Druckschrift 
Industriepolitik braucht Strategiefähigkeit - vor welchen Herausforderungen steht Baden-Württemberg?
Einzelbild herunterladen
 

produzieren? Gleiches gilt für die Produktion medizinischer Güter und Medizin oder auch die physischen und digitalen Innovationen rund um Künstliche Intelligenz. Da künftig Volkswirtschaften auf KI als Schlüsseltechnologie angewie­sen sein werden, ist eine zu große Abhängigkeit von Chips, Rechen- oder Dateninfrastrukturen oder generativen KI­Modellen problematisch, auch unter dem Gesichtspunkt anderer Regulierungen für Datenschutz bei und Vertrau­enswürdigkeit von KI in den USA und China(Pajot 2025). Allerdings ist für die ausgewählten Resilienzbereiche zu überlegen, wie deren Aufbau und Förderung ordnungspoli­tisch zu realisieren ist. Denn zunächst einmal werden be­troffene Firmen und Industrien versuchen, sich als Resili­enzbereich so groß und wichtig wie möglich zu definieren. Jedoch können Resilienzbereiche einerseits auch durch Partnerschaften mit zuverlässigen und wohlgesonnenen in­ternationalen Partnern erschlossen werden. Zum anderen kann es auch ausreichen, nur in bestimmtem Maß unab­hängig zu werden, weil eine vollständige Entkopplung we­der finanzierbar noch geopolitisch wünschenswert ist. Aus Sicht der Länder und Regionen ergeben sich aus Resi­lienz als weiteres industriepolitisches Begründungsmuster neue Chancen, um bestehende Industrien zu sichern oder neue anzusiedeln, sodass ein nationaler oder europäischer Resilienzbereich zum neuen Zukunftsbereich einer Region werden kann. Baden-Württemberg: Starke Industrien, aber unter großem Druck Aus horizontaler Perspektive zeichnet sich Baden-Würt­temberg durch eine besonders starke Industriestruktur aus, die auf einer Kombination aus regionaler Koordination von forschungsintensiven Unternehmen und gezielter Bildungs­und Innovationspolitik basiert. Eine zentrale Stärke ist die Konzentration großer forschungsorientierter Unternehmen, die durch strategische Investitionen in Smart Manufactu­ring und Industrie 4.0 entscheidend zur Wettbewerbsfähig ­keit beitragen. Die Region verzeichnet mit 83,5% den höchsten Anteil privatwirtschaftlicher F&E-Ausgaben bun­desweit, was auf die starke Innovationsorientierung der In­dustrie verweist(Mitsch et al. 2024: 1011). Klein- und Mittelunternehmen(KMU) in Baden-Württem­berg beschäftigen den höchsten Anteil an F&E-Personal in ganz Deutschland(19,4%), was ihre Einbindung in wis ­sensintensive Tätigkeiten unterstreicht. Zwischen 2017 und 2019 wuchs die Zahl der F&E-Beschäftigten in KMU um 19% ein weiteres Indiz für die breite Innovationsbasis. Der starke regionale Patentoutput, insbesondere durch we­nige, hochinnovative Unternehmen, reflektiert diese F&Intensität(Mitsch et al. 2024: 10–12). Diese Unternehmen agieren meist global in hochspeziali­sierten Nischenmärkten und tragen erheblich zur Export­stärke und technologischen Tiefe des Standorts bei. Ihre Kombination aus langfristiger Orientierung, hoher techno­logischer Kompetenz und regionaler Verankerung macht sie zu einem stabilisierenden Element der Industriestruktur (Mitsch et al. 2024: 10–12). Die Industrie des Landes ist zudem tief in ein regionales Koordinationssystem eingebettet, etwa durch das Modell regionaler Wachstumskonstellationen , das Firmen, Lan­desregierung und Sozialpartner zusammenbringt. Initiati­ven wie derStrategiedialog Automobilwirtschaft fördern sektorübergreifende Kooperationen, die regionalen Struk­turwandel unterstützen(Mitsch et al. 2024: 22–27). Auch die Bildungsinfrastruktur ist industrieorientiert: Die in Baden-Württemberg gegründeten Dualen Hochschulen stellen eine Pipeline für hochqualifizierte Fachkräfte dar und wurden aktiv durch Unternehmen wie Daimler mitent­wickelt(Mitsch et al. 2024: 19–21). Allerdings wird auch Baden-Württemberg der demographische Wandel und die damit verbundene Verringerung des Arbeitskräftepoten­zials betreffen, sodass Arbeitskosten steigen können bzw. der Innovations- und Automatisierungsdruck steigt(Greve 2024). Diese vielen industriepolitischen Stärken stehen jedoch auf einem technologisch herausgeforderten Fundament. Aus vertikaler Sicht ist die Industriestruktur aus Baden-Würt­temberg an vielen Stellen von transformativem und geopo­litischem Druck betroffen. Zur Illustration sollen die meist­beschäftigenden und umsatzstärksten Sektoren Baden­Württembergs kurz betrachtet werden, obwohl dabei verloren geht, dass kleinere Sektoren eine sehr wichtige Rolle für Wertschöpfungsketten(zum Beispiel der Chemie­industrie zur regionalnahen Herstellung bzw. Verarbeitung notwendiger Grundstoffe für andere Industrien) spielen und deswegen ebenso industrielle Kernbereiche darstellen. Die folgenden Sektoren sind im Jahr 2024 in Baden-Würt ­temberg die beschäftigungs- und umsatzstärksten im pro­duzierenden Gewerbe. 2 Der Maschinenbau liegt bei einem Beschäftigtenanteil von 21,1% und einem Umsatzanteil von 18,1% des produzierenden Gewerbes. Demgegenüber hat die Autoindustrie Baden-Württembergs(Herstellung von Kraftwagen und Kraftwagenteilen) einen Beschäftigtenan­teil von 16,7%, aber einen Umsatzanteil von 31,9%. Dahin ­ter folgen noch die Herstellung von Metallerzeugnissen (11,4% der Beschäftigung, 6,7% des Umsatzes) 3 , von elekt­rischen Ausrüstungen(8,2% der Beschäftigung, 6,1% des Umsatzes) und von Datenverarbeitungsgeräten, elektroni­schen und optischen Erzeugnissen(6,7% der Beschäfti ­gung, 6,9% des Umsatzes). Im Folgenden werden exemplarisch für die vier wichtigsten Bereiche der Industrie Baden-Württembergs spezifische transformative Herausforderungen aufgezeigt. Blickwinkel BaWü Industriepolitik braucht Strategiefähigkeit 4