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Wirtschaftliche Herausforderungen und betriebliche Demokratie : Betriebsratswahlen 2026
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Betriebsratswahlen als Spiegel gesellschaft­licher Entwicklungen In den vergangenen etwa zehn Jahren hat sich das deut ­sche Parteiensystem durch die Neugründungen von Partei ­en und deren Parlamentseintritte stark gewandelt. Die gro ­ßenVolksparteien wie CDU/CSU und SPD verloren konti ­nuierlich Stimmanteile und Bindungskraft, während neue oder kleinere Parteien an Bedeutung gewannen. Dies führte dazu, dass deutlich mehr Parteien im Bundestag und den Landesparlamenten vertreten sind als noch vor einigen Jahrzehnten, aktuell im Bundestag fünf und im baden­württembergischen Landesparlament seit der Wahl am 8. März vier Parteien. Eine ehemals stabileZweiparteien ­dominanz ist beendet, das Parteiensystem hat sich zu einem pluralistischen System mit vielen mittelgroßen bis kleinen Parteien gewandelt. Die Wahlergebnisse der letzten Jahre führten dazu, dass die politischen Ränder gestärkt wurden, während die Mitte-Parteien(Union, SPD, FDP, Grü ­ne) zusammen einen deutlich geringeren Anteil der Wähler ­schaft binden als früher. Im baden-württembergischen Landtag erhielten die Grünen 2011 eine Regierungsbeteili ­gung und wurden 2016 sogar stimmenstärkste Partei, seit 2016 ist auch die AfD vertreten. Die Vielfalt der Fraktionen spiegelt zwar unterschiedliche Interessenlagen wider, birgt aber die Gefahr häufigerer Koalitionswechsel, komplexerer Regierungsbildungen und zunehmender Polarisierung im Parlament. Diese Zersplitterung einschließlich des Aus ­schlusses der AfD als Koalitionspartner erschwert Mehr ­heitsbildungen, eine Regierungsfähigkeit hängt oft an Drei ­erbündnissen oder erfordert unsichere Minderheitsregierun ­gen. Mit den Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 8. März 2026 hat sich das Bild nochmals deutlich geändert: Grüne und CDU erhielten jeweils ca. 30% der Stimmen und haben beide 56 Sitze im Landtag. Dieses knappe Ergebnis war in den letzten Tagen vor der Wahl absehbar und hat zu einer Konzentration vieler Stimmen auf die beiden Parteien geführt. Die AfD konnte ihr Wahlergebnis verdoppeln und erhielt 18 Prozent, wird damit voraussichtlich zur großen Oppositionspartei. Die SPD ist mit 5,5 Prozent mit Abstand kleinste Fraktion. Wie sich dies in der Arbeit der künftigen Regierung widerspiegelt, werden die nächsten fünf Jahre zeigen. In den letzten Betriebsratswahlen spiegelte sich eine zunehmende Differenzierung der Interessengruppen wider. Diese werden häufiger von dem Antritt mehrerer Listen (siehe Kasten) geprägt(IG Metall Berlin-Brandenburg-Sach ­sen, 2026). 2018 betrug der Anteil der Betriebe mit Listen ­wahl etwa 30%, 2010 lag er noch bei etwa 25%(Kester ­mann et al., 2018; Stettes, 2011; Greifenstein et al., 2017). Betriebsratswahlen sind an sich Personenwahlen abge ­stimmt wird über eine Aufstellung von einzelnen Kandi ­datinnen und Kandidaten, das neue Betriebsratsgremium setzt sich dann aus denjenigen zusammen, die die höchs­ten Stimmenanteile erhalten haben.(Die Größe des Betriebsratsgremiums ist in Abhängigkeit von der Zahl der wahlberechtigten Beschäftigten im Betriebsverfas­sungsgesetz festgelegt.) Die Kandidat:innen können sich jedoch auch vorab zu verschiedenen Listen zusammen­schließen, um unterschiedliche inhaltliche Ausrichtungen bzw. Zugehörigkeiten stärker zu verdeutlichen. Die Häu ­figkeit für dieseListenwahl nimmt gleichgerichtet zur gesellschaftlichen Pluralisierung und der Fragmentierung der Parteienlandschaft zu. Die Häufigkeit der Listenwahl steigt mit der Größe der Unternehmen. In Baden-Württemberg sticht hier dasZentrum(früher Zentrum Automobil) als AfD-nahe Gruppe hervor, deren Vorstandsmitglieder der extrem rechten Szene angehören. Sie gründete sich bereits im Vorfeld der Betriebsratswahlen 2010 im Stuttgarter Daimler-Werk als alternative Interes ­senvertretung für Mitarbeiter:innen der Automobilindustrie. Mitglieder des Zentrums sind mittlerweile an mehreren Automobilstandorten aktiv und auch in Betriebsratsgremi ­en mehrerer Automobilstandorte vertreten(Schroeder, Greef et al., 2019). Auch zu den diesjährigen Betriebsrats ­wahlen tritt das Zentrum an fünf Standorten deutscher Automobilhersteller an(bei Mercedes in Untertürkheim, Sindelfingen und Rastatt, bei Audi in Ingolstadt und bei Volkswagen in Braunschweig; Schiermeyer, 2026; von Lee ­sen, 2026). Trotz der starken medialen Öffentlichkeit des Zentrums treten sie in der konkreten Betriebsratsarbeit kaum in Erscheinung. Nach den Wahlen 2022 gehören nur rund 20 von mehreren Zehntausend Betriebsräten dem Zentrum an. Laut Kai Burmeister, Vorsitzender des DGB Baden-Württemberg, wählten bisher rund 20% der Gewerkschaftsmitglieder in der Landes- und Bundespolitik die AfD, dagegen sind die Vertreter:innen rechtspopulisti ­scher Positionen in Betriebsräten und in der konkreten Gestaltung der Arbeitsbedingungen erheblich seltener ver ­treten.Die Gewerkschaften halten in der konkreten betrieblichen Arbeit die Betriebe sauber, so Kai Burmeis ­ter. In der Vertretung der Beschäftigteninteressen vor Ort gelingt die demokratische Teilhabe. Betriebe und Betriebsräte als Element der Demokratie Gewählte Betriebsräte als demokratische Teilhabe von Arbeitnehmer:innen im Arbeitsleben bzw. in der Wirt ­schaftssphäre haben eine lange Geschichte. Bereits 1920 wurde mit dem Betriebsrätegesetz in der Weimarer Repub ­lik Beschäftigten das Recht gegeben, in ihren Unterneh ­men Betriebsräte zu wählen, die die Interessen der Beleg ­schaft gegenüber den Arbeitgebern vertraten. Nach der Aufhebung dieses Betriebsrätegesetzes im Nationalsozia ­Blickwinkel BaWü Betriebsratswahlen 2026 4