I NTER VI E W MIT BOR IS V UJČ IĆ, Gouverneur der kroatischen Nationalbank Das Wirtschafts- und Finanzsystem nach dem EU-Beitritt Anlässlich des kroatischen EU-Beitritts und des zwanzigjährigen Jubiläums der Antiinflationspolitik sprachen wir mit dem Gouverneur der kroatischen Nationalbank, Dr. Boris Vujčić, über die Probleme des kroatischen Finanz- und Wirtschaftssystems. Wie bewerten Sie die Rolle der kroatischen Nationalbank(HNB) im Zusammenspiel der Institutionen, die auf die ökonomischen und finanziellen Bedingungen in Kroatien Einfluss nehmen? Haben die Verfassungsänderungen im Jahr 2010 die Unabhängigkeit der Zentralbank ausreichend gestärkt? > Bereits das Gesetz über die HNB aus dem Jahr 2001 schreibt die wesentlichen Elemente der institutionellen, funktionalen, personellen und finanziellen Unabhängigkeit der Zentralbank fest, so dass man sagen kann, dass die HNB seit mehr als einem Jahrzehnt eine vollkommen unabhängige Institution ist. Spätere Änderungen des Gesetzes sowie die Verfassungsänderungen im Jahr 2010 haben in dieser Hinsicht nichts wesentlich Neues gebracht. Es handelte sich um kleinere technische Anpassungen an die europäischen Vorschriften, die aber die Unabhängigkeit zusätzlich befestigt haben. Vor genau zwei Jahrzehnten wurde die Antiinflationspolitik eingeführt, die eine wirtschaftliche und monetäre Stabilisierung des Landes bewirkt und 1994 die Einführung des Kuna als Währung ermöglicht hat. Wie bewerten Sie den eingeschlagenen Weg? Warum haben wir im Rahmen des gewählten Modells der monetären Politik nicht mehr erreicht? > Die Entscheidung für diese Art der Geldpolitik war einerseits durch die Notwendigkeit der Bewahrung der Preisstabilität bestimmt, andererseits durch die Tatsache, dass Kroatien eine kleine offene Wirtschaft mit einem hohen Anteil an Spareinlagen und Krediten in Euro sowie mit liberalisiertem Kapitalverkehr ist. Die gesamten Auslandsschulden, ebenso der Großteil der Verschuldung des Staates und des Privatsektors im Land, bestehen in fremder Währung, was man in der Theorie die „Erbsünde“ nennt. In einer solchen Konstellation sind die Möglichkeiten der Beeinflussung des Wirtschaftswachstums durch die Geldpolitik sehr begrenzt. Der kroatischen Nationalbank gelingt es trotzdem, neben der Bewahrung der Währungsstabilität auch antizyklische Wirkungen zu erzielen, indem sie konventionelle und unkonventionelle Instrumente der monetären Politik anwendet. Letztere stammen aus dem Arsenal, das man heute modisch makroprudentielle Politik nennt. Durch eine solche Politik wurden vor der Krise die Ausmaße der externen Ungleichgewichte verringert und der Bankensektor wurde gestärkt. Das ermöglichte es der HNB, die akkumulierten Liquiditätsreserven freizugeben, insbesondere jene in Fremdwährung, sowie die Regulierungskosten während der Krise zu senken, wodurch die monetäre Politik antizyklisch wirkte. Aber die HNB konnte nicht auf das Wirtschaftsklima einwirken, um die Attraktivität Kroatiens für exportorientierte inländische und insbesondere ausländische Direktinvestitionen zu erhöhen. Man konnte nur kontinuierlich darauf hinweisen, dass ein Wachstumsmodell, welches auf einheimischem Verbrauch und auf öffentlichen Investitionen beruht, die durch Auslandsverschuldung finanziert werden, unhaltbar ist. Die monetäre Politik kann das Modell des Wirtschaftswachstums in Kroatien nicht ändern. Um dies zu erreichen, ist es notwendig, eine Reihe von Strukturreformen durchzuführen. Können wir mit dem Zustand des kroatischen Bankensektors zufrieden sein? Gefährdet die Tatsache, dass der größte Teil der Banken in ausländischem Besitz ist, die Perspektiven der wirtschaftlichen Entwicklung in Kroatien? Wäre es für Kroatien vorteilhaft, eine starke einheimische Bank zu haben, was oft in politischen Debatten beschworen wird? > Gemessen an der Eigenmittelquote von über 20 Prozent gehört das kroatische Banksystem zu den am besten kapitalisierten Systemen in Europa und es blieb trotz fün ähriger Rezession stabil und profitabel. Das ermöglichte eine kontinuierliche Versorgung der Wirtschaft mit Krediten und verhinderte einen Einbruch der Kreditvergabe. Trotzdem ist das Finanzsystem längerfristig ein Abbild der realen Wirtschaft; die Profitabilität der Banken hat das niedrigste Niveau seit Ende der neunziger Jahre erreicht und liegt unter dem Durchschnitt vergleichbarer Länder in Mittel- und Osteuropa. Die ausländischen Bankeigentümer haben unabhängig davon mehrmals ihre Loyalität gegenüber ihren Filialen in Kroatien gezeigt und haben diese in noch größerem Maße als vor der Krise finanziert. Die großen staatlichen Banken in der Region sind den privaten Banken im Risiko-Management und bei der Vermeidung der Abhängigkeit von ausländischen Kapitalzuflüssen nicht überlegen. In der Krise waren sie weniger widerstandsfähig und durch das Risiko der Kapitalflucht stärker gefährdet, was für die Steuerzahler große Kosten verursachte. Neben unseren eigenen schlechten Erfahrungen sollte man sich anschauen, was mit staatlichen Banken in unseren Nachbarländern Slowenien und Österreich, aber auch in Deutschland oder Spanien geschieht. Wir sind Zeugen eines großen Misstrauens gegenüber Banken, nicht nur in Kroatien, sondern überall auf der Welt. Die Öffentlichkeit kritisiert mit Recht die Verwendung von öffentlichen Mitteln für die Deckung von Verlusten in Privatbanken, zugleich aber kritisiert man auch die großen Profite, die z.B. die kroatischen Banken in fremdem Besitz erwirtschaften. Was kann man tun, um den Finanzsektor besser zu regulieren? > Im globalen Maßstab kann man sagen, dass die Krise ihren Ursprung im Finanzsektor hatte oder dass er zumindest die Krise angestoßen hat. Um die Ausbreitung der Krise aus dem Finanzsektor in die Realwirtschaft und einen Zusammenbruch der Kreditversorgung zu verhindern, mussten viele Regierungen das Kapital der Banken mit Steuergeldern aufstocken. Aber in Kroatien wurde die Krise der Realwirtschaft nicht durch die Finanzkrise verursacht, sondern es geschah genau das Umgekehrte: Wegen der sinkenden Wirtschaftsaktivität fielen auch Gewinne der Banken, und zwar auf ein relativ niedriges Niveau. Ende 2012 fielen die Gewinne der Bankeneigentümer auf weniger als ein Prozent und die Erträge des Bankenkapitals auf weniger als fünf Prozent. Das Vertrauen in das globale Finanzsystem ist zweifellos beschädigt. In Kroatien unterscheiden sich jedoch die Ursachen für das zurückgehende Vertrauen in das Finanzsystem ebenso wie die Kanäle der Ausbreitung der Krise von jenen im Rest der Welt. Während global die Ursachen für den Vertrauensverlust primär mit dem Zusammenbruch des Kreditmarkts und der Notwendigkeit von Kapitalspritzen zu tun haben, die mit Steuergeldern finanziert werden, wurde der Vertrauensverlust in Kroatien durch die Übertragung der globalen Störungen durch höhere Finanzierungskosten in Folge der Eskalation der Risikoprämien des kroatischen Staates sowie durch die Stärkung des Wechselkurses des Schweizer Franken verursacht. Um das Vertrauen in das Finanzsystem wiederzugewinnen, müssen die Regulatoren wieder die feine Balance zwischen Stärkung der Widerstandsfähigkeit des Bankensektors und der Ermöglichung einer reibungslosen Finanzierung der Wirtschaft finden. Gegenwärtig werden im Finanzsektor eine Reihe von Regulierungsreformen mit diesem Ziel durchgeführt. Nach Ausbruch der Krise änderte sich die Philosophie der sogenannten weichen(soft-touch) Regulierung in Richtung auf einen stärker regulierten Finanzsektor. Und das ist genau das Modell, an dem wir uns bereits vor der Krise orientiert haben. Was bedeutet der EU-Beitritt Kroatiens für unser Wirtschafts- und Finanzsystem? Wann sollte der Euro in Kroatien eingeführt werden? In einer Analyse hat vor kurzem der Wirtschaftswissenschaftler Velimir Šonje die Position vertreten, uns stehe vor der Einführung des Euro auch die Option zur Verfügung, die kroatische Währung leicht(drei bis vier Prozent jährlich) abzuwerten, um die Wirtschaft vor dem Verlust der monetären Souveränität so gut wie möglich zu positionieren. Was ist Ihre Meinung dazu? > Die EU ist bereits heute unser wichtigster Handelspartner, Touristen kommen überwiegend aus den EU-Mitgliedsstaaten, unsere Banken sind zum größten Teil Tochterfirmen von Unternehmen aus der EU, das Gleiche gilt auch für andere Investitionen. Die Verbindungen sind also so eng, dass Kroatien durch den EU-Beitritt ebenso wie durch den Eintritt in die Eurozone – angesichts des hohen Anteils an Euro-Spareinlagen – Vorteile haben kann. Rund 80 Prozent der Spareinlagen sind in Devisen denominiert, davon 90 Prozent in Euro. Die Nutzung der monetären Autonomie vor dem Eintritt in die Eurozone, um eine systematische Abwertung zu erreichen, würde mit großer Wahrscheinlichkeit Erwartungen hinsichtlich des Anstiegs der Wechselkurse und der Inflation erzeugen, und damit auch spekulativen Druck auf den Wechselkurs. Weil alle ökonomischen Akteure in Kroatien auf Änderungen des Wechselkurses ausgesprochen sensibel reagieren, wäre es sehr riskant zu denken, dass Abwertung ein Prozess ist, den man ohne bedeutende Kosten steuern kann. Mögliche Vorteile einer solchen Politik für die Wettbewerbsfähigkeit der kroatischen Wirtschaft bleiben hypothetisch und werden durch historische Erfahrungen nicht bestätigt. Eine solche Politik wäre ein gefährliches Experiment. Dies alles spricht für einen schnellen Eintritt in die Eurozone. Da ich die Denkweise von Herrn Šonje kenne, glaube ich, dass seine Überlegungen sich nicht wesentlich von dieser Auffassung unterscheiden. Die Fragen stellte Nenad Zakošek 2
Heft
(2013) 19
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