FES BRIEFING Machtkampf unter den herrschenden Eliten geprägt. Das Regime veranstaltet regelmäßig nationale und lokale Wahlen, die bis vor Kurzem eine gewisse Konkurrenz unter den Kandidaten zuließen – wenngleich diese vorab von einem regimeeigenen Gremium, dem Wächterrat, geprüft und zugelassen wurden. In den großen Städten standen die Gewerkschaften in der Regel den gemäßigten und reformistischen Kräften nahe. Diese Zuordnung erfolgte weniger aufgrund wirtschaftspolitischer Programmunterschiede, sondern vielmehr aufgrund ideologischer Ausrichtungen und politischer Netzwerke. zeichnen. Vielmehr handelt es sich häufig um formalisierte Formen der betrieblichen Interessenvertretung und Kommunikation zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern. Darüber hinaus existieren einige kleinere, informelle Gewerkschaften unter Vertragsarbeitern der Öl- und Gasindustrie am Persischen Golf. Insgesamt jedoch verfügen die allermeisten Beschäftigten – insbesondere im Dienstleistungssektor, in der Landwirtschaft und in kleinen sowie mittelständischen Unternehmen – über keinerlei gewerkschaftliche Vertretung. Vor allem während des Ersten Golfkriegs in den 1980er-Jahren verbündeten sich viele Gewerkschafter mit der radikaleren, staatsnahen Fraktion, die sich in den 1990er-Jahren zu einer reformistischen Strömung wandelte. Diese politischen Bindungen bestehen bis heute in Grundzügen fort. Da die Reformisten jedoch zunehmend an den Rand der offiziellen Politik gedrängt wurden, haben auch die formellen Gewerkschaften ihre politische Rhetorik zurückgenommen und konzentrieren sich verstärkt auf eng gefasste sozial- und berufsbezogene Themen. Neben diesen reformistisch orientierten Arbeitsorganisationen existieren zahlreiche unabhängige gewerkschaftliche Initiativen. Aufgrund staatlicher Repression sind diese meist lokal begrenzt und von kurzer Dauer. Im Februar 2023 veröffentlichten 20 unabhängige Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen eine gemeinsame Charta grundlegender Forderungen in Solidarität mit der»Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung. Diese Charta umfasste Forderungen nach Arbeits- und Bürgerrechten, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, sexuellen Rechten (einschließlich LGBTQ+-Rechten), Demokratisierung und einer Normalisierung der Außenbeziehungen. Aufgrund ihres Engagements in dieser Bewegung waren Mitglieder der unterzeichnenden Organisationen in den folgenden Jahren verstärkter Repression ausgesetzt. Zahlreiche Aktivist_innen wurden festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt. Die kurdische Arbeiteraktivistin Sharifeh Mohammedi wurde Mitte 2023 verhaftet und später zum Tode verurteilt. Gewerkschaften sind fast ausschließlich im öffentlichen Sektor und in größeren privatwirtschaftlichen Unternehmen präsent, vor allem in der Industrie – wenn auch nicht ausschließlich. Beide Bereiche machen allerdings nur einen kleinen Teil des Arbeitsmarkts aus. Laut Daten der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO) liegt der Anteil der im öffentlichen Sektor Beschäftigten bei maximal 15 Prozent der Gesamtarbeitnehmerschaft – ein Wert, der unter dem Durchschnitt der MENA-Region liegt. Laut Angaben des Statistischen Zentrums des Iran entfallen gegenwärtig rund 23 Prozent der Beschäftigten im Industriesektor und 7 Prozent der Gesamtarbeiterschaft auf industrielle Betriebe mit zehn oder mehr Beschäftigten. Die gewerkschaftliche Organisationsdichte ist insgesamt gering. Zwar ist die Zahl der Betriebe mit irgendeiner Form von Vertretung zwischen 2010 und 2019 von 13 auf 26 Prozent gestiegen, die meisten dieser Einrichtungen lassen sich jedoch nicht als Gewerkschaften im klassischen Sinne beDie bedeutendste Dachorganisation im Iran ist das Haus der Arbeiter(Workers’ House). Es steht in enger Verbindung zum Arbeitsministerium und beansprucht die Vertretung von Industriearbeitern und Pensionären. Im öffentlichen Sektor vertritt das Haus der Arbeiter allerdings nur den kleinen Teil der Beschäftigten in Staatsunternehmen und einige kommunale sowie staatliche Vertragsarbeiter, deren Arbeitsverhältnisse unter das Arbeitsgesetz von 1990 fallen, nicht jedoch die regulären Beamten. Entsprechend spielte die Organisation eine zentrale Rolle bei der Unterstützung der jüngsten Proteste von Pensionären und war auch an den Streikwellen der 2010er-Jahre beteiligt. Politisch gilt das Haus der Arbeiter als reformorientiert und unterhält bislang relativ stabile Beziehungen zur Regierung Pezeshkian. Das Haus der Arbeiter ist eine große und vergleichsweise ressourcenstarke Organisation, deren innere Demokratie jedoch deutlich schwächer ausgeprägt ist als die vieler Berufsverbände. Die Führung besteht weitgehend aus den Revolutionären der frühen 1980er-Jahre. Viele der leitenden Mitglieder sind alternde Kriegsveteranen. Kurz nach Beginn der Amini-Proteste im September 2022 erklärte das Haus der Arbeiter öffentlich, sich nicht an politischen Angelegenheiten beteiligen zu wollen. Zwar gibt die Organisation ihre Mitgliederzahl mit rund zwei Millionen an, doch die aktive Mitgliedschaft – einschließlich der Pensionäre – dürfte landesweit nur einige Tausend betragen. Daneben existieren mehrere weitere relevante Dachorganisationen. Während das Haus der Arbeiter offiziell als politische Organisation registriert ist, sind diese anderen als legale Arbeitsorganisationen eingetragen. Die drei wichtigsten unter ihnen sind: 1. Hoher Koordinierungsrat der Islamischen Betriebsräte (HCC-IWC) 2. Hoher Koordinierungsrat der Berufsverbände der Arbeiter (HCC-WGA) 3. Oberstes Versammlungsforum der Arbeitervertreter (SA-Rep) Lediglich der HCC-IWC ist offiziell Mitglied im Obersten Arbeitsrat, dem wichtigsten tripartistischen Gremium des Landes für Beschäftigungs- und Einkommenspolitik. Die anderen Dachorganisationen werden jedoch häufig informell einbezogen – ebenso wie der Hohe Rat der Pensionäre, der die Rentnerorganisation des wichtigsten staatlichen Sozialversicherungsfonds, der Sozialversicherungsorganisation, bildet. 4
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2025
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