Außerdem wächst die Asymmetrie zwischen Mitarbeiter:in nen und Arbeitgebern/Unternehmenseignern – oder zwi schen Kapital und Arbeit –, wenn die kollektive Gegen macht fehlt. Je loser oder punktueller die Kopplung zwi schen Betriebsräten und Gewerkschaften ist, desto eher sind Betriebsräte von den komplexen betrieblichen Prob lemlagen überfordert und geraten in eine nur noch verteidi gende Rolle. Aktuelle betriebliche Herausforderungen Drei Beispiele aus der Beratungstätigkeit des IMU Instituts zeigen die hohen Anforderungen und die Komplexität der aktuellen Betriebsratsarbeit auf. KI-Einsatz in Betrieben: Aus dem Einsatz von KI erwarten Unternehmen Effizienzsteigerungen, Kostensenkungen, Umsatzsteigerungen. Als prominentes Beispiel investiert Mercedes-Benz in Lizenzen für 90.000 Büroarbeitsplätze und verspricht sich davon„spürbare Effizienzgewinne: Beschäftigte sollen mehr Zeit für analytische, kreative und strategische Aufgaben gewinnen“(zitiert nach Stuttgarter Zeitung vom 19.02.2026). Bei Lizenzkosten von vermutlich um 30 Euro im Monat je User sind das Millionenkosten im Jahr. Gleichzeitig ist in vielen Unternehmen wenig Wissen dazu vorhanden, wie KI erfolgreich eingesetzt werden kann. Insofern ist fraglich, ob die Ausstattung von Büroar beitsplätzen mit KI-Lizenzen schon reicht, um tatsächlich höhere Effizienz und – im Sinne der Beschäftigten – gleich zeitig Arbeitserleichterungen für die Mitarbeiter:innen zu erreichen. Bisherige Erfahrungen mit Digitalisierungspro jekten zeigen, dass Software zu oft ohne Anpassungen der Arbeitsorganisation eingeführt wird, und das führt bei einem Nebeneinander verschiedener Software eher zu Inef fizienzen und höheren Belastungen. Betriebsräte können bestehende Mitbestimmungsrechte nutzen und sich hier für KI-Schulungen einsetzen, zudem haben sie einen besse ren Zugang zum Expertenwissen der Beschäftigten als die IT oder Projektleitungen. Insofern könnten Betriebsräte – qualifiziert und als gestaltende Betriebspartei anerkannt – viel zu einer guten KI-Nutzung beitragen und damit Chan cen durch Digitalisierung und KI für den Industriestandort Baden-Württemberg besser nutzen. Local Content: Derzeit wird auf verschiedenen Ebenen über europäische Local-Content-Regelungen diskutiert, um bei Produkten wie beispielsweise Elektrofahrzeugen zumin dest anteilige Produktionsumfänge abzusichern. Doch Betriebsräte erleben betriebliche Diskussionen um Local Content derzeit ganz anders: Mit dem Verweis auf entspre chende Regelungen werden an baden-württembergischen Standorten Produktions- sowie Forschungs- und Entwick lungsverlagerungen nach China und in die USA begründet. Daraus resultiert hier ein Produktions- und Beschäftigungs abbau, der mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wieder rück gängig gemacht wird. Die derzeitigen Handelsrisiken bezie hungsweise Einschränkungen eines freien Welthandels haben damit unmittelbaren Einfluss auf Produktionsstand orte. Erfolgreiche Konzernstrategien sichern eben nicht zwingend Wertschöpfung und Beschäftigung an den baden-württembergischen Standorten. Hier sind Betriebs räte wichtige Verbündete beim Erhalt von Industriestandor ten, denn zu ihren zentralen Aufgaben aus dem Betriebs verfassungsgesetz gehört die Sicherung und Förderung der Beschäftigung(§ 80 Abs. 1 Nr. 8 BetrVG). So handeln sie beispielsweise Beschäftigungssicherungen in Verbindung mit Zukunftsprojekten und Investitionen in verbesserte Pro zesse und neue Produkte aus. Arbeitszeit: Insbesondere bei Automobilzulieferern ist in den letzten ein, zwei Jahren der Umsatz merklich zurückge gangen. Sie spüren die zunehmende Konkurrenz chinesi scher Hersteller, einen verzögerten Hochlauf der Elektromo bilität und die Kaufzurückhaltung. Gleichzeitig stehen sie unter hohem Kostendruck, dazu tragen beispielsweise hohe Energiepreise, aber auch harte Preisverhandlungen mit den Automobilherstellern bei. Bei der Suche nach Sparpotenzial werden in vielen Betrieben die Personalkosten in den Vor dergrund gestellt. Hier gerät die Nachtschicht in den Blick, die aufgrund von Zulagen für Unternehmen die„teuerste Arbeitszeit“ ist. Aus Unternehmenssicht ist es zunächst plausibel, auf verringerte Aufträge mit einer Verringerung der Arbeitszeit zu reagieren und hier als Erstes die Nacht schicht zu streichen. Auch aus der Perspektive des Arbeitsund Gesundheitsschutzes ist das absolut zu begrüßen. Jedoch unterbleibt in der Diskussion um diese„kostengüns tigeren Arbeitszeiten“ oft die Suche nach weiteren Einspar potenzialen im Betrieb, sodass die Unternehmen die Chan ce auf reale Optimierung verpassen. Vielmehr treten sie in einen Kostenwettbewerb ein, der für baden-württembergi sche Standorte in einer globalen Konkurrenz schlichtweg nicht zu gewinnen ist. Belastet werden dadurch einseitig die Arbeitnehmer:innen, für die der Wegfall von Nachtschicht zulagen einen erheblichen Entgeltverlust bedeuten kann. Bei Arbeitszeitregelungen sind Betriebsräte mitbestim mungspflichtig. Ihr Einfluss hier trägt wesentlich dazu bei, dass bei Neuregelungen der Arbeitszeit funktionierende Arbeitsabläufe gewahrt bleiben, dass finanzielle Belastun gen nicht nur einseitig Beschäftigte treffen und dass umfas send nach Optimierungs- und Kostensenkungspotenzialen gesucht wird. So können sie beispielsweise über betriebliche Arbeitszeitkonten eine flexiblere Verteilung der Arbeitszeit bei wechselnder Auslastung initiieren und ermöglichen oder Entgelteinbußen der Beschäftigten an Investitionszusagen und Qualifizierungen koppeln. Diese drei Beispiele zeigen, wie die derzeitigen Wirtschafts risiken die Betriebsratsarbeit prägen und wie komplex die betrieblichen Fragestellungen sind. Statt in einer Gestal tungsrolle befinden sich derzeit viele Betriebsräte der Auto mobilindustrie und des Maschinenbaus in einer Abwehrpo sition, die ihren Rückhalt bei den Beschäftigten gefährdet beziehungsweise die die Beschäftigten gerne optimistische ren Positionen verführt. Das kann zu einer Fragmentierung der Interessenvertretung führen, die – und hier schließt sich ein Kreis – in wechselseitiger Beziehung mit der Fragmen tierung der deutschen Parteienlandschaft steht. Blickwinkel BaWü – Betriebsratswahlen 2026 3
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Wirtschaftliche Herausforderungen und betriebliche Demokratie : Betriebsratswahlen 2026
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