Heft 
(2014) 22
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Nachhaltig ist anders: Das kroatische Energiesystem wird immer carbonlastiger von Dietmar Dirmoser Auch kleine Länder an der europäischen Peripherie entgehen den Folgen der Ukraine-Krise nicht. Die gegen Russland verhängten Handels­und Kapitalverkehrsbeschränkungen betreffen Kroatien zwar nur am Rande. Doch die neue Sicherheitskonzeption der EU für den Energiesektor vom Mai hat für den Adriastaat in mindestens zwei Bereichen weitreichende Folgen. Zum einen soll das Land seine Öl- und Gasreserven in der Adria rasch dem Markt zuführen, und zum anderen soll es, durch den Bau eines Flüssiggas­hafens auf der Insel Krk und der entsprechenden Pipelines, der südliche Einspeisungspunkt für US-Gas in das europäische Netz werden. In einem hoch verschuldeten und seit sechs Jahren von einer Wirtschafts­krise geplagten Land wie Kroatien hat die Aussicht auf die Realisierung von Milliardenprojekten naturgemäß eine große Verführungskraft. Und von einem Adria-Offshore-Öl- und Gasboom träumen einige Politiker, wegen der Chance auf eine Entlastung der Importrechnung sowie auf sprudelnde Exporteinnahmen, schon seit längerer Zeit; denn immerhin müssen derzeit ein Viertel des Gasbedarfs und vier Fünftel des benötigten Öls für teures Geld importiert werden. Doch dass nun konkrete Schritte unternommen werden, um diese Vision Realität werden zu lassen, dies verdankt Kroatien nicht zuletzt den Vereinigten Staaten. Seit die US-Außenpolitik im Jahr 2009 die Energiesituation in ganz Europa zu einer zentralen Sicherheits­frage hochgestuft hat, drängen US-Multis wie Exxon Mobil, ConocoPhilipps, Marathon Oil u.a. in Kroatien auf eine Beschleunigung der Genehmigungs­verfahren und beteiligen sich intensiv an den Ausschreibungen für die Prospektions- und Ausbeutungsrechte am Meeresboden der Adria. Dies obwohl die dort vermuteten Mengen für die US-Giganten eher marginal sein dürften. Doch wollen sie möglicherweise ein Zeichen setzen, denn selten waren die Bedingungen besser für einen Einstieg in die ökologisch fragwürdige Offshore-Förderung in der kleinen ohnehin stark belasteten Adria, unweit von den gefragtesten Touristenstränden Europas. Allerdings dürften noch einige Jahre ins Land gehen, bevor die Produktion anläuft. LNG-Euphorie Dagegen könnte das Projekt, Kroatien zu einer Drehscheibe für US-Flüssiggas(LNG) auszubauen, bald in die kommerzielle Phase eintreten. Dies nicht zuletzt, weil die Planungen des Flüssiggashafens auf der Insel Krk durch US-Offizielle mindestens ebenso engagiert vorangetrieben werden wie von der EU-Kommission und dem zuständigen kroatischen Wirtschafts­ministerium. Die USA haben der kroatischen Regierung sogar Experten geschickt, die sie bei der Projektvorbereitung unterstützen sollen. Im sicherheitspolitischen Kalkül der USA spielt das kroatische LNG-Projekt eine wichtige Rolle. Es soll mithelfen, nötigenfalls die russischen Gaslieferungen nach Ungarn, in die Slowakei, die Ukraine und andere Länder Südosteuropas kurzfristig durch US-Flüssiggas zu substituieren und mittelfristig den Marktanteil Russlands deutlich zu reduzieren. Obwohl Präsident Obama den Europäern im März vollmundig anbot, die russischen Gaslieferungen gegebenenfalls vollständig durch US-LNG zu ersetzen, hat er insgeheim andere Anbieter in sein Kalkül einbezogen. Denn wenn in Zukunft deutlich weniger russisches Gas verbraucht werden soll, dürfte für die Versorgung Europas insbesondere das von einem BP-geführten Konsortium geförderte Gas aus dem aserbaidschanischen Riesenfeld Shah Deniz 2 im kaspischen Meer von Bedeutung sein. Es soll durch die geplanten Pipelines TANAP(Trans Anatolian Pipeline) und TAP (Trans Adriatic Pipeline) via Türkei, Griechenland und Albanien nach Italien gepumpt werden und über Verbindungsleitungen auch nach Bulgarien, Montenegro und Kroatien. Dieser sogenannte südliche Gaskorridor soll durch eine Süd-Nord-Verbindung zwischen den Flüssiggashäfen auf Krk und im Baltikum komplettiert werden. Kroatien wird umworben und gedrängt, die dem Land zugedachte Rolle bei der Diversifizierung der Gas-Anbieterstruktur und beim Ausbau der Infrastruktur(dazu gehören neue Pipelines, neue Verbindungsleitungen, die Nutzung der Leitungen in beiden Richtungen und die Schaffung von LNG-Einspeisungspunkten) zu übernehmen. Der stellvertretende US-Staats­sekretär für Energiediplomatie, Amos Hochstein, und Hoyt Yee, sein für die Region zuständiger Kollege im US-Außenministerium, besuchten im April Zagreb und malten den kroatischen Verantwortlichen die Zukunft des Landes als südosteuropäische Energiedrehscheibe in glühenden Farben. Auch Präsident Josipović wurde systematisch umgarnt. Dass Flüssiggas im europäischen Energiesicherheitskonzept eine wichtige Rolle spielt, ist ein Erfolg der US-Lobby. Die USA sind in den letzten Jahren zum weltgrößten Gasproduzenten aufgestiegen und haben Russland überholt. Der Gaspreis ist dadurch insgesamt unter Druck geraten, vor allem aber in den USA. Dort liegen die Großhandelspreise je nach Saison nur bei 30- 40% der europäischen Preise, denn die wachsenden Mengen an Shale Gas und fehlende Exportmöglich­keiten haben zu einem Überangebot geführt; fast alle Schiefergasproduzen­ten schreiben rote Zahlen. Es gibt also starke Anreize zu exportieren, insbesondere nach Europa. Die Ukraine-Krise erwies sich für die nordamerikanische Verkaufsoffensive als hilfreich, denn es gibt nun gute Argumente dafür, die LNG-Nutzung selbst dann voranzu­treiben, wenn sie teurer ist als russisches Pipelinegas. Die EU-Kommission hat starke Anreize für die Realisierung des LNG-Pro­jektes gesetzt. Durch dieConnecting Europe Facility stehen bis 2020 insge­samt 5,85 Milliarden EUR für den Ausbau der transeuropäischen Energieinfra­struktur zur Verfügung. Im Oktober beschloss die Kommission eine Liste mit 248 Schlüsselprojekten(Projects of Common Interest), darunter das Flüssiggas­terminal auf Krk(Kosten 640 Millionen EUR) und die dazugehörenden Pipelines (Kosten 400 Millionen EUR). Die EU ist bereit, bei beiden Projekten die Hälfte der Kosten zu übernehmen, und ermahnte die kroatische Regierung im Oktober, doch bitte potenzielle Investoren zu ermutigen und insbesondere das Genehmigungsverfahren nicht weiter zu verzögern. Großprojekte stellen Weichen Durch die gegenwärtigen energiestrategischen Weichenstellungen legt sich Kroatien noch stärker als ohnehin auf einen fossil-großindustriellen Energiepfad fest. Bis 2020 muss das Land 1.200 MW an traditioneller Wärme­kraftwerkskapazität ersetzen. Die Liste der prioritären Energieprojekte umfasste bisher ein 800 Millionen EUR teures Kohlekraftwerk(Plomin C, das auf importierte Kohle angewiesen ist) sowie Öl- und Gaskraftwerke, bei denen es sich gleichfalls um Großanlagen handelt, für die dreistellige Millionensummen veranschlagt werden, sowie mindestens ein großes Hydrokraftwerk. Nun kommen mit dem LNG-Cluster und den Adria-Öl- und Gasförderprojekten weitere Großvorhaben hinzu. Dies wird nicht ohne Auswirkungen auf den Energiemix bleiben. Mit der Steigerung der eigenen Gasproduktion und dem LNG-Import dürfte die Bedeutung von Erdgas im Energiemix(derzeit ¼ des Gesamtenergieverbrauchs) deutlich zunehmen. Zwar ist Gas ein saubererer Energieträger als Kohle, doch letztlich ist auch Gas schmutzige Energie. Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Cornell-Universität von Howarth, Santoro und Ingraffea ist Erdgas weit klimaschädlicher als bislang angenommen. Die Vorliebe für Großkraftwerke, große Verbundsysteme und teure Pipelines hat mit der Mentalität der staatlich kontrollierten Monopolunter­nehmen zu tun, die die Hauptakteure des Energiesystems sind. Dazu gehört die Elektrizitätsfirma HEP, die trotz Liberalisierung 99% des Strommarktes kontrolliert. Ein weiterer zentraler Akteur ist INA, der Öl- und Gasmonopolist, eines der größten Unternehmen der gesamten Region, das zur Hälfte dem ungarischen Energiekonzern MOL gehört. Auch der aus INA ausgegliederte Gaspipelinebetreiber Plinacro ist ein mächtiger Player. Seit sozialistischen Zeiten setzen diese Unternehmen auf zentralistische großtechnische Strukturen, die große Kapitalmengen erfordern. Da derzeit kaum eigenes Kapital mobilisiert werden kann, müssen ausländische Anleger mit attraktiven Renditen gelockt werden. Für ein energiestrategisches Umdenken gibt es derzeit keine Anreize. Deshalb spielt die Nutzung von Solar-, Wind-, Bioenergie u.Ä. in Kroatien bislang nur eine marginale Rolle. Die offizielle Begründung lautet, da große Hydrokraftwerke in wasserreichen Jahren 30- 40% oder mehr des elektrischen Stroms erzeugten, seien Bemühungen um andere regenerative Energien nicht notwendig. Schließlich erfülle man die EU-Vorgabe, bis 2020 20% des Energieverbrauchs durch Erneuerbare zu decken, bereits jetzt annähernd. Die Förderung erneuerbarer Energien(außer Hydroenergie) durch Einspeisetarife aus einem gedeckelten Fond hat deshalb kaum mehr als eine Alibifunktion. Das kroatische Energiesystem ist importabhängig(zu ca. 50%), es basiert weitgehend auf fossilen Brennstoffen(derzeit ca. 80%), seine großtechnischen und zentralisierten Strukturen werden von Monopolunter­nehmen kontrolliert. Möglicherweise wird mittelfristig die Importabhängig­keit durch die Steigerung der Eigenproduktion von Öl und Gas etwas reduziert. Doch die Carbonlastigkeit des Energiesystems dürfte infolge des wachsenden Gasangebotes zunehmen. Wenn nicht entschlossen umge­steuert wird, wird das Land den Anschluss verpassen und sein enormes Potenzial regenerativer Energien ungenutzt bleiben. Für ein Umsteuern gäbe es gute wirtschafts- und klimapolitische Gründe. Doch die wesentlichen Stakeholder des Energiesystems haben daran kein Interesse und die Signale aus Brüssel, die auf eine Aufweichung der europäischen Klimaziele hin­deuten, dürften kaum dazu beitragen, dass dies anders wird. Dr. Dietmar Dirmoser ist Leiter des Büros der Friedrich Ebert Stiftung in Zagreb 2