Chefredakteur und Übersetzer ins Deutsche: Dr. NENAD ZAKOŠEK, Professor an der Fakultät der politischen Wissenschaften der Universität Zagreb und wissen­schaftlicher Berater des FES-Büros Zagreb Layout: VESNA IBRIŠIMOVIĆ Adresse: Friedrich-Ebert-Stiftung, Praška 8, HR- 10000 Zagreb, Kroatien Telefon: Fax: E-mail: Web: +385 1 4807970 +385 1 4807978 blickpunkt@fes.hr www.fes.hr Die publizierten Texte geben die Ansichten der Autoren wieder und müssen nicht mit den Auffassungen der FES übereinstimmen. © Copyright: Die Verwendung der Texte oder Auszüge aus ihnen ist nur mit der vorherigen Genehmigung des FES-Büros Zagreb erlaubt. Wenn Sie den Newsletter abonnieren möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail an unsere Adresse. 4