Thesen für eine langfristige Strategie Die vorangegangenen Ausführungen haben gezeigt, dass die derzeitigen Strategien der Parteien im Umgang mit den Rechtspopulisten aus zwei miteinander verwobenen Gründen scheitern. Erstens gehen sie davon aus, dass die rechten bzw. migrationsfeindlichen Einstellungen die Ursachen für das Wahlverhalten genügend abbilden, um darauf entsprechende Themenstrategien aufzubauen. Zweitens konzentrieren sich die Debatten inner- und außerhalb der Parteien auf die kurzfristige Rückgewinnung von Wähler:innen. Weil die Wahlerfolge der Rechtspopulisten aber strukturelle Ursachen haben und die Mainstreamparteien bei den Wähler:innen der äußersten Rechten nur sehr geringes Vertrauen genießen, ist die Loyalität gegenüber der äußersten Rechten besonders hoch. Beides weist darauf hin, dass die Wahlerfolge der Rechtspopulisten langfristige und strukturelle Ursachen haben, deren Auswirkungen auf das Wahlverhalten sich nicht durch kurzfristige Taktiken umlenken lassen. Das bedeutet im Übrigen nicht, dass die Rechtspopulisten keine Wahlen verlieren können – es heißt jedoch, dass die gängigen Strategien dafür nach Lage der Dinge nicht geeignet sind. Auf Grundlage der Forschung wollen wir daher einige Überlegungen formulieren, die die strategischen Debatten in den Parteien anleiten können. Wir konzentrieren uns dabei auf fünf mögliche strategische Wege, von denen drei langfristig-programmatisch, zwei kurzfristig-taktisch zu verstehen sind. 1. Zukunftsentwürfe statt nur Verteidigung des Status quo Rechtspopulisten gewinnen nicht zuletzt dadurch, dass es ihnen gelingt, ökonomische und gesellschaftliche Probleme zu einer Krise der Demokratie selbst zu stilisieren(Lewandowsky 2022: 54–63). Die Parteien des politischen Mainstreams greifen diese Strategie auf, indem sie sich in eine Verteidigungshaltung versteigen. Dadurch lassen sie sich in eine Position drängen, in der sie ihre Ressourcen(kommunikativ, personell, programmatisch) dazu aufwenden, den Status quo zu verteidigen. Einerseits ist es geboten, die Institutionen der liberalen Demokratie vor dem Zugriff der extremen Rechten zu schützen und sich gegen deren Delegitimation im politischen Diskurs zu stellen. Andererseits sind die Probleme, von denen die Rechtspopulisten profitieren, durchaus real. Soziale Ungleichheit, ökonomische Ängste, Klimawandel, Migration sind, wenn man den Begriff der Krise vermeiden will, zumindest einige der Megatrends, die sich bereits jetzt auf das Leben der Menschen auswirken und die die Demokratien in den kommenden Jahren zu bewältigen haben(Römmele 2024). Die Rechtspopulisten greifen all das auf, sei es durch Leugnung(menschengemachter Klimawandel) oder Maximallösungen, etwa in der Asyl- oder Migrationspolitik. Übergeordnetes Narrativ ist die Rückkehr zu einem idealisierten Status quo ante. Dem sollten die Parteien alternative Erzählungen gegenüberstellen, mit denen sie zeigen, dass sie die in vielen gesellschaftlichen Gruppen bestehenden Unsicherheiten nachvollziehen und aufgreifen. In Zukunftsentwürfen steht die Entwicklung glaubwürdiger Antworten auf konkrete gesellschaftliche Herausforderungen zwingend im Mittelpunkt, anders als bei Grundsatzprogrammen, deren Fokus auch stärker auf der Formulierung abstrakter Werte liegen kann. Zukunftsentwürfe sind zeitlich gebunden und geben dadurch Richtlinien für einen überschaubaren Zeitraum vor, etwa 20 Jahre; sie schaffen so Orientierung in Zeiten des Wandels. Sie vermitteln den Bürger:innen eine Vorstellung davon, wie Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie aussehen sollen und welchen Weg eine Partei dorthin vorschlägt. Damit werden Parteien wieder als gestaltende politische Akteure sichtbar, anstatt lediglich auf Krisen und die Agenda ihrer politischen Gegner zu reagieren. Zugleich schaffen sie Verlässlichkeit und Transparenz: Sie zeigen, wofür sie stehen und was sie umsetzen wollen, und zwar über den nächsten Wahltag hinaus. 2. Agenda-Setting zurückgewinnen Der populistischen Rechten ist es gelungen, den politischen Diskurs inhaltlich wie sprachlich zu prägen. Vor allem im Themenkomplex Migration und Asyl treibt sie die Parteien des Mainstreams vor sich her. Anstatt zu versuchen, in diesen Politikfeldern zu den Rechtspopulisten aufzuschließen, sollten die Parteien eigene politische Schwerpunkte setzen und dort um gesellschaftliche Mehrheiten werben. Voraussetzung hierfür sind konsistente Zukunftsentwürfe, die Orientierung bieten und die Grundlage für langfristiges Agenda-Setting bilden. Sie ermöglichen es den Parteien, in politischen Debatten nicht nur zu reagieren, sondern sie aktiv zu strukturieren und Themen zu besetzen, in denen sie über hohe Kompetenzwerte verfügen oder diese glaubwürdig aufbauen können. Ziel ist es, die öffentliche Aufmerksamkeit stärker auf jene Herausforderungen und Lösungsansätze zu lenken, für die die Parteien überzeugende Antworten bieten können, anstatt sich dauerhaft von den Themen und Deutungsangeboten ihrer politischen Gegner treiben zu lassen. Die Themen Migration und Asyl werden dadurch nicht verschwinden und sollten auch nicht ignoriert werden. Langfristig kann jedoch eine erfolgreiche Agenda-Setting-Strategie dazu beitragen, dass diese The14 Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.
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Parteien im Stresstest : empirische Befunde und strategische Überlegungen zum Umgang der Parteien mit dem Rechtspopulismus
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