Heft 
(2010) 9
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Die Merkmale und Entwicklungstrends der Arbeitslosigkeit in Kroatien von Predrag Bejaković Der dramatische Anstieg der Arbeitslosigkeit lässt sich mit Arbeitsmarktpolitik allein nicht bekämpfen: Arbeitsplätze können nur durch eine wachstumsfördernde Entwicklungspolitik entstehen Die Arbeitslosigkeit ist in Kroatien ein großes und andauerndes Problem. Es gibt zwei Quellen von Daten, die über die Arbeitslosigkeit in Kroatien Aufschluss geben. Das sind einmal die Daten über die registrierten Arbeitslosenzahlen beim Kroatischen Arbeitsamt. Daneben gibt es die Arbeitslosendaten aus den Erhe­bungen des Staatlichen Amtes für Statistik, die seit 1996 regelmäßig gemäß der Methodologie der Internationalen Arbeitsorganisation und den Regeln des Eurostat durchgeführt werden, wodurch die Vergleichbarkeit mit entsprechen­den Erhebungen in den EU-Ländern gesichert werden soll. Aus vielen Gründen muss man annehmen, dass die Daten aus den repräsentativen Stichproben der durchgeführten Erhebungen zuverlässiger sind, als die Daten des Arbeitsamtes. Ende 2004 betrug die Rate der registrierten Arbeitslosen in Kroatien etwa 18% und war damit eine der höchsten in den Ländern Mittel- und Osteuropas. Aller­dings betrug die Arbeitslosenrate laut statistischer Erhebung 14% und lag damit ungefähr auf dem Niveau der Arbeitslosigkeit in Bulgarien und Litauen, also etwa 3 Prozentpunkte höher als die durchschnittliche Arbeitslosenrate in diesen Ländern(siehe Bild 1). Ursachen der Arbeitslosigkeit Die Arbeitslosigkeit verringerte sich seit 2001 bis zur zweiten Hälfte des Jahres 2008, seitdem steigt sie aber wieder beschleunigt an(siehe Bild 2). Ende 2009 erreichte die Rate der registrierten Arbeitslosen 16,7% und lag damit sogar drei Prozentpunkte über der Rate Ende 2008(13,7%). Nach den letzten verfüg­baren Daten des dritten Quartals 2009 betrug die Arbeitslosenrate laut statistischer Erhebung 8,7%. In Kroatien ist die Arbeitslosigkeit die Folge von wirtschaftlichen Veränderungen, Konkursen und Liquidierungen vieler Unternehmen, massenhaften Entlassungen und relativ begrenzten Möglichkeiten von Neubeschäftigung, aber auch von räumlichen und beruflichen Diskrepanzen zwischen dem Angebot und der Nachfrage nach Arbeitskräften. Neben der inadäquaten Bildungs- und Qualifika­tionsstruktur der Arbeitslosen, gibt es weitere Hürden für die geographische Mobilität der Arbeitnehmer. Hier ist vor allem der Mangel an Häusern und Wohnungen in jenen Gebieten Kroatiens zu nennen, wo Beschäftigungsmöglich­keiten existieren. Schließlich wird die relativ hohe Arbeitslosigkeit auch durch den geringen Unterschied zwischen den niedrigsten Löhnen und den verschie­denen Formen der Sozialleistungen und-transfers im System der sozialen Sicherung und die sehr verbreitete Schattenwirtschaft verursacht. Das größte Problem ist allerdings nicht allein die Zahl der Arbeitslosen, sondern vor allem die Dauer der Arbeitslosigkeit. Mehr als die Hälfte der Arbeitslosen ist länger als ein Jahr ohne Arbeit, rund ein Drittel sogar länger als zwei Jahre. Die hohe Rate der Langzeitarbeitslosen ist eine Folge der sehr beschränkten Zirkulation der Arbeits­kräfte: wenige Arbeitnehmer werden be­schäftigt, aber auch relativ wenige ver­lassen ihren Arbeitsplatz. Die Langzeit­arbeitslosen sind typischerweise schlecht oder inadäquat ausgebildet, was ihre Be­schäftigungsfähigkeit verringert. Die Perspektive des Arbeitsmarktes Es ist sehr schwer abzuschätzen, wann die negativen Wirtschaftstrends und damit auch mit zeitlicher Verschiebung die Arbeitsmarktentwicklungen in Kroatien ins Positive umschlagen werden. Des Weiteren darf nicht vergessen werden, dass die nahe Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Entlas­sungen mit sich bringt: z.B. wegen der Verringerung der Subventionen für die kroatische Werftindustrie, weshalb im Falle einer nicht erfolgreich durchführ­baren Privatisierung einigen Werften der Konkurs droht. Außerdem gibt es noch immer Bereiche mit einem Überschuss an Beschäftigten, vor allem im öffent­lichen Sektor, weswegen auch eine wirtschaftliche Erholung kurzfristig noch keine höhere Beschäftigung mit sich bringen wird. Der kroatische Staat führt bereits Maßnahmen einer aktiven Arbeitsmarkt­politik durch z.B. Maßnahmen der Umqualifizierung und der zusätzlichen Ausbildung von Arbeitskräften bzw. die Subventionierung von Beschäftigung. Generell waren diese Maßnahmen relativ effektiv, jedoch waren sie unzurei­chend auf die Gruppen fokussiert, die am schwersten eine Beschäftigung finden. Außerdem ist der Umstand, dass die Subventionierung von Beschäftigung den größten Teil der Mittel verschlang, während Maßnahmen zur Erhöhung von Qualifikation, Wissen und Fertigkeiten der Arbeitslosen nicht genügend betont wurden, negativ zu bewerten. Es fehlt an der notwendigen Evaluierung der Effekte einzelner Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik. Die Gesamtbeschäftigung kann allerdings nicht nur durch Arbeitsmarkt­politik erhöht, sondern durch sie können die Arbeitsplätze nur umverteilt werden. Kroatien braucht eine bessere Synergie zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt, ebenso eine höhere Flexibilität des Arbeitsmarktes. Neue Arbeits­plätze können aber letztlich nur durch Wachstum und wirtschaftliche Entwick­lung geschaffen werden. Die jetzige kroatische Regierung zeigt jedoch keine Ambitionen, eine Entwicklungspolitik in diesem Sinne zu formulieren und durchzusetzen. Dr. Predrag Bejaković ist Wirtschaftswissenschaftler und Forscher am Institut für ö entliche Finanzen in Zagreb Bild 1: Die Arbeitslosenrate laut Angaben der nationalen Arbeitsämter und laut statistischer Erhebung % 20 18 16 14 12 10 8 6 4 2 0 Bulgarien Tschechische Kroatien Estland Republik Ungarn Quelle: Državni zavod za statistiku, Aktivno stanovništvo u Republici Hrvatskoj, Statističko izvješće, Nr. 1244, Zagreb, 2004. Litauen Lettland Polen Bulgarien Slowakei Slowenien registrierte Arbeitslosenrate Arbeitslosenrate laut statistischer Erhebung Bild 2: Zahl der registrierten Arbeitslosen in Kroatien 1989-2009 450.000 400.000 350.000 300.000 250.000 200.000 150.000 100.000 50.000 0 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 Quelle: Internet-Seite des Kroatisches Arbeitsamtes, http://www.hzz.hr/default.aspx?id=4114 Arbeitslosenzahl am Ende des Jahres Impressum BLICKPUNKT KROATIEN erscheint vierteljährlich in elektronischer Form. Gesamtverantwortlich: MIRKO HEMPEL, Leiter des Regionalbüros der FES für Kroatien und Slowenien Chefredakteur und Übersetzer ins Deutsche: Dr. NENAD ZAKOŠEK, Professor an der Fakultät der politischen Wissenschaften der Universität Zagreb und wissen­schaftlicher Berater des FES-Büros Zagreb Layout: VESNA IBRIŠIMOVIĆ Adresse: Friedrich-Ebert-Stiftung, Praška 8, HR- 10000 Zagreb, Kroatien Telefon: Fax: E-mail: Web: +385 1 4807970 +385 1 4807978 blickpunkt@fes.hr www.fes.hr Die publizierten Texte geben die Ansichten der Autoren wieder und müssen nicht mit den Auffassungen der FES übereinstimmen. © Copyright: Die Verwendung der Texte oder Auszüge aus ihnen ist nur mit der vorherigen Genehmigung des FES-Büros Zagreb erlaubt. Wenn Sie den Newsletter abonnieren möchten, schicken Sie bitte eine E-Mail an unsere Adresse. 4