Druckschrift 
Industriepolitik braucht Strategiefähigkeit - vor welchen Herausforderungen steht Baden-Württemberg?
Einzelbild herunterladen
 

Geopolitische Fragen stellen sich in diesen Kernbereichen der Industrie Baden-Württembergs nicht nur beim Export und dem Erschließen von Märkten, sondern auch beim Im­port zum Beispiel von seltenen Erden oder kritischen Zwi­schengütern. Bei Vorprodukten wie Magneten, Hochleis­tungskeramiken und Phosphoren werden industrielle Stär­ken in Europa durch starke Abhängigkeiten von den USA oder China herausgefordert. Strategische Resilienz der In­dustrie muss daher über die Frage des Zugangs zu Res­sourcen hinausgehen und spezifische Abhängigkeiten von Firmen und Regionen in Wertschöpfungsketten sowie bei der Herstellung kritischer Vorprodukte adressieren(Klimek et al. 2025). Die Energie spielt in vielen Wirtschaftsbereichen Baden­Württembergs eine zentrale Rolle, um Wettbewerbsfähig­keit bei den Kosten herzustellen, aber auch die Transforma­tion zum Beispiel mittels Wasserstoffs in der Stahl- oder Grundstoffchemie voranzutreiben(Neuwirth et al. 2022). Gleichzeitig ist der Zugang zu Energie in Baden-Württem­berg abhängig vom Import und von funktionierenden Ener­gienetzen, um Strom aus dem Norden in den Süden Deutschlands zu transportieren. Um die Kosten des Netz­ausbaus handhabbar zu halten, empfiehlt es sich, im Land Wind- und Solarenergie gleichmäßiger auszubauen sowie insbesondere die Windkraft dabei zu stärken(Koch et al. 2025; Fluri et al. 2024). Inwiefern Gaskraftwerke für den Übergang als Alternative sinnvoll sein können, ist ein Thema, mit dem sich die aktuelle Bundesregierung beschäftigt und das ebenfalls für Baden-Württemberg wichtig ist. Allerdings sollten auch die damit verbundenen Risiken diskutiert werden zum Beispiel neue Abhängig­keiten von Gas-Importen aus dem Ausland und ein Brem­sen der Transformation im Strom- oder Wasserstoffbereich, die auch Innovation und Wettbewerbsfähigkeit bei grünen Technologien schwächen kann. Langfristig ist der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Umstellung hin zu einem flexibleren und klimaneutralen Energiesystem sowie der Ausbau der Produktion und Infrastruktur für Wasserstoff wichtig, um geopolitische Resilienz, Innovationsfähigkeit und die Transformationsziele zu erreichen(Fluri et al. 2024; Holst et al. 2025; Steinbach et al. 2024). Inwiefern dafür Industriestrompreise für bestimmte Industrien notwendig sind und wie die Kosten verteilt werden, muss dabei ebenso diskutiert werden. Denn auch andere Länder wie Frankreich mit der Atomkraft subventionieren Strompreise. Hier zeigt sich, dass das Land Baden-Württemberg nicht nur eine Industriestrategie für die eigenen Instrumente braucht, sondern auch um im Bund für seine Interessen im Kontext von Geopolitik und Transformation zukunftsgerich­tet einzustehen. Darüber hinaus gilt es zu prüfen, welche neuen Zukunfts­bereiche Baden-Württemberg identifiziert und inwiefern es sich bei den künftigen Resilienzbereichen von Deutsch­land und Europa engagieren möchte. Mit Projekten wie Cyber Valley und dem Innovationspark Künstliche Intelli­genz(IPAI) hat das Land bereits gezielt neue Innovations­ökosysteme im Bereich KI aufgebaut, um die bestehende industrielle Stärke mit Zukunftstechnologien zu verbinden (Mitsch et al. 2024: 24–25). Inwiefern daraus Beiträge für einen Eurostack 8 oder eine internationale Strategie zur grö­ßeren Unabhängigkeit Europas von US-amerikanischen KI­Modellen entstehen, bleibt abzuwarten, könnte aber ein wichtiger Beitrag werden, für den sich Baden-Württemberg im Bund und in Europa stärker engagieren kann. Ebenso kann durch die Verwendung der Produktionsdaten deut­scher Industriesektoren die Anwendung von KI derart per­fektioniert werden, dass die deutsche Industrie nicht nur wettbewerbsfähiger wird, sondern gleichzeitig KI-basierte Industrieproduktionsprozesse exportieren kann. 9 Mit Bezug zu möglichen Arbeitsplatzverlusten oder Kapazitätsrückgängen in einzelnen Teilen des Maschinen­baus oder der Automobilindustrie stellt sich die Frage, ob möglicherweise der Verteidigungsbereich als Sektor auf­nahmefähig ist. Denn der Verteidigungssektor wird durch die neuen Weichenstellungen von Bund und NATO stark wachsen. Zugleich kann es jedoch sein, dass Arbeitneh­mer_innen nicht ohne Weiteres in die Verteidigungsindust­rie wechseln möchten und die Ähnlichkeit von Produktions­prozessen nicht oder nur bedingt gegeben ist. In diesem Kontext fehlt allgemein sowohl im Bund als auch in Europa eine bessere Übersicht über Produktionsstrukturen sowie Bedarfe und wie sowohl Dual-Use-Innovationen(z. B. Drohnen) ebenso wie Ähnlichkeiten bei Produktionsschrit­ten zu einer besseren Integration zwischen der Verteidi­gungsindustrie und anderen Industrien möglich ist. Notwendige Governance-Strukturen zum Gelingen von Industriepolitik Governance-Strukturen für eine gelingende Industriepolitik sollten schlank sein und nicht den Fehler machen, das Silo­Denken von Ministerien oder Abteilungen durch einzelne Aktivitäten zu fördern. Vielmehr gilt es, alle relevanten politischen Akteure (Ministerien, Parteien, Unternehmens­verbände, Gewerkschaften, Zivilgesellschaft, Wissenschaft) in einem ganzheitlichen Prozess ressortübergreifend zu ver­sammeln. Allerdings muss beim Aufsetzen eines Prozesses bedacht werden, dass diese auf bestehenden Aktivitäten aufbauen und abhängig von bereits existierenden Strate­gien, Instrumenten und Strukturen von Industriepolitik sind. In Baden-Württemberg datiert die letzte Industrie­strategie der Landesregierung aus dem Jahr 2015(Indust ­rieperspektive Baden-Württemberg 2025) 10 , obgleich sich seitdem viel geändert hat. Es gibt zwar sektorspezifische Strategien zur nachhaltigen Bioökonomie 11 (2019 und 2024 weiterentwickelt) oder zur Ressourceneffizienz 12 Innovati­ons- und Zukunftsagenda 13 (2024) strategische Ansätze. Diese fokussieren sich jedoch auf spezifische Bereiche oder eben auf Zukunftstechnologien, mit denen zwar eine inno­vationspolitische, aber keine industriepolitische Strategie verfolgt werden kann. Denn allein die Förderung von Inno­vationen beantwortet nicht die Fragen, die sich in Bezug auf den Aufbau neuer, die Weiterentwicklung bestehender oder den möglichen Rückbau von Industrien stellen. Blickwinkel BaWü Industriepolitik braucht Strategiefähigkeit 6