FES-Analyse: Estland, Lettland, Litauen (mit ihren wie erwähnt niedrigen Inflationsraten und ihren fest an Euro oder die IWF-Zahlungseinheit Sonderziehungsrechte gekoppelten 5 Währungen) auch keine größeren Schwierigkeiten bereiten, relativ zügig die Konvergenzkriterien für die Einführung des Euro zu erfüllen. Gesellschaft: Differenz oder Kohärenz? Ungeachtet großer reformpolitischer Erfolge hat die wirtschaftliche Umgestaltung nur eine begrenzt positive gesellschaftliche Breitenwirkung. So kommt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen(UNDP) in seinem jüngsten Bericht über die Lebensverhältnisse in Lettland zum Schluss, dass es trotz positiver makroökonomischer Trends nicht gelungen sei,„den Wohlstand und die Lebensbedingungen der Bevölkerung spürbar zu verbessern“. Die Höhe des Bruttoinlandsprodukts per capita in den baltischen Staaten rangiert(und dies unter Berücksichtigung der Kaufkraftparitäten) zwischen 33%(Lettland) und 42%(Estland) des EU-Durchschnitts. Selbst wenn die jetzige Wachstumsdynamik beibehalten werden kann, werden zwei oder drei Jahrzehnte vergehen, bis das Niveau der schwächsten Alt-EU-Länder erreicht wird. Dementsprechend nüchtern beurteilen die Bürger ihre Lage. Das unter skandinavischer Federführung realisierte Forschungsprojekt NORBALT fand heraus, dass in Lettland – ähnlich wie in den beiden baltischen Nachbarstaaten – etwa 40% der Bevölkerung sich für arm oder„an der Armutsgrenze stehend“ halten. Und obwohl die Wirtschaft boomt, sehen im Herbst 2002 drei Fünftel der Letten ihrer Zukunft mit Ungewissheit entgegen. Nach wie vor wurden keine Konzepte zur wirksamen Bekämpfung der zwischen 9,4% (Estland) und 13%(Lettland und Litauen) liegenden Arbeitslosigkeit gefunden(nach Maßstäben der Internationalen Arbeitsorganisation ergeben sich sogar Werte von 11% bis knapp 18%). Zwar können hohe Arbeitslosenraten auch als Indikator für notwendigen wirtschaftlichen Wandel interpretiert werden, wenig optimistisch stimmt jedoch, dass bei einer eventuellen Wirtschaftsflaute mit weit höheren Quoten zu rechnen wäre. Zwar entwickelt sich der Dienstleistungssektor vor allem in Estland und auch in Lettland dynamisch, doch ist auch seine Absorptionsfähigkeit begrenzt. Insbesondere in Litauen und Lettland, wo noch rund ein Fünftel der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft beschäftigt sind, kann daher ein weiterer Anstieg der Arbeitslosenquoten nicht ausgeschlossen werden. Wie in anderen Transformationsländern ergaben sich auch in den baltischen Staaten im Laufe der vergangenen zehn Jahre erhebliche gesellschaftliche Differenzierungstendenzen. Anders als die jungen urbanen und formell besser gebildeten Gruppen, die einen steigenden Lebensstandard erfahren, gehören Beschäftigte in Landwirtschaft und Teilen der Industrie, Geringqualifizierte und Rentner zu den„Transformationsverlieren“. Während im estnischen Finanzsektor im Schnitt Monatsgehälter von über 12.000 Kronen bezahlt werden(15,7 estnische Kronen = 1 Euro), werden in der Landwirtschaft weniger als 4.000 Kronen verdient. Die estnische Durchschnittsrente entspricht gerade dem 1,2-fachen der Armutsgrenze. Zu beobachten ist auch ein zunehmendes Wohlfahrtsgefälle zwischen prosperierenden (haupt-)städtischen Zentren und stagnierender ländlicher Peripherie. Erstere sind es, die ausländisches Kapital anziehen, in denen die Infrastruktur schneller modernisiert wird, in der sich
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