Heft 
(2009) 6
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Der studentische Protest und der Zustand der Hochschulbildung in Kroatien von Darko Polšek Die studentische Blockade des Hochschulunterrichts deckt die akkummulierten Probleme und soziale Ungleichheiten im kroatischen Hochschulwesen auf D ie kroatischen Studenten folgten dem Beispiel ihrer Kollegen in der Welt und organisierten zum zweiten Mal Proteste unter der LosungDas Recht auf kostenlose Bildung. Am Protest beteiligten sich Studenten an etwa zehn überwiegend gesellschaftswissenschaftlichen und humanistischen Fakultäten aller 7 kroatischen Univer­sitäten. Das Zentrum des Protestes war die Philosophische Fakultät in Zagreb, wo sich Studenten in einerUnab­hängigen Initiative für das Recht auf kostenlose Bildung versammelten und 34 Tage lang die Arbeit der Fakultät blockierten, alternativen Unterricht organisierten und täglich Plenarversammlungen veranstalteten, die für alle Interessierten offen waren. Die Blockade endete am 24. Mai 2009 mit einer Deklaration, in der ihretaktische Unterbrechung verkündet und zugleich erklärt wird, dass die Initiative ähnliche Aktionen im Herbst durch­führen will. Mobilisierung einer neuen Studentengeneration Dies war eine der seltenen Massenaktionen der jüngeren Generation, so dass viele Intellektuelle, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften und einige Hochschullehrer die Aktion als legitimen Ausdruck der studentischen Unzufriedenheit mit der allgemeinen Kommerzialisierung der Hochschulbildung unterstützten. Es gab auch viele gegenläufige Meinungen, und im Moment der Unterbrechung der studentischen Blockade blieb die kroatische Öffentlichkeit über die Frage der Legitimität studentischer Ziele und noch mehr der Methoden polarisiert. Die Aktion war, abgesehen von wenigen Zwischenfällen, friedlich, und es gab keine Gewaltanwendung, weder von seiten der Studenten noch des Staates. Der Zustand des kroatischen Hochschulwesens kann durch einige Daten beschrieben werden. Erstens, die Zahl der Studenten an den Hochschulen in Kroatien verdoppelte sich in den letzten 20 Jahren: 1990 gab es etwa 70.000 Studenten, heute sind es 140.000. Obwohl die Anzahl der Universitäten von 4 auf 7 angestiegen ist, entsprach der Ausbau der universitären Infrastruktur nicht der Erhöhung der Studentenzahl. Das Grundmotiv für die sprunghaft angestiegene Zulassung von Studenten an den Hochschulen war die Auffassung, dass Kroatien zu wenig akademisch gebildete Einwohner hat (etwa 8% der Bevölkerung). Das Problem der Studiengebühren Zweitens, die Mehrheit der neu hinzugekommenen Studenten beteiligt sich durch Studiengebühren an den Kosten des Studiums. Der Anteil der Studenten, die Studiengebühren zahlen, beträgt heute über 50% aller Studierenden. Den öffentlichen Hochschulinstitutionen schreibt der Staat die Quote der Studenten vor, deren Studienkosten vollständig aus dem Haushalt gedeckt werden. Wenn die Hochschulinstitutionen eine höhere Anzahl der Studenten aufnehmen wollen, können sie das durch Studiengebühren finanzieren. Der Staat deckt aber einen großen Teil der Kosten auch für diese zusätzlichen Studenten: z.B. durch Subventionen für ihre Krankenversicherung, Transport, Ernährung, Unterbrin­gung usw. Die durch Studiengebühren erworbenen Mittel werden vollständig den einzelnen Hochschul­institutionen überlassen. Diese Situation führte zu einer starken Segregation von Fakultäten und Studien: vor allem die humanistischen und gesellschaftswissen­schaftlichen Fakultäten und Studiengänge sowie Fachhochschulen bekommen den größten Teil der Studien­gebühren und breiten sich daher entsprechend im Hochschulwesen aus. Die Segregation betrifft auch die Studenten, weil sich der studentische Status(ohne oder mit Studiengebühren) bis zum Ende des Studiums fortsetzt, unabhängig vom Studienerfolg. Es sei noch erwähnt, dass in Kroatien, wie in anderen Ländern, die meisten Studenten aus besser gestellten Familien kommen, obwohl die sozialen Ungleichheiten in Kroatien relativ gering sind(Gini-Koeffizient 0,29). Die Unzufriedenheit mit dem Bologna-System Drittens ist festzustellen, dass Kroatien vor vier Jahren ziemlich unvermittelt das sogenannte Bologna-Studien­system einführte, wobei der zuständige Minister die Implementierung einzelnen Hochschulinstitutionen und Studiengängen überließ. Die Folge ist ein ziemliches Chaos im Studium, was die betroffenen Studenten als ein besonderes Handicap erleben. So lässt sich sagen, dass der studentische Protest im Wesentlichen von der neuen Generation der Studenten getragen wird, die unter dem schlecht vorbereiteten und unkoordinierten Bologna­Studienregime leiden. Der erste Studienabschluss im Bologna-System- der Bachelor/Bakkalaureus- gibt gerade in den Studiengängen, die am meisten protestiert haben, überhaupt keine am Arbeitsmarkt anerkannte Qualifikation. Dadurch werden die meisten Studenten gezwungen, bis zum nächsten Abschluss- im soge­nannten Diplomstudium- weiter zu studieren. Zwar deckte das Wissenschafts- und Bildungsministerium die Kosten des Diplomstudiums im laufenden Schuljahr für alle Studenten, wollte diese Verpflichtung angesichts des überspannten Haushalts jedoch für das kommende Schuljahr nicht übernehmen. Die Studenten haben daraus richtig geschlossen, dass allen künftigen Studenten im Diplomstudium Studiengebühren drohen. Der Einfluss der linken Ideologie Die relativ ungeregelten Studienbedingungen und die schleichende Ausbreitung der Studiengebühren waren die reale Grundlage für den studentischen Protest. Die Studen­ten konzentrierten sich aber auf die beiden umstritten­sten Forderungen im Hochschulwesen: die Fragen der Studiengebühren und der sozialen Gerechtigkeit. Dadurch bekamen sie Sympathien bei den schlechter gestellten Schichten der Bevölkerung und bei einem Teil der Professoren, nicht aber in der breiteren Öffentlichkeit, die wegen der Wirtschaftskrise gegenüber neuen Haushalts­belastungen sehr kritisch eingestellt ist. Der größere Teil der Öffentlichkeit, ebenso wie die Regierung, meint, dass ein Studium in Kroatien ohnehin schon kostenlos ist: nämlich für jene Studenten, die sich dafür qualifizieren, auf staatliche Kosten zu studieren. Der Protest, der die Ausbreitung diesesGemeinguts aufalle verlangte, wurde also von der allgemeinen Öffentlichkeit nicht angenommen. Die Studenten bekamen jedoch Unterstüt­zung einiger international bekannter Intellektueller, wie Noam Chomsky, Slavoj Žižek und Judith Butler, die durch ihre antikapitalistische Philosophie bekannt sind. Diese ideologische Wahlverwandschaft inspirierte einen Teil der Studenten und einige jüngere kroatische Intellektuelle, die als ihre Mentoren auftreten, Skepsis gegenüber liberaler Demokratie und demNeoliberalismus zu äußern, und durch die Methode von Plenarversamm­lungen- in denen durch Akklamation entschieden wird ­nach echter Demokratie in Form vondirekter Aktion anarchistischer Spielart zu suchen. Obwohl die Hochschulsituation in Kroatien vorerst unter Kontrolle bleibt, könnte das Amalgam von bekannten radikalen linken Ideologien und studentischer Unzufrie­denheit mit der Zeit explosiv werden. Darko Polšek ist Professor an der Philosophischen Fakultät in Zagreb und war in der Regierung von Ivica Račan Assistent des Ministers für Wissenschaft und Technologie. Das Amalgam der studentischen Unzufriedenheit und der radikalen linken Ideologie könnte explosiv werden Impressum BLICKPUNKT KROATIEN erscheint vierteljährlich in elektronischer Form. Gesamtverantwortlich: MIRKO HEMPEL, Leiter des Regionalbüros der FES für Kroatien und Slowenien Chefredakteur und Übersetzer ins Deutsche: Dr. NENAD ZAKOŠEK, Professor an der Fakultät der politischen Wissenschaften der Universität Zagreb und wissen­schaftlicher Berater des FES-Büros Zagreb Layout: VESNA IBRIŠIMOVIĆ Adresse: Friedrich-Ebert-Stiftung, Praška 8, HR- 10000 Zagreb, Kroatien Telefon: Fax: E-mail: Web: +385 1 4807970 +385 1 4807978 blickpunkt@fes.hr www.fes.hr Die publizierten Texte geben die Ansichten der Autoren wieder und müssen nicht mit den Auffassungen der FES übereinstimmen. © Copyright: Die Verwendung der Texte oder Auszüge aus ihnen ist nur mit der vorherigen Genehmigung des FES-Büros Zagreb erlaubt. Wenn Sie den Newsletter abonnieren möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail an unsere Adresse. 4