FES BRIEFING Gewerkschaftsbeiträgen sind kaum vorhanden, es scheint aber üblich, dass diese sowohl von Arbeitnehmern als auch von Arbeitgebern entrichtet werden. Wenigstens formal wählen die Beschäftigten ihre Vertreter selbst. Diese Wahlen, die von staatlichen Vertretern überwacht werden, sollen alle zwei bis drei Jahre stattfinden. Das höchste tripartite Gremium ist der Oberste Arbeitsrat. Er vereint jeweils neun Vertreter der Regierung, der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen und entscheidet über Gesetze und politische Maßnahmen. Besonders wichtig ist, dass der Rat jährlich über den Mindestlohn bestimmt. Die Arbeitnehmervertreter widersprechen dabei regelmäßig den Bestrebungen von Arbeitgebern und Regierung, den Mindestlohn unterhalb der Inflationsrate anzuheben. Die Arbeitnehmervertretung wird von den gewählten Führungsfiguren des Nationalen Rates der Islamischen Arbeitsräte übernommen. Viele der Mitglieder dieses Rates, der aus einer bestimmten Art betrieblicher Arbeitsorganisation stammt, stehen der Workers’ House nahe. Neben den oben genannten Beschränkungen für die Gründung von Gewerkschaften bestehen eindeutige gesetzliche Einschränkungen für das Streikrecht und das Recht auf Tarifverhandlungen. Beide sind zwar formal erlaubt, doch umfangreiche Schlichtungsverfahren und komplexe Antragsvorgaben machen ihre praktische Umsetzung nahezu unmöglich. Gleichzeitig duldet die Regierung Arbeitsniederlegungen informell und stellt sich bei Arbeitskämpfen oft auf die Seite der Arbeitnehmer gegen die Arbeitgeber. Juristische Konsequenzen für die Teilnahme an Streiks sind selten. Im Gegensatz dazu werden unabhängige und längerfristige Arbeitsorganisierungen, ebenso wie Proteste mit politischen Forderungen, systematisch unterdrückt. Menschenrechtsverletzungen zeigen sich besonders deutlich im großen informellen Sektor des Landes. Hinzu kommen zahlreiche Freihandels- und Sonderwirtschaftszonen, in denen das Arbeitsrecht deutlich flexibler und schwächer ausgestaltet ist. Arbeitnehmer in diesen Zonen sind besonders gefährdet. Ein besonderes Problem stellt der weitverbreitete Einsatz unregulierter Vertragsarbeit dar. Der Iran ist ein Gründungsmitglied der Internationalen Arbeitsorganisation(ILO). Das Land hat 6 von 10 fundamentalen ILO-Konventionen ratifiziert. Nicht ratifiziert wurden unter anderem: – C087 über Vereinigungsfreiheit, – C098 über das Vereinigungsrecht und das Recht auf Kollektivverhandlungen, – C138 über das Mindestarbeitsalter sowie – C187 über den Arbeitsschutz. Viele ILO-Konventionen, insbesondere jene gegen Kinderarbeit, werden regelmäßig verletzt. Die Ursachen hierfür liegen weniger in fehlender Verwaltungskapazität – die Zahl der Arbeitsinspektoren liegt deutlich über den von der ILO empfohlenen Mindestwerten –, sondern vor allem inArmut und dem großen informellen Sektor. GEWERKSCHAFTEN UND IHRE KERNAUFGABEN Es gibt zahlreiche formelle und informelle Institutionen für Tarifverhandlungen sowohl auf lokaler als auch auf nationaler Ebene. Viele dieser Institutionen sind informell und nicht ausschließlich auf Arbeitnehmerinteressen ausgerichtet. Auf lokaler Ebene verhandeln Arbeitnehmer häufig mithilfe von Protesten und Streiks mit den Behörden. Dabei werden verschiedene staatliche Akteure involviert, darunter Polizei, Geistliche, kommunale Behörden, Provinzgouverneure, lokale Sicherheitsapparate sowie regionale Filialen der Sozialversicherungsorganisation und der staatlichen Ministerien. Auf nationaler Ebene existieren mehrere formelle Gremien, insbesondere innerhalb der Ministerien. Die wichtigste tripartite Plattform für beschäftigungs- und arbeitsrechtliche Fragen ist der Oberste Arbeitsrat. Hier finden Verhandlungen üblicherweise von Januar bis April rund um das persische Neujahr statt. Im Zentrum steht dabei die Festlegung des Mindestlohns, aber auch breitere Fragen des Arbeitsrechts und der Gesetzesumsetzung werden behandelt. In der jüngsten Phase wirtschaftlicher Austerität haben Gewerkschaften eine wichtige Rolle dabei gespielt, Widerstand gegen Regierungsreformen zu organisieren und schlechtere Tarifabschlüsse zu verhindern. Obwohl ihr institutioneller Einfluss begrenzt ist, leisten Gewerkschaften einen wesentlichen Beitrag zum Schutz von Haushaltsbudgets und Sozialleistungen. Dies gelingt vor allem über ihre Beteiligung an der Sozialversicherungsorganisation, sowie an großen Ministerien wie dem Gesundheitsministerium, dem Bildungsministerium und dem Ministerium für Arbeit und Soziales. Nicht zuletzt nehmen sie Einfluss auf Arbeitsmarktund Einkommenspolitik durch ihre Rolle im Obersten Arbeitsrat, der auch unabhängig vom iranischen Parlament agieren kann. Das iranische Arbeitsrecht institutionalisiert Tarifverhandlungen im öffentlichen und privaten Sektor. Das Arbeitsgesetz von 1990 enthält detaillierte Bestimmungen zu Tarifverhandlungen und Arbeitnehmervertretungen in staatlichen und privaten Betrieben. Beamtenrechte, die sektoral unterschiedlich ausgestaltet sind, regeln darüber hinaus zahlreiche Tarifbestimmungen zwischen Staat und Beschäftigten, insbesondere im Gesundheits-, Bildungs- sowie Öl- und Gassektor. Gleichzeitig erfolgen viele Verhandlungen ohne eine angemessene gewerkschaftliche Struktur. Offizielle Angaben zu gewerkschaftlicher Organisation veröffentlicht die Regierung nicht. Laut Daten des Arbeitsministeriums von 2020 verfügten etwa 8.000 Betriebe über irgendeine Form von Arbeitnehmervertretung, wobei 76 Prozent davon nur einen einzelnen Arbeitnehmervertreter hatten – was keine gewerkschaftliche Organisation im eigentlichen Sinne darstellt. Die Gewerkschaften versäumen es seit Jahren, die Interessen von prekär Beschäftigten, informellen Arbeitern, Frauen und jungen Arbeitnehmern wirksam zu vertreten. Diese Gruppen, die häufig schlecht organisiert und wenig über ih6
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2025
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