FES BRIEFING Tätigkeiten und Beschäftigungsfelder grundsätzlich abdecken. Um sie ins Leben zu rufen oder abzuändern, wird ein Antrag bei der Fair Work Commission gestellt. Die fraglichen Standards und Vorgaben für die Arbeitsbedingungen werden dann auf Grundlage entsprechender Eingaben der Arbeitgeber, der Gewerkschaften, Rechtsexperten und anderer interessierter Stellen abgewogen und durch die FWC entschieden. Die weit überwiegende Mehrzahl australischer Arbeitnehmer_innen hat Arbeitsverträge, die auf dem Award-System fußen. Die FWC hat aber auch die Aufgabe, sogenannte Enterprise Agreements, also unternehmensbezogene Tarifverträge, die zwischen Gewerkschaften und Unternehmen verhandelt werden, zu prüfen und zu billigen. Rund 2,8 Millionen Arbeitnehmer_innen, d. h. rund ein Fünftel der Arbeitnehmer_innenschaft, sind von solchen echten Tarifverträgen erfasst; noch 2022 waren es nur 1,8 Millionen. Dieser sehr signifikante Anstieg der letzten Jahre ist den Reformen der Labor-Regierung in Albaneses erstem Regierungsjahr zu verdanken. Nach dem Wahlsieg 2022 hatte Labor eine ganze Reihe Verbesserungen im Arbeits- und Tarifrecht und beim Mindestlohn durchsetzen können. Mit dem Secure Jobs, Better Pay Act und dem Closing Loopholes Act ist es gelungen, dass deutlich mehr Beschäftigte als bisher unter mit Gewerkschaftsbeteiligung verhandelte tarifvertragliche Regelungen fallen, wie zum Beispiel im Bereich der Kinderbetreuung und am Bau, also Bereichen, die von zahlreichen kleinen Unternehmen dominiert werden, die sich solchen Abmachungen zuvor leichter entziehen konnten. Hier greifen seit 2023 sogenannte Multi-Employer Agreements, und allein durch dieses Instrument kamen in den letzten zweieinhalb Jahren 200.000 zusätzliche Beschäftigte in den Genuss besserer Arbeits- und Lohnbedingungen. Labor-Regierung und Gewerkschaften können geltend machen, dass dies für die Arbeitnehmer_innen auch zu signifikant höheren Lohnzuwächsen im Vergleich zu Beschäftigten im Award-System führt. Oder, um es mit der Generalsekretärin des Gewerkschaftsbunds ACTU, Sally McManus zu sagen:„ Wenn die Gewerkschaft verhandelt, springen 4,2 % Lohnerhöhung raus, ohne Gewerkschaft sind es nur 3 %(…) Es gab nie eine bessere Zeit, um der Gewerkschaft beizutreten.“ wieder gelangen australischen Arbeiter_innen in diesen frühen Jahren echte Durchbrüche, wie zum Beispiel der weltweit erste gesetzliche Mindestlohn im Bundesstaat Victoria(1896), eine erste Entscheidung durch das Arbeitsschiedsgericht zu gleichem Lohn für gleiche Arbeit(1902), und die Koppelung von Lohnzuwächsen an die Inflation(1921). 1927 wurde der Australian Council of Trade Unions(ACTU) als Dachorganisation gegründet. Wichtige Erfolge der Nachkriegsjahre waren die Einführung der 40-Stunden-Woche (1948) oder feste Vorgaben für bezahlten Urlaub(1963; 1970). Auch die umfassende gesetzliche Krankenversicherung(seit 1975 als Medibank, ab 1984 als Medicare) geht maßgeblich auf gewerkschaftlichen Druck zurück, ebenso wie der sukzessive Ausbau der steuerbegünstigten Pflichtbeiträge in die (private) Rentenversicherung – im heutigen System ab 1992 als sogenannte Superannuation Guarantee(das australische Rentensystem sieht die Pflichteinzahlung eines Betrags in Höhe von – seit Juli 2025 – zwölf Prozent des Bruttoarbeitslohns durch den Arbeitgeber in einen vom Arbeitnehmenden bestimmten privaten Rentenfonds vor. Mit einem Gesamtwert von 4,2 Billionen(!) AUD(2,35 Billionen Euro – Ende 2024) gehören die kumulierten australischen Einlagen zu den größten Altersversorgungsrücklagen der Welt). Ambivalent ist die historische Rolle der australischen Gewerkschaftsbewegung mit Blick auf die Gleichbehandlung indigener Arbeiter_innen im Land. Die grundsätzliche gesellschaftliche Diskriminierung der indigenen Bevölkerung(Wahlrecht erst 1962) spiegelte sich auch im Umgang der Gewerkschaften mit den Rechten der Betroffenen wider. Bedeutsame Fortschritte gab es ab den späten sechziger und frühen siebziger Jahren in den Auseinandersetzungen über gleichen Lohn für indigene Farmarbeiter_innen im Northern Territory, die nach anfänglichem Zögern auch zunehmende Solidarität der Gewerkschaften erfuhren. Im internationalen Kontext, und spezifisch im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika, spielte der ACTU in den siebziger Jahren dann eine äußerst positive Rolle. GEWERKSCHAFTSLANDSCHAFT GEWERKSCHAFTEN IN AUSTRALIEN HISTORISCHE ASPEKTE Die frühen Anfänge kollektiver Bemühungen um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen reichen bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts zurück. 1854 kam es im Kontext des australischen Goldrauschs zu organisierten Protesten unter Bergarbeitern, die aber gewaltsam aufgelöst wurden. Später im selben Jahr gelang dann einer Vereinigung der Steinmetze die Durchsetzung des Achtstundentags durch organisierten Protest und Arbeitsniederlegungen. Dieser Erfolg wurde zur Keimzelle einer breiteren Bewegung zur Organisation der Arbeiterschaft in Australien, und ab den 1880er Jahren gab es zahlreiche gewerkschaftliche Zusammenschlüsse, auch von Frauen, wie die 1882 gegründete Gewerkschaft der Schneiderinnen( Tailoresses Union). Aus diesen Arbeiterorganisationen ging dann 1891 auch die Australian Labor Party hervor. Immer Die australische Gewerkschaftslandschaft ist recht zersplittert; dazu kommt der stark ausgeprägte Föderalismus: Historisch gewachsene Verbandsstrukturen in den Bundesstaaten(und damit gelegentlich einhergehende Rivalitäten) tragen ebenso zu einer gewissen Unübersichtlichkeit bei wie die Konkurrenz mehrerer Verbände um die Vertretung von Beschäftigten im selben Sektor. Dennoch: alle bedeutenden Gewerkschaften sind Mitglieder im Australian Council of Trade Unions(ACTU), der zurzeit 38 Mitgliedsgewerkschaften umfasst und damit rund zwei Millionen Arbeitnehmer_innen im Land repräsentiert. Geführt wird der ACTU von Präsidentin Michele O’Neil (2018) und Generalsekretärin Sally McManus(2017); letztere ist die erste Frau in dieser Rolle. Der alle drei Jahre abgehaltene ACTU Congress mit rd. 800 Delegierten entscheidet über die Programmatik der Organisation. Der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeitnehmer_innenschaft in Australien lag in seiner Hochzeit in den 4
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