Rijeka – eine Stadt zwischen dynamischer Vergangenheit und ungewisser Zukunft von Damir Cupać Rijeka ist eine Stadt, deren Entwicklung seit Anfang 1990er Jahre, seit dem Zerfall Jugoslawiens, stagniert. Kroatien wurde Opfer eines Angriffskrieges, und in der Stadt am Fluss Rječina begann eine Transitionsperiode, an deren Ende der Untergang einer Reihe entwicklungstragender Unternehmen war. Der größte Teil dessen, was in 50 Jahren aufgebaut worden war, verschwand. Wie dramatisch diese Veränderungen waren, zeigt der Zensus von 2011, demzufolge die Einwohnerzahl Rijekas von 144.000 im Jahr 2001 auf 128.735 gefallen ist; in zehn Jahren ging die Bevölkerung um elf Prozent zurück. Zwanzig Jahre Deindustrialisierung haben gleichsam eine Entvölkerung Rijekas bewirkt. Die Stadt sieht also dem Eintritt Kroatiens in die EU am 1. Juli 2013 mit negativen Entwicklungstrends entgegen. Ein Blick auf die Geschichte der Stadt zeigt indes, in welche Richtung die Entwicklung in Zukunft gehen könnte. Dabei werden auch komparative Vorteile deutlich, auf denen eine künftige Entwicklung aufbauen könnte. Titos Ära als„goldene Zeit“ Unlängst wurde die Monographie„Rijeka und die Region in der Tito-Ära 1945-1990“ vorgestellt, die unter anderem deutlich macht, dass die ehemalige Großregion von Rijeka(die sogenannte Gemeinschaft der Gemeinden) die am weitesten entwickelte Region Jugoslawiens war. Dies war das Ergebnis von Bemühungen während der 45 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die„goldene Zeit“ waren die 1970er Jahre, als die Erdölpipeline, der petrochemische Komplex auf Krk, die Brücke zur Insel Krk, die Kokerei in Bakar, der Tunnel Učka und das Conntainerterminal im Hafen von Rijeka entstanden. Die Zahl der Einwohner stieg zwischen 1948 und 1981 um 140 Prozent. Das System der sozialistischen Selbstverwaltung ermöglichte es den politischen Eliten, Planungs- und Entscheidungsprozesse rasch und ohne große Einmischung der Bürger voranzutreiben. Zum Glück waren diese Entscheidungen meistens gut durchdacht und brachten der Region von Rijeka ökonomische Prosperität. Als dynamisch wachsende Stadt wurde Rijeka ein attraktiver Wohnort und zog viele Menschen aus ganz Jugoslawien an, die hier Beschäftigung suchten. In Rijeka befanden sich einige der besten Unternehmen des ehemaligen Jugoslawien: Die Reederei Jugolinija war der Stolz des ganzen Staates, der Hafen von Rijeka war der größte in Jugoslawien, die Schiffswerft 3. Maj baute die meisten Schiffe, in der Industriezone Mlaka wurde die petrochemische Industrie ausgebaut, die metallverarbeitenden Firmen Torpedo, Rikard Benčić und das Bauunternehmen Primorje gehörten zu den Besten in ihrer Branche. Die Papierfabrik Hartera wurde zum Wahrzeichen der Stadt, Handelsunternehmen wie Brodomaterijal und Brodokomerc waren in ganz Jugoslawien bekannte Brands. Deindustrialisierung führte zu Abwanderung: Seit 2001 verlor Rijeka 11 Prozent seiner Einwohner Aber schon in den 1980er Jahren, also noch vor dem Zerfall Jugoslawiens, hörte das Wachstum auf und begann die Stagnation. Auf den dann folgenden Systemwechsel war Rijeka nicht vorbereitet; der Verlust des jugoslawischen Marktes traf die Wirtschaft schwer. Der Krieg in Kroatien verschlechterte die Lage zusätzlich: Die Stadt war zwar vom Krieg nicht direkt betroffen, aber die extreme Zentralisierung des Staates als Folge des Krieges wirkte sich auf Rijeka besonders negativ aus. Hinzu kommt: Als politisch von der Sozialdemokratie dominierte Stadt befand sich Rijeka im Widerspruch zum dominanten Nationalismus der regierenden HDZ. Nachteilig wirkte sich auch die Privatisierung von Unternehmen auf die regionale Ökonomie aus: Das Privatisierungsgesetz ermöglichte der politischen Elite, verbunden mit der regierenden HDZ, die Flaggschiffe der regionalen Ökonomie zu übernehmen. Die Vorherrschaft der Politik vor Ökonomie, der politischen Eignung vor fachlichen Fähigkeiten, ist eine der Hauptursachen des wirtschaftlichen Niedergangs nach 1990. Dieses Schicksal teilt Rijeka mit vielen Städten in den ehemaligen kommunistischen Ländern Osteuropas. Multiethnische Struktur als Vorteil Der Negativtrend ist bis heute ungebrochen und die Stadt sucht immer noch nach der Formel, um zu ihrem alten Ruhm zurückzukehren. Dazu hat Rijeka durchaus das Potenzial, das vor allem auf seiner geostrategischen Position beruht und durch den Ausbau der Hafenkapazitäten besser genutzt würde. Auch der Schiffbau mit seiner jahrzehntelangen Tradition eröffnet Möglichkeiten für die Zukunft. Die Geschichte zeigt, dass Rijeka und seine Bürger immer wieder fähig waren, sich von Krisen zu erholen und ein neues Leben aufzubauen. Das wird auch diesmal so sein. Die Voraussetzungen dafür existieren schon. Nach 2000 wurden, finanziert durch einen Kredit der Weltbank, Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur und Hafenkapazitäten getätigt. Komplementär dazu ermöglichte der kroatische Staat Investitionen in den Ausbau der Autobahn, die Rijeka mit dem Landesinneren verbindet. Wenn man außerdem berücksichtigt, dass die Regierung von Premier Zoran Milanović die Modernisierung der Eisenbahnstrecke zwischen Zagreb und Rijeka als prioritäres Projekt einstuft, ist zu erwarten, dass der Hafen einen großen Aufschwung erleben wird. Ein großes Entwicklungspotenzial von Rijeka ist der multinationale und multikulturelle Charakter der Stadt Rijeka ist inzwischen auch eine bedeutende Universitätsstadt. Die bevorstehende Fertigstellung des Universitätscampus wird neue komparative Vorteile in der Entwicklung hochtechnologischer Wirtschaftsbereiche ermöglichen. Was Rijeka darüber hinaus für seine Entwicklung braucht, ist eine Gebietsreform: Die unnatürlich engen administrativen Grenzen, die seit 1993 gelten, sind heute ein Entwicklungshemmnis und verhindern eine rationale Planung für die Makro-Region von Rijeka. Die räumliche Integration der Stadt mit ihrer Umgebung müsste durch eine stärkere Dezentralisierung ergänzt werden. Rijeka bräuchte nicht nur einen höheren Anteil der Steuereinnahmen, sondern auch größere Entscheidungskompetenzen in der Bildungs-, Gesundheits-, Kultur- und Sozialpolitik. Ein großes Entwicklungspotenzial Rijekas ist die soziale Zusammensetzung der Stadt. Rijeka ist eine multiethnische und multikulturelle Stadt; ihre Bürger sind für ihre Offenheit und Toleranz bekannt. Nationalitätenund Sprachenvielfalt ist zu einem charakteristischen Merkmal der Stadt geworden. Dies könnte sich in Kombination mit der urbanen Attraktivität nach dem kroatischen EU-Beitritt als Vorteil erweisen. Ob dieses Potenzial indes zur Entwicklung genutzt werden wird, wird von der Klugheit der Menschen abhängen, die in der Stadt und im Staat regieren. Damir Cupać ist Journalist der Tageszeitung Novi list aus Rijeka 3
Heft
(2013) 18
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