2 FES-Analyse: Russland Autoritarismus und Wirtschaftsliberalismus Widersprüche oder Bausteine in der gelenkten Demokratie Russlands? Die Ergebnisse der Wahlen zur Staatsduma vom Dezember 2003 und die Wiederwahl Putins mit 71.1% der Stimmen am 14. März 2004 bringen eine Entwicklung zum Abschluss, die bereits bei den Wahlen zur Staatsduma 1999 sichtbar wurde und im Sommer 2003 während der Kampagne gegen den mächtigen Chef des Jukos-Konzerns, Michail Chodorkowski, die strategischen Überlegungen des Kremls beherrschte: die gezielte und endgültige Rückdrängung von politischen Kräften und wirtschaftlichen Einflussgruppen aus der Jelzin-Ära. Dieses Ziel war zu Beginn der ersten Amtsperiode von Wladimir W. Putin weder klar formuliert noch konnte es in Angriff genommen werden, weil dazu die Voraussetzungen fehlten. Konkret, weder verfügte der neu gewählte Präsident im Jahre 2000 über eine eigene politische Hausmacht, noch konnte er auf wirtschaftliche, organisatorische wie administrative Ressourcen zurückgreifen. Bestenfalls standen ihm als administrative Kaderressource die Apparate des Inlandsund Auslandsgeheimdienstes, des FSB, zur Verfügung. Putin war von 1997 bis zu seiner Ernennung zum Premierminister im Oktober 1999 Chef des FSB. Bis zum Ende der ersten Amtsperiode lebte der Präsident also von geborgter Macht. Nur dank der anhaltenden hohen Popularität des Präsidenten, dessen Rating während der ersten Amtsperiode nahezu ungebrochen bei 70% lag, gelang der allmähliche Aufbau einer eigenen loyalen Herrschaftselite. Zugleich wurden mit dem Parteiengesetz und den eingebrachten Reformmaßnahmen die gesetzlichen und administrativen Voraussetzungen geschaffen, um Gegner und potentielle Konkurrenten in Schach zu halten oder sie bei ihrer politischen Entfaltung zu behindern. Als erster Gegner wurde im Frühsommer 2000 die übermächtige regionale Elite aus der nationalen Politik ausgeschaltet und der Föderationsrat entmachtet. Dies geschah mit Hilfe einer umfassenden Koalition, die aus Teilen der Staatsbürokratie, aus allen in der Duma vertretenen Parteien sowie der Kreml-Administration bestand. Aber gegen die Oligarchie, die eng mit der Politik verwoben war, war die Bildung einer solchen Koalition nicht möglich. Die Chance zur Ablösung jener, unter dem Begriff der„Familie“ subsumierten oligarchischen Machtgruppen, ergab sich erst im Verlauf der Chodorkowski Affäre ab Frühherbst 2003. Der Erfolg der präsidialen Partei der Macht, Edinaja Rossia, bei den Dumawahlen entzog den oligarchischen Machtgruppen die politische Basis in der Duma. Nicht nur, dass der Oligarchie nahe stehende Parteien wie die Union der Rechten Kräfte, SPS, oder die liberale Partei Jabloko von Grigori Jawlinski den Sprung über die fünf Prozent Hürde nicht schafften, der deutliche Wahlsieg von Edinaja Rossia erzeugte einen Sogeffekt, der die politische Landschaft radikal veränderte. Aus dem liberalen und demokratischen Spektrum ist nur eine kleine Minderheit von ca. fünfzehn Abgeordneten in der Duma übrig geblieben. Die beiden liberalen Parteien sind beinahe aufgerieben worden. Politische Verbündete der Oligarchie sind entweder ins Lager der Präsidentenpartei, Edinaja Rossia, übergewechselt oder auf nachgeordnete Positionen im Föderationsrat, in der Staatsduma und in der Regierung abgeschoben worden. Der überwältigende Sieg bei den Dumawahlen darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Konstitution einer neuen Herrschaftselite als Prozess noch nicht abgeschlossen ist. Insbesondere die Auseinandersetzungen im Verlauf der Kam-
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